Serbien

Hier gehts zurück nach Ungarn.

24. Tag, 5. Juli

Bezdan – Campingplatz Budzak (vor Apatin), 41 km

Nach der Nacht im wirklich super Zimmer in Bezdan, im Anna Caffe & Rooms, erwartete uns es ein fulminantes Frühstück. Also, wer in die Nähe von Bezdan kommt, diese Pension ist absolut empfehlenswert!

Heute scheint wieder die Sonne, die Route ist gut beschildert, meist relativ gut aspaltiert und die Straßen auf denen sie führt, wenig bis mäßig befahren.

Wenn Leonie schläft, radeln wir viele Kilometer sehr zügig dahin. Wenn sie munter ist, gibt’s viele Gründe zum Stehen bleiben: umsitzen vom Anhänger in den Sitz oder umgekehrt, Pippi machen, eine kleine Jause, ein Gehege mit Ziegen, Durst oder das Einhorn, das seinen Sichheitsgurt, an dem es um Leonies Hals hängt, verwurstelt hat.

Das reife-Kischen-Gebiet haben wir bereits hinter uns. Jetzt gibt es täglich frische Kriecherl, die wir entlang des Weges finden und die uns manchmal regelrecht in den Mund hängen. Ich reichte dann Leonie bei der Weiterfahrt ein Kriecherl von meinem Korb nach hinten und keine Minute später spürte ihre Hände am Rücken: „Ich wische mir meine Hände in dein Tucherl.“ Das Laiberl ist sowieso abends zum Waschen.

An einem Bahnübergang kommen wir neben einem Auto zu stehen. Johannes zeigt auf die Nummertafel, ein Linzer Kennzeichen, und sagt zum Fahrer, der zum offenen Fenster raus schaut: „Da sind wir auch gestartet.“ Es dauert etwas bis der junge Mann, im Auto sitzen mehrere Familienmitglieder, versteht, dass wir von Linz mit dem Fahrrad her geradelt sind. Dann fragt er „Wie viele Stunden habt ihr gebraucht?“

Gegen drei Uhr erreichen wir den gut gepflegten Campingplatz „Budzak“, unweit des Radweges, rund acht Kilometer vor Apatin. Der Besitzer arbeitet gerade mit der Motorsense, und wenn er dann fertig ist, erzählt er in einer Mischung aus deutsch und englisch, kommt das Spritzmittel für die Gelsen. Ob das eine beruhigende Information sein hätte sollen? Trotz seiner Maßnahmen stechen uns im Laufe des Abends mehr als genug Viecher. Es ist wirklich eine Plagerei mit ihnen. Ob das irgendwann anders wird im Laufe der nächsten Wochen? Und ob wir, wenn es keine Gelsen gibt, immer in einer besprühen Umgebung sitzen? Wenn die Spritzerei auch weniger Gelsen macht, ein gutes Gefühl macht sie jedenfalls nicht.

Johannes schaut kontinuierlich darauf, dass es unseren Rädern gut geht. Heute früh machte irgendwas an meinem Rad „miau, miau, … miau, miau, …“. Zwei Mal musste ich stehen bleiben, dann hat er das Geräusch-verursachende Teil gefunden und geölt. Am Nachmittag gab es dann am Campingplatz ein umfassendes Service. Danke!

Online las ich irgendwo, dass der Campingplatz rund 5€ koste. Vielleicht für eine Person. Für uns drei kostet er unwesentlich weniger als das tolle Zimmer vergangene Nacht, nämlich rund 25 €.

25. Tag, 6. Juli

Campingplatz Budzak (vor Budzak) – Bogojevo Štrand, 42 km

Zuallererst zwei Tiersuchbilder. Zudem sahen wir heute im Lauf des Tages zahlreiche Reiher, mehrere dahin staksende Störche und zwei auffliegende Schwarzstörche.

Es dauert immer bis wir in der Früh reisefertig sind. Dass der Start in den Tag angenehm verläuft, ist eine Herausforderung. Nicht alle drei sind wir Morgenmenschen: Es gilt unterschiedlichste Bedarfe ineinandergreifend zu berücksichtigen: noch liegen bleiben wollen, Kaffee herrichten und frühstücken, packen und Zelt abbauen und Morgenhygiene.

In Apatin sehen wir endlich wieder Mal die Donau. Der Weg verläuft über weite Strecken weit weg davon.
Wir kaufen Lebensmittel ein, essen ein zweites, „richtiges“ Frühstück und radeln los, immer den Schildern nach.

Großindustrielle Agrarwirtschaft gleicht sich bisher überall. Östlich von Wien, südlich von Budapest und jetzt westlichen von Novi Sad: die menschenleeren flachen Felder, der gleiche Düngemittelgeruch und die gleichen Marken der immens großen Bearbeitungsmaschinen. Hier dehnen sich Mais-, Getreide- und vor allem Fisolenfelder bis an alle umliegenden Horizonte aus.

Heiß ist es. Wir überlegen, ob wir doch besser die Alternativroute durch die Dörfer hätten nehmen sollen. Vielleicht wäre es dort schattiger. Kürzer wäre sie alle Mal. Jetzt gibt es kein zurück mehr. Wir radeln und kommen ins Naturschutzgebiet Obere Donau, dass an dieser Stelle mit einem massiven Zaun begrenzt ist. Bald wissen wir warum: eine Wildschweinrotte quert vor uns die Straße. Zwei ausgewachsene Tiere und hinten drein der Nachwuchs. „Endlich Wildschweine gesehen.“ höre ich hinter meinem Rücken. Wir bleiben kurz stehen, trinken und sehen ein Stück weiter bereits die nächste Familie im Gestrüpp verschwinden.

Die nächsten Kilometer halten wir nach ihnen Ausschau. Es sind noch einige, die wir zu Gesicht bekommen. Kleine und größere, alleine und im Verbund. Es wirkt so, als ob sie überrascht sind, dass sie nicht die einzigen hier sind. So sehr wir uns über sie gefreut haben, wir sind froh, dass sie nicht neugierig darauf sind wer hier vorbei kommt, sondern im flotten Schweinsgalopp vor uns Reißaus nehmen.

Der Blick vom Damm in die Aulandschaft ist beeindruckend. Rechts des Dammes dehnt sich, wie gesagt das Naturschutzgebiet Obere Donau aus. Das Hochwasser der letzten Wochen hinterließ Algenteppiche, die sich jetzt wie Fetzen eines dicken Stoffes über die Äste spannen.

„Naturdarm müsste es heißen“, sagt Johannes, fährt noch ein paar Meter und steigt ab. Wir schieben den Anhänger mit dem schlafenden Kind.

Irgendwann geht ein Weg rechts runter: Sonta Dunav, der Platz eines Vereins. Fischer, vielleicht. Für eine Pause Schatten werden wir freundlich aufgenommen. Danach geht’s die verbleibenden Kilometer wieder leichter dahin, wenn auch auf Bruchschotter, der auf die Aspaltdecke wartet (!).

Badesee. Gastronomie. Wochenende. Nie wissen wir, welche Art von Campingplatz uns erwartet. Hier ist gar kein Campingplatz, aber vom Betreiber und seinem Onkel werden wir eingeladen das Zelt aufzustellen wo wir wollen.
Leonie stürzt sich ins Wasser. Endlich. Und in den Sand.

26. Tag, 7. Juli

Štrand Bogojevo – Vajaska, 45 km

In den letzten Nächten hörten wir aus der Ferne die Hunde der umliegenden Dörfer und Häuser gegeneinander anbellen. Heute lagen wir erstmals Mitten drin im Kläffen und Bellen, im Jaulen und Knurren. Es störte die Nachtruhe erheblich. Kaum sind die einen ruhig, legen die anderen los.
Das würde bei uns nicht (mehr) gehen. Es würde einfach, glaube ich, zu viele Menschen nerven.

Ganz naiv dachte ich, hinter Wien wird alles anders. Erst wurde nur wenige anders. Und wann genau etwas anders wurde, lässt sich meist nicht sagen. Die meisten Veränderungen schleichen sich ein, still und unauffällig. Nur mache „ersten Male“ erlebten wir bewusst: die erste Schotterpiste, die erste Gelseninvasion, der erste Reiher, der erste türkische Kaffee, das erste Pferdefuhrwerk und das erste Mal wild campen. Den erste herrenlosen Hund, wo sahen wir ihn? Wann wurde aus ihm eine sich selbst überlassene Meute?
Leonie wachte trotzdem munter auf: „Baden gehen will ich. Es ist wieder Tag.“ Sie pritschelte. Wir packten wieder unseren Hausstand zusammen.

Die Nacht verbrachte Jana aus Regensburg neben uns in ihrem –Zelt. Sie ist von zu Hause aus zu Fuß unterwegs, ebenfalls ans Schwarze Meer. Das ist allerdings nicht ihr Ziel. Sie will auf dem Landweg nach Indien um dort eine Yoga-Ausbildung zu machen. Ein beeindruckendes Vorhaben. Sie ist bereits weg als wir aus dem Zelt krabbeln.

Sonntag. Wir radelten zwischen großen Felder hindurch. Es fuhren die Mähdrescher. Heiß war es. Arg heiß. Wir radelten. Johannes hatte heute etwas frei. Für ein paar Kilometer fuhr ich sein Rad und zog den Anhänger mit Leonie.

Ziva. Zwischen großen verlassen Gebäuden, Stallruinen, die irgendwann ein landwirtschaftlicher Betrieb waren, rasteten wir lange und ausgiebig bis die Kraft der Sonne nachließ und der leichte Wind kühler wehte.
Auf der Karte war in 10 km ein Badeteich mit dem Namen Provala eingezeichnet. Wir brauchten dringend eine Kühlung und gingen davon aus, dass wir dort einfach wieder unser Zelt aufstellen können.

Wir sahen, dass sich ein Gewitter zusammen braut. Und, als wir zum See kamen, war da nicht nur ein Campingplatz sondern auch ein „Burghotel“: Backi Dvor Jezero Provela. Das, was in Bogojevo eine Baustelle ist, ist hier fertig gestellt. Für 37€ gibt’s das Zimmer. Wir überlegten nicht lange. Johannes, der unsere Sachen versorgte, die Räder in einer Garage unterstellen konnte, kam bereits ganz durchnässt ins Zimmer. Ein richtiges Sommergewitter inklusive Hagel zog über uns hinweg. Gut im trockenen Zimmer zu sitzen. Und den Badesee können wir hoffentlich morgen früh noch nutzen: „Baden gehen will ich. Es ist wieder Tag.“

27. Tag, 8. Juli

Vajaska/Provala – Bač, 12 km

Der Platz mit dem Burg-Gebäude ist nach dem gestrigen heftigen Sommergewitter wie frisch gewaschen und leer, weil heute Montag ist.
Wir verbrachren den Vormittag mit baden. Wie am Bogojevo Štrand ist auch hier der Boden sandig als ob es Meeresstrand wäre. Was gibt es hier zu sehen? Kaulquappen? Nein. Ganz unerschrockene Fischkinder. In größeren und kleineren Schwärmen sind sie um uns herum im seichten Wasser unterwegs. Am liebsten wollen sie sich unter unseren Fußsohlen verstecken.

Die heißesten Stunden des Tages verbrachten wir unter den Bäumen am See. Dann erst radelten wir die paar Kilometer nach Bač.
Anderen Radreisenden sind wir jetzt seit drei Tagen nicht mehr begegnet. Zuletzt kam uns eine Familie aus Frankreich, ich schätze der Bursche war ungefähr neun, zehn, entgegen. Sie sind im April in Rom gestartet und radeln jetzt auf dem Eurovelo 6 nach Hause, wofür sie noch rund zwei Monate brauchen werden.
Unseren kanadischen Bekannten ist es ab Budapest zu heiß geworden. Sie radeln inzwischen noch bis Ende des Monats in Irland.

Dafür begegnen wir anderen Menschen. Interessierten, hilfsbereiten, aufmerksamen, unkomplizierten.

Heute ist der erste absolute Stimmungstiefpunk unserer Reise. Nach vier Wochen reden wir das erste Mal von frühzeitiger Heimfahrt. Es scheint die Grenze unserer Unbequemlichkeitsfähigkeit erreicht. Die Hitze zu den Mittagsstunden, die Gelsen an den Abenden, die unattraktiven Zickizacki-Strecken der letzten Tage, die uns das Gefühl gibt, nicht weiter zu kommen und der Umstand, das Leonie seit ein paar Tagen nicht mehr im Anhänger sitzen. Dann fehlt ihr der Schlaf, was auch nicht förderlich ist für unser aller Gelassenheit.

Wir radeln in Bač ein. Die Ruine der Festung Bač aus dem 14. Jahrhundert schaut schön aus, wir haben dafür aber grad gar keine Nerven. Die online gesuchte Pension Jakić schaut geschlossen aus. Auch das noch. Einen offiziellen Campingplatz gibt es hier nicht.
Wir reden gar nix mehr. Stehen vorm Supermarkt rum. Der Besitzer der Kneipe daneben kommt und fragt was wir brauchen. Wie so viele Menschen hier spricht er etwas deutsch. Das andere Hotel im Ortszentrum hat geschlossen. Irgendwas gibt es zwei, drei Kilometer weiter außerhalb. Und er kennt jemand mit zwei Zimmer zum Vermieten. Wäre auch eine Möglichkeit. Dann gibt es die Idee auf seiner Wiese neben dem Supermarkt und der Kneipe zu campen. Wir lassen uns dort erstmal nieder, kaufen hoffnungsvoll Erdbeersaft und eine Melone. Die gibt es so gut wie immer nur als ganzes. Sie kommen aus der Gegend.

Wir essen die saftige Melone. Wo könnten wir aufs Klo gehen, wenn wir hier Campen? Der Mann wird die Kneipe nicht ja auch Mal zusperren.
Es dauert nicht lange, beginnen sechs Burschen neben uns, auf einem Betonfeld mit zwei kleinen Fussballtoren, zu Spielen und Rangeln Sie sind erst zurückhaltend und werden dann neugierig. Sie stellen Fragen. Auf serbisch. Einer spricht etwas mehr Englisch als die anderen. Endlich kommt mein „Ohne Wörter Wörterbuch“, mit vielen Bildchen drin, zum Einsatz. Wir schaffen es ihnen in Grundzügen von unserer Reise zu erzählen. Ihre unbeschwerte Neugier rettet vorerst unsere Stimmung. Ein 18 jähriger kommt dazu. Er kann auch nicht mehr Englisch als die anderen. Die Nachbarsfamilie von gegenüber kommt, fragt was wir brauchen.

Johannes spricht mit ihnen. Ich schneide für die Burschen die zweite Hälfte der Melone auf.
Die Nachbarn wissen, dass bei der Pension durchaus Zimmer vermietet werden. Wir packen unsere Jausensachen ein und verabschieden uns von den Burschen. Der ältere lässt es sich nicht nehmen und begleitet uns.

Frau Jakić ist Schwabendeutsche. Aus Ulm stammen ihre Vorfahren. Für 20€ vermietet sie uns ein Zimmer und erzählt, dass die Nachbarin in Linz lebt, jetzt aber gerade auf Familienbesuch da ist.

Als wir uns dann erneut zum Supermarkt auf machen, treffen wir sie tatsächlich. Sie geht auch noch einkaufen. Die hilfreichen Nachbarn grüßen über den Zaun, die Burschen winken vom Fussballspielen herüber. Bač ist super.

28. Tag, 9. Juli

Bač – Gložan, 41 km

Heute sah unsere Welt komplett anders aus. Als ob irgendein Schalter umgelegt worden wäre. Nach einem improvisierten Frühstück mit leckerem Tomaten-Weißer Käse-Salat im Zimmer und einer ordentlichen Portion Himbeeren, auf die wir von den Nachbarn auf ihr Feld eingeladen worden waren, radelten wir los.
Nachdem es jetzt zwei Nächte geregnet hat, scheuten wir den Dammweg, der auf der Karte nicht durchgehend als aspaltiert eingezeichnet ist. Auf Gatschwegen feststecken, die dort möglicherweise sind, können wir verzichten. Zudem ist der Dammweg doppelt so lange wie die direkte Straßenverbindung. Wir radeln einfach auf der Bundesstraße bis Bačka Palanka, 24 km. Am Vormittag ist nur wenig Verkehr.

Mit Trick und Geschick fuhr Leonie dann doch im Anhänger – und schlief! Es geht nix über ein ausgeschlafenes Kind!
In Bačka Palanka radelten wir zur Donau und zum Tikvara See, der direkt daneben liegt. Die Gemüseschnitzel, den Panierten Käse und den Šopska Salat können wir im dortigen Dunav Čarda Restoran sehr empfehlen. Während wir auf das Essen warten, hat Leonie viel zu tun: Die Hufe vom Dinosaurier müssen ausgeputzt werden:

Immer wieder springen neben uns Fische an die Wasseroberfläche als wir dann im See baden. Am Wochenende wuselt es hier vermutlich, heute sind kaum Menschen da. Komisch war uns, dass dann ein Traktor mit einem Scheibengrubber kam und den gesamten Sandstrand zu einem Feld machte. Gut, dass wir da schon am aufbrechen waren.


Nachdem wir bis Mittag so vergnügt unterwegs waren, entschieden wir, dass wir weiterradeln wollen und nicht wie gestern besprochen ein paar Tage Pause in Bačka Palanka machen. Das erste Mal buchten wir im voraus (also ein paar Stunden im voraus) ein Zimmer für die Nacht. Das Ethno & Coffee House Tulip in Gložan schaut entzückend aus, die Strecke bis dorthin für den späteren Nachmittag gut machbar.

Aus Bačka Palanka rausfahrend kamen wir wieder an einem dieser gigantischen Silo-Komplexe vorbei. In vielen Orten stehen sie. Was genau darin gelagert wird, wissen wir nicht. Mais? Getreide? Alles mögliche, das hier auf den Feldern wächst vermutlich.
Die Strecke zwischen Bačka Palanka und Gložan ist mühsam: Obwohl es die Hauptroute des Donauradweges ist, ging es auf stark befahrener Bundesstraße dahin. Das Sommergewitter mit Hagel war in dieser Gegend am ärgsten. Vom Mais und von den Sonnenblumen auf den Feldern ist nicht mehr viel übrig.

Beim Supermarkt in Gložan überlegte Johannes, was er noch fürs Abendessen einkaufen will. Dann entschieden wir uns doch für die Zucchini, die wir seit Tagen im Gepäck haben.

Beim Ethno & Coffee House Tulip arbeitet Pavel gerade im Garten. Auch hier hat der Hagel einiges an Schaden angerichtet. Seine Frau Tatiana und er haben aus dem Haus, dass seiner Großmutter gehörte, eine idyllische Insel für Gäste gemacht. Liebevoll ist das Zimmer und der Garten gestaltet. Eine kleine Vase mit frischen Blümchen steht im Fensterbrett.

Leonie wird von Pavel eingeladen mit zum Marillenbaum zu kommen. Sie schmecken ihr so, dass sie auf den Zucchini zum Abendessen gut verzichten kann.
Es war ein vergnüglich er Tag. So kann es weiter gehen.

29. Tag, 10. Juli

Gložan – Novi Sad, 7 km

Am Morgen regnete es. Aber wie die vergangenen zwei Tage hört es auch heute im Laufe des Vormittags auf.

Marillen und Nektarinen, Paprika und Tomaten kommen aus dem eigenen Garten, Wurst und Speck von den eigenen Schweinen, Hühner haben sie auch. Bier braut Pavel auch. Den gestern geressten Marillenaft für das Frühstück hat er zu Hause vergessen. Er bereitet frischen Marillen-Smoothie für uns zu.
Neben dem Frühstücksraum ist der ehemalige zentrale Wohnraum des Hauses zugänglich. Er ist in seiner historischen Form belassen, mit dem ehemaligen Mobiliar, einem gemauerten Ofen und Textilien ausgestattet.
Pavel und seine Familie haben slowakische Pässe. Sie könnten überall hin gehen. Sie haben ganz bewusst entschieden zu bleiben, das Haus der Großmutter zu renovieren, sich möglichst autark mit Lebensmittel zu versorgen und zudem Gäste an ihren Platz willkommen zu heißen.

Es war schon späterer Vormittag als wir uns verabschiedeten. Der Dammweg nach Novi Sad wurde im letzten Jahr durchgehend asphaltiert, versicherte uns Pavel und so schlugen wir den Weg dorthin ein.

Wir radelten wieder an einer Schafherde vorbei, nach dem Hirtenhund Ausschau haltend. Ich frage die Schäferin: „Wuff Wuff?“ Sie muss lachen, sagt etwas das ich als „kein Hund“ interpretiere und tippt sich auf die Brust „Wuff Wuff“.

Wir radelten am flachen Damm zügig dahin. Leonie schlief, heute zugedeckt, im Anhänger. In der Ferne vom gegenüberliegenden Ufer an, reihten sich Hügel an Hügel. Dort würde ich nicht gerne radeln wollen.

Dass die Schäferin keinen Hund hatte, wunderte uns wirklich. Überall gibt es hier Hunde. Einige sah ich mitten am Feld, so wie man bei uns manchmal Rehe sieht. Hinter jedem Gartentor wacht mindestens ein Hund, auf den Straßen laufen sie herum, mache sind an der Leine, die meisten gehen selbständig Gassi.

Firmengelände werden von Hunden bewacht und auch einfach irgendwo liegen sie zum Schlafen. Die frei laufendem bellen nicht und kümmern sich nicht extra um die Menschen. Am unangenehmsten sind die, die hinter den hohen Zäunen und Mauern lauern und völlig unerwartet zu kläffen beginnen, sich mit ganzem Gewicht gegen den Zaun fallen lassen. Solche erschrecken uns immer wieder Mal.

Um zwei Uhr waren wir in Novi Sad. Auf einem Schiffsrestaurant gab es leckere Toasts. Danach war das Hostel Varadinn rasch gefunden. Es war kühl heute, wir genossen unser Zimmer, wenn auch Johannes sagte, dass es wie ein Puppenhaus ist. Sogar Leonie ist schon zweimal wo dagegen gerannt. Auch sie hatte wohl nicht damit gerechnet, dass sie so wenig Bewegungsspielraum hat.
Nach einer ausgedehnten Pause besteigen wir den Hügel auf dem die historisch wichtige Festung Petrovaradin liegt. Was für tolle Panoramen: die Stadt, die Donau, das Abendrot.



30. Tag, 11. Juni

Novi Sad – Stari Slankamen, 42 km

Wir schwammen noch eine Runde im Pool bevor wir aus Novi Sad raus radeltn. Es ging zehn Kilometer auf der Transitstraße in Richtung Belgrad dahin. Dass sie, die Serben, einem da als RadlerInnen überhaupt fahren lassen, ist wild, sowohl für uns als auch für die Auto- und LKWfahrerInnen. Leonie war bester Laune und erfand sich Geschichten. Heute hörte ich etwas von Babyautos, die in Mäuselöcher hinein fahren und irgendjemand bekam mehrfach gesagt, dass er kein dreckiges Badewasser trinken darf. Gelegentlich stand ich auf dem auf um mich etwas zu dehnen. Da saß ich auf einmal sehr weich. Leonie kudderte. Sie hatte mir das Einhorn untergeschoben. Ich weiche einem Aspaltloch aus, links von mir rattert ein LKW mit Anhänger vorbei. Johannes und ich waren erleichtert, als wir links abbiegen konnten. Anfangs fuhren auch auf dieser Schotterstraße noch einige LKWs. Als sie dann nach dem Gelände einer Baufirma noch immer an uns vorbei wollten, waren wir irritiert. Da stellten wir fest, dass wir direkt in einem Baustellengelände radeltrn. Ja, auch die lokale Bevölkerung fährt hier entlang. Zum zweiten Mal wunderten wir uns, dass sie da überhaupt jemand fahren lassen. Die Bahnstrecke Belgrad – Novi Sad wird zweigleisig ausgebaut. Knapp 10 km geht’s entlang der Strecke dahin: Baufahrzeuge, grüßende Arbeiter, Schotterpiste, beeindruckende Gerüstkonstruktionen. Vom Kindersitze hörte ich nichts mehr. Auch Leonie scheint beeindruckt gewesen zu sein. „Servus!“ rief jemand zu uns her. Dass passiert uns immer wieder, das wir gleich auf deutsch angesprochen werden. Die Menschen hier wissen, dass die RadelfahrerInnen mit hoher Wahrscheinlichkeit aus einem deutschsprachigen Land kommen. Das ist mir jetzt immer mehr bewusst geworden, dass vermutlich eher Menschen mit gut gesichertem und sehr bequemem Lebensalltag derart unbequeme Reisen machen. Viele hier finden es zwar irgendwie „cool“, bezeugen uns ihre Sympathie mit Hupen und nach oben gestreckten Daumen. Die meisten können sich aber bei einem durchschnittlichen Einkommen von 300, 400 Euro vermutlich grad Mal den Alltag leisten.


Endlich erreichten wir das Ende der Großbaustelle. Und da kamen unsere ersten Steigungen! Wir strampelten hinauf nach Cortanovci und machten eine ausgiebige Mittagspause. Bisher war es, so unglaublich mir das auch scheint, tatsächlich flach dahin gegangen. Nur der Bühel in Schönbühel, irgendwo in NÖ fällt mir wieder ein.
Mitten im Ort an einer Kreuzung machten wir Mittagspause. Wir waren froh, die zwei Streckenabschnitt geschafft zu haben und etwas auf der Decke zu rasten. Leonie hingegen war gut ausgeruht, wollte Kunststücke machen.


In Beška sahen wir ein Schild, das uns bewusst macht, dass das Donauwasser ab hier 333 km weniger Strecke bis zum Schwarzen Meer vor sich als wir. Beška liegt auf der Höhe von Stromkilometer 1247.

Zum Glück geht’s dann auf weniger befahrenen Landstraßen gut dahin. In den Dörfern sehen wir immer wieder Menschen die Melonen verkaufen. Wir können sie nur kurz vor einer geplanten Rast kaufen. So eine Kugel will keiner von uns lange mittransportieren.

Nachdem Leonie schlief, radeltn wir durch bis Stari Slankamen. Noch nicht Mal ganz im Ort angekommen, wurden wir von einem Auto aus angesprochen, ob wir ein Zimmer suchen. Wir nahmen das angebotene Zimmer und beobachteten, wie so weitere Gäste für die Nacht organisiert wurden. Es gibt eine weitere Pension, mit möglicherweise attraktiveren Zimmern, hier. Da muss man schon schauen, wie man ein Geschäft macht.

Der sog. Strand ist arg verdreckt, voller Scherben und Müll. Mit dem ersehnten Pritscheln wird’s nix, aber eine Schlangenhaut finden wir.

Dann hängen, wie die meisten anderen hier auch, beim Wirt an der Kreuzung, der zugleich auch ein Geschäft hat, herum. Wir schauten den Menschen zu, die hier offensichtlich in der riesigen Reha-Anstalt für Probleme mit dem Bewegungsapparat untergebracht sind. Wir schauten den hunderten von Schwalben zu, die unter den Dachvorsprüngen der Anstalt seit Generationen ihre Nester bauen und den Dorfhunden, die sich vor uns balgen und rangeln. Stari Slankamen. Der Ort hätte mit seiner geschützten Lage an der Donau Potential für Tourismus, wirkt aber alles in allem vernachlässigt und skurril.

31. Tag, 12. Juli

Stari Slankamen – Skorenovac
28 km geradelte
76 km mit dem Auto gefahren

Bei den Reisevorbereitungen lasen wir immer wieder von den abenteuerlichen Fahrradbedingungen durch Belgrad. Keine Radwege, rücksichtslose AutofahrerInnen und nur eine einzige Bücke, eine Autobahnbrücke, aus der Stadt hinaus. Belgrad mit knapp 1,4 Millionen EinwohnerInnen und die rund 25 km durch die Stadt wollten wir uns nicht antun. Seit Tagen überlegten wir, welche Möglichkeiten es gibt, mit den Fahrrädern und dem Kinder-Anhänger auf die andere Seite von Belgrad zu kommen: Linenschiff? Zug? Taxi?

Unser geschäftstüchtige Vermieter aus Stari Slankamen brachte uns heute Vormittag mit dem Auto, bzw. mit zwei Autos, die rund 76 km nach Pančevo nordöstlich von Belgrad. Im Lieferwagen fuhr unser Equipment, im Audi fuhren wir. Ich war froh, dass der ein Board-Klo hat und wir nicht jedes Mal stehen bleiben mussten, wenn das Einhorn Kacki machen musste!

In Pančevo angekommen machten wir gleich Mal Mittagspause an der Temsch. Leonie nutzte die Gelegenheit und lies sich von den jungen Frauen, die auf der Bank neben uns mit Nagellack hantieren, ihre Nägel anpinseln.

Der Weg aus der Stadt raus verlief zum Teil auf der stark befahrenen Straße, zum Teil auf eigenem Aspaltweg, der jedoch mühsam war, weil sehr holprig, eng mit Randsteinen alle paar Meter. Dann kam auch noch ein Radweg-Schild, dass darauf hinwies, dass eine gewisse Zeit im Jahr die Bäume entlang des Weges ihre Stacheln abwerfen, die auch für gute Radreifen zum Problem werden können. OK, wir benutzten die Fahrbahn.
In Starčevo hatten wir dann dennoch unseren ersten Platten, am Anhänger. Vorbei war es vorerst mit dem Leonies beginnendem Mittagsschlaf.

Ohne viel murren und knurren wechselte Johannes den Schlauch und zur Sicherheit auch den Mantel. Er hatte beides auf Reserve für uns eingepackt. Es dauerte nicht lange und wir waren wieder fahrbereit. Johannes hielt Ausschau nach einem Geschäft indem er Pickzeug oder einen neues Ersatzschlauch bekommen kann. Wir blieben gleich noch im Ort bei einem Laden, der von außen wie ein Mini-Lagerhaus wirkte, stehen. Der Verkäufer sprach etwas deutsch, holte aber dann doch die Töchter der Familie, von denen die größere, Anja, super englisch sprach. Bald hatte Johannes Pickzeug (Kleber mit acht Pickerl, ein Stück Schleifpapier wird auch noch wo runter geschnitten) in der Hand. Im Laden gab es alles was man so braucht für kleinere Arbeiten an Haus und Hof. Nein, zahlen müssen wir es nicht. Ob wir was zum Trinken wollen, ob wir uns reinsetzen wollen, wurden wir gefragt. Wir saßen bei Anja, Tijana und ihrer Mutter Milena hinter dem Geschäft, quasi im „Sozialraum“. Die Familie hat eine Landwirtschaft, Sonnenblumen-, und Maisfelder. Hier sitzen die Arbeiter vor und nach der Arbeit und in den Pausen zusammen, erklärte uns Anja. Ihr Vater, der dann mit zwei Arbeiter kam, erzählte, dass er als Kind sieben Mal in Eferding war, zu Besuch bei seiner Oma und ihrer Schwester. Wir erzählten von unserer Reise und freuen uns Anja und ihre Familie kennengelernt zu haben. Danke für das Pickzeug und die Gastfreundschaft!

Leonie schlief mit einer geschenkten Familienpackung Kekse unterm Arm im Anhänger mit dem neuen Reifen ein. Wir radelten so flott wir konnten. In Skorenovac ist ein Campingplatz eingezeichnet. Mal sehen ob es ihn gibt.

KeinCampingplatz ist wie der andere. Der hier wurde bei einem privaten Wohnhaus, das offensichtlich derzeit keiner gebraucht, installiert. Es hängt ein Schild vor dem Tor. Wenn man bei der Nummer anruft, kommt jemand und lässt einen rein. Mischi, falls wir den Namen richtig verstanden haben, zeigte uns den Platz und die großzügige Sanitäranlage. Lautstark wurden wir von zwei Esel, die ihr Gehege mit zwei Schafen teilen, begrüßt. In einem größeren Käfig kletterte ein Sittich den Ast rauf und runter und ein Schäferhund umschlich uns aus einiger Entfernung.

Nach vielen Tagen bauten wir wieder unser Zelt auf und gingen Abendessen ins Gasthaus, das der gleichen Familie gehört. Der Tisch wurde gedeckt, wir bestellten Getränke. Die Speisekarte? Es gäbe keine Speisekarte, das Essen sei in einer Minute auf dem Tisch, machte mir der junge und bemühte Bursche verständlich. Es brachte ihn auch nicht weiter aus dem Konzept, als ich ihm sagte, dass ich aber Vegetarierin sei. Zwischen Küche, einem Freund am Tisch, der ihm mit englischem Vokabular aushalf, und mir, flitze er hin und her um die Angelegenheit zu regeln. Erst bekamen wir zwei Schüssel mit Suppe, eine mit, eine ohne Fleisch, dafür mit Fisolen. Für Johannes gab es dann Gefüllte Paprika und für mich Omlett mit Käse. Alles schmeckte uns. Zur Frühstücksüberraschung kommen wir wieder!

32. Tag, 13. Juli

Skorenovac – Ram, 46 km

Wieder war die Nachtruhe vom unruhigen Gebell der Hunde durchzogen. Zudem knappern, scharren und treten die zwei Esel immer wieder gut hörbar. Kurz nach halb drei, das war heute früh meine Blog-Schreibzeit, krähten das erste Mal die Hähne. Das fand sogar ich früh!



Jeder Campingplatz ist anders. Bei diesem sind nicht nur die Tiere besonders, sondern auch die Sanitäranlagen.

Immer wieder werden wir von Menschen gefragt, wie es für das Kind ist, so eine Reise zu machen.
Wenn wir Leonie fragen, sagte sie „Gut.“ oder „Die Gelsen sind ungut.“ oder „Normal.“ „Es ist ein kleines Abenteuer.“, Hat sie auch schon gesagt.
Am Vormittag lässt sie nach wie vor gerne in den Sitz heben und den Helm aufsetzen, fragt, wie der nächste Ort heißt und ob man dort baden kann. Und ob es dort ein Eis zu Kaufen gibt. Seit unserem zwei arg anstrengenden Hitzetagen entlang der so unattraktiven Strecke, ist unsere allgemeine Stimmung wieder sehr fein und vergnüglich. Es ist
derzeit nicht so heiß, die Strecke ist abwechslungsreich. An das Fahren auf Landstraßen haben wir uns gewöhnt. Es gibt weniger Gelsen, oder vielleicht haben wir uns auch an sie gewöhnt. Die größte Herausforderung ist grad unsere Pippilotta zum Mittagsschlaf im Anhänger zu verführen.


Bei der Fahrt aus Skorenovac öffnete gerade der Schmied seine Werkstatt. Wir blieben stehen. Er zeigte uns seine Hufeisen. Leonie bekam ein Glas Kuhmilch. Ja, sie haben selbst eine Kuh, vielleicht auch mehrere. Das erfragen wir mangels gemeinsamer Sprache nicht. Dann bringt die Frau ein sehr großes Stück Frischkäse, ebenfalls selbstgemacht. Es ist ebenfalls ein Geschenk für uns.


Plötzlich änderte sich die Landschaft. Weg waren die feuchten Auen, die nicht überblickbaren Felder, die schier endlose Ebene.
Die Autos mit rumänisch Kennzeichen werden immer mehr. Und auch erstaunlich viele mit deutschen und österreichischen fahren an uns vorbei. Alles Menschen, die auf Familien- und Verwandtenbesuch hier her fahren.


Nach der vielen Landstraße heute, entschieden wir uns dafür, den Dammweg zu nehmen. Er führt entlang des Dunav-Tisa-Kanal nach Stara Palanka, dass am linken Donauufer bereits am der Grenze zu Rumänien liegt. Es ging auf dem harten Feldweg relativ gut dahin. Wieder sahen wir einige Reiher und kamen durch eine große Kuhherde mit Hirten. Auch seine Hunde waren wie alle bisher sehr ruhig und zurückhaltend.

In Stara Palanka erreichten wir zufällig gerade die Fähre, die alle zwei Stunden fährt. Wir hatten mittags gar nicht gedacht, dass wir heute noch so weit kommen. Einige andere Radreisende, auch Jasmin aus Luxemburg, die wir in Tulln kennengelernt haben, trafen wir hier wieder.

Nach dem es in Ram keine offizielle Möglichkeit zum Übernachten gibt, fragten wir den Wirten gleich bei der Anlegestelle. Mit den Händen deutete er mir ein Zelt und zeigte mir ein Stück Wiese zwischen Gasthaus, Donauufer und dem Weg zum Gasthaus-Klo. Perfekt!

Nach einem Abendessen im Gasthaus, Fisch für Leonie, der Kartoffel-Beilagensalat für Johannes und Salat mit Brot (der blieb mir ganz für mich), gingen wir rauf zur frisch revitalisierten Ruine. Was für ein Ausblick auf die Donau, die hier zu einem breiten See angewachsen ist.

33.Tag, 14. Juli

Ram – Golubac, 37 km

Seit der gestrigenn Überfuhr von Stara Palanka nach Ram fühlt es sich so an, als ob jetzt ein neuer Abschnitt der Reise begonnen hätte. Wir haben rund die Hälfte der Strecke hinter uns, die andere vor uns.

Zusammenfassend können wir sagen, dass wir bisher keinerlei schlechten Erfahrungen gemacht haben. Unser relativ langsames Fortkommen ermöglicht viele Begegnungen, besonders hier in Serbien. Unsere Räder zeigen zum Glück, und dank der guten Pflege von Johannes, noch keine wesentlichen Verschleißerscheinungen, was bei dem Gewicht das wir mittransportieren und den Belagsverhältnissen erstaunlich ist. Wir haben uns gut an den Rhythmus des täglichen Weiterziehens gewöhnt und mit allen dazugehörigen Anstrengungen taugt es uns.

Die Strecke heute war angenehm und landschaftlich schön. Nach Ram ging es auf frischem Asphalt dahin und gleich in Zatonje blieben wir beim Geschäft mit Gastgarten nochmals stehen. Die Leute hier, vor allem die Männer, sehen wir oft wo zusammen sitzen. Mehrere von ihnen hier haben irgendwann in ihrem Leben in Österreich gearbeitet. Einer, so erzählt er, für die Firma Mautner. Während ich schaute, dass sich Pippilotta mit ihrem zweiten Frühstück nicht allzusehr anpatzt, redeten die Männer über Politik: „Kurz kaputt“ und Erdogan, der angeblich die neu asphaltiere Straße nach Ram sowie die umfassende Renovierung der Festung Ram finanziert hatte.

Wir radelten seit langem endlich wieder in Sichtweite der Donau. Am gegenüberliegenden Ufer stiegen die Ausläufer der Kaparten an. Bei uns ging es, bis auf die Ausfahrt aus Ram, den ganzen Tag relativ flach dahin, auf Mal besserem, Mal auf schlechterem Asphalt. Nach einigen Tagen, an denen ich bei den Kriecherl-Bäumen vorbei geradelt bin, freute ich mich heute schon wieder über die frischen Früchte entlang des Weges und blieb mehrmals stehen.
Auch heute sahen wir viele Autos mit österreichischen Kennzeichen.


Die Eltern und Großeltern hier sind oft mit sehr alten Autos unterwegs. Die Kinder und Enkelkinder, die zu Besuch kommen, fahren durchwegs schwere Wägen.
„Bast eh ois?“ rief uns jemand in gezielt gewähltem Wienerisch zu. Und ein schicker Herr im Anzug, zu einer Hochzeit ist er hier, grüßte ebenfalls im stilvollen Slang der Bundeshauptstadt.


Beim sog. Silbersee, einem abgetrennten Donauarm mit touristischer Infrastruktur, machen wir Pause. Pippilotta findet wie immer etwas zum Spielen. Heute waren es die Minigolf-Stationen. Sie wurden zu ihren Wohnhäusern. Wenn sie nicht gerade mit putzen beschäftigt ist, balanciert sie darauf herum. Ich werde auf einen Sofa-Stein eingeladen und darf ihr zuschauen.

In Veliko Gradište kamen wir zufällig zu einem lokalen Rassehundewettbewerb zurecht. Es amüsierte uns den großen und kleinen Wuffis, mit ihren großen und kleinen Menschen zu zu sehen.

Aus Veliko Gradište raus wurden wir dann immer schneller und schneller. Eine dunkle Regenwolkenfont kam rasch näher. Nur kurz blieben wir stehen, nämlich als wir am warmen Asphalt vor Golubac Würfelnattern (vermutlich) liegen sahen.


Gerade noch rechtzeitig radelten wir in Golubac ein, nahmen das erste Zimmer, mit Küchenzeile, und sahen zu wir die Regenwolken weiter zogen.
Nach einer ausgiebigen Rast gehen wir noch raus an die Donau. Wie fast täglich sind Johannes und ich gut müde. Pippilotta will noch turnen.

34.Tag, 15. Juli

Golubac – Lepenski Vir, 37 km

Wie viele unterschiedliche Dinge es gibt, die einem die nächtliche Ruhe stören können! Diesmal waren es keine Geräusche, auch keine Gelsen oder andere tierische Plagen, sondern schlichtweg die Menge an Waschmittel, die für die Bettwäsche verwendet worden war. Den anderen zweien war es egal. Ich hatte das Gefühl im Waschpulverkarton zu liegen, so intensiv roch die Bettwäsche.

Die kommenden Tage führen uns durch den Nationalpark Djerdap, in dem sich die Donau über viele Kilometer in einer engen Schlucht durch die Ausläufer der Kaparten quetscht. Auf deutsch wird diese Passage von rund 120 km Eisernes Tor genannt. Wir haben vor uns dafür viel Zeit zu lassen.

Bevor wir losradelten, suchten wir die Post und die Bank. Jedes Postgebäude hier schaut anders aus. Während ich drin in der Warteschlange mit einem pensionierten Deutschlehrer sprach, war Johannes draußen mit zwei anderen in Kontakt. Der eine hat in Deutschland gearbeitet, der andere lebt mit seiner Frau in Wien. Als wir aus dem Ort raus radelten, winkte er bei ihrem Haus am Gartentor. Wir waren auf Kaffee und Kekse eingeladen.

Erst kürzlich renoviert, die Festung Golubac. Wir radeln dran vorbei, damit wir ein Stück in den Nationalpark Djerdap rein kommen.
Wir hatten angedacht, im kleinen Ort Dobra zu bleiben, radelten aber nach einer Mittagspause im Park vor dem Geschäft doch weiter.

Eine Reihe unbeleuchteter Tunnel, kontinuierliche Steigungen, der zweite Reifenplatzer, die Sonne scheint, schön ist es.

Online las wir, dass man im Gelände des Museum Lepenski Vir campen darf. Ja, wenn wir das Zelt erst nach dem schließen des Museum, also nach 20 Uhr
aufstellen und es um acht Uhr wieder weg ist, dann passt das. Fein! Das Gelände ist wunderbar gepflegt, die Wiese gemäht, Obstbäume gibt es und einige historische Häuser, wie in einem Freilichtmuseum.
Lepenski Vir ist Ort einer archäologischen Grabung, über die aufwändig ein Museum errichtet worden ist. In den 1960 Jahren begonnen Ausgrabungen brachten eine Siedlung, zahlreiche Funde aus Knochen, Skulpturen und auch Skelette zu Tage. Datiert werden die meisten Funde auf 7. Jahrtausend v.u.Z.

Wir freuten uns überber die Gaststätte beim Museumsgelände, die auf unserer Karte nicht eingezeichnet ist. Die Hunde hier freuten sich über das Missverständnis, dass ich zum Salat nicht nur Pommes bekam, sondern auch Chivapcici.

Und wir freuten wir über die Hunde hier. Vier sehr knuffige Welpen waren dabei. Sie begleiteten unseren Zeltaufbau und Pippilotta machte ihre ersten intensiven Hunde-Erfahrungen mit ihnen. Jetzt, um zwei Uhr früh liegen sie alle vier im Vorzelt.

35. Tag, 16. Juli

Lepenski Vir – Donji Milanovac , 15 km

Die Welpen verbrachten die Nacht in unserem Vorzelt. Mit ihnen waren wir deutlich früher als derzeit üblich wach und blieben Vormittag lange noch zum Spielen. Und, bekanntlich zählen Hundefotos online zu den meist angeschauten Bildern – hier unser Beitrag dazu!


Von Lepenski Vir radelten wir in die Boljetin Schlucht und freuten uns über das erfrischende Wasser. Erst ging es hinauf, dann hinunter. Die Donau hier im Djerdap Nationalpark wirkt wie ein etwas überproportionaler See im Salzkammergut. Dann kam ein erster richtiger Anstieg: Innerhalb von zwei Kilometern geht es 125 Höhenmeter hinauf. Mit über 1000 geradelten Kilometern und etwas Anstrengung kamen wir dennoch relativ zügig hinauf. Nach Donji Milanovac ging es dann wieder flacher und bergab dahin.


Eine extra Bergetappe, mit origineller Hangbefestigung, legten wir kurz davor noch ein. Online war die sog. Open Air Gallery von Zika Stefanivic mehrfach interessant beschrieben. Sogar in der Huber-Karte ist der Platz vermerkt. Neben den dortigen Skulpturen gibt es, so das Schild an der Straße, auch die Möglichkeit zu Campen und zu Essen. Wir waren hungrig, neugierig auf den Platz und Pippilotta wartete wieder Mal auf ein Eis.
Knapp zwei Kilometer strampelten und schoben wir steil hinauf. Bei den Häuschen im Garten waren zwei Frauen beschäftigt. Erst wollte keine so recht für uns zuständig sein. Eine kam dann doch. So unfreundlich wurden wir in Serbien noch nie behandelt. Komisch. Eine offiziellen Touri-Stelle, und wir kriegten unwirsch gesagt, dass es kein Essen gibt. Im ganzen Land, wird uns Essen geschenkt, werden wir einfach eingeladen. Am Platz mit Restaurant-Schild gab es nix. Nein, auch kein Eis. Das Gelände, mit unzähligen Tischen und tollem Ausblick, vermittelte fast den Eindruck, als ob man sich Reisebusse spezialisiert hätte. Wir tranken etwas, aßen Kriecherl vom Baum und waren rasch wieder weg.

In Donji Milanovac trafen wir eine Radlerin und ihren Mann aus der Steiermark. Der Mann begleitete Johannes zum sehr versteckten Radeschäft, das es hier zum Glück gibt. Johannes bekam für den Anhänger einen neuen Radmantel und zwei Schläuche auf Reserve. Wir aßen, suchten ein Zimmer, Campingplatz gibt es hier nicht und landeten nach zwei ausgebuchten Pensionen und der Touristeninformation im Hotel Lepenski Vir. Es liegt schön über dem Ort – ja noch ein letzter steiler Anstieg – und wir blicken auf die Donau. Bis auf die schöne Lage, kann es nur als „interessant“ beschrieben werden: kommunistische Betonarchitektur, jede Menge lauter, freudiger Ferienlager-Kinder in Kombination mit sehr dünner Zimmertür. Wir wohnen im BLOC C. Das Frühstück gibt es von sieben bis neun, im zweiten Untergeschoss von BLOC A. Die Kinder zogen laufend an unseren Tür vorbei zum kleinen Geschäft. Zwischen Tür und Rahmen war ein Schlitz. Für die Akkustik machte es keinen Unterschied ob die Tür zu war oder offen.

Eigentlich war der Tag, wir radelten ja nur 15 km zum Ausrasten gedacht gewesen. Im Ort unten hätte es einen kleinen Donaustrand gegeben, Pippilotta hätte eine neue Hose gebraucht. Die alte war durchgewetzt. Johannes bräuchte ein neues Shirt mit langen Ärmeln. Schilder zu einem Kaffeehaus, wo es vielleicht auch Eis gibt, hätten wir auch schon gesehen.

Aber wir waren alle drei erschöpft. Vermutlich waren es doch die Bergetappe, die uns dazu brachten nur mehr bis zur Rezeption und zum kleinen Laden zu kommen. Die Matratze ist gut, der Blick vom kleinen Balkon schön. Keiner wollte mehr das Gebäude verlassen. Kaffee machten wir mit dem Gaskocher im Zimmer, die „Mehlspeisen“ holten wir aus dem Geschäft.

36. Tag, 17. Juli

Donji Milanovac – Tekija, 42 km

Das Hotel Lepenski Vir. Ich könnte sehr ausführlich darüber schreiben, belasse es aber dabei zu sagen, dass es eine Erfahrung war, die es so vielleicht nicht mehr allzu lange geben wird.
Im Foyer stand eine große Karte mit dem Nationalpark Djerdap. Hier der Ausschnitt, den wir heute radelten.

Die Passage des heutigen Tages wird immer wieder als der Höhepunkt jeder Donaureise bezeichnet. Die Donau fließt über viele Kilometer zwischen bis zu 90 m hohen Felsen in einer engen Schlucht. Die engste Stelle ist nur 150 breit.
Wir waren gut ausgeschlafen, früh startklar und gespannt wie wir es schaffen werden.

Nach 12 km, in Golubunje, besorgten wir noch was für unsere Mittagsjause. Es gab zum Glück ein kleines Geschäft.

Langsam aber stetig ging es bergauf. Wie gehabt waren nicht alle Steigungen in der Karte eingezeichnet. Mehrmals blieben wir stehen um bei den Aussichtsplätzen runter in die breite Schlucht zu schauen. Einige Male schob ich das Rad. Es war mäßiger Verkehr, aber doch auch einige LKWs. Wenn die an einem im Tunnel überholen, ist das schon etwas wild. Bei dem engsten Passagen waren doch relativ viele Motorboote unterwegs. Wir haben uns in den vergangenen Wochen des öfteren darüber gewundert, dass so wenig los ist auf der Donau. Nur gelegentlich sieht man ein Frachtschiff, die Kreuzfahrtschiff haben auch ihre fixen Tage, gelegentlich sahen wir Fischerboote und „Vergnügungsboote“, kleine Yachten, kleine Motorboote, sahen wir so gut wie nie. In dieser Passage allerdings, war heute richtig dichtes Verkehrsaufkommen.

Und schon waren wir am höchsten Aussichtspunkt. Mehrfach kontrollierte ich die Karte. Aber da waren wir. Bei den Recherchen zur Tour, machten uns die Berichte zu dieser Etappe ein mulmiges Gefühl: die Enge der vielen unbeleuchteter Tunnel, die rücksichtslosen LKW- und Autofahrer, die schier endlosen Steigerungen. Und das alles mit Kind und Anhänger. Wir hatten ja lange auch geplant gehabt genau aus diesen Gründen auf der rumänischen Seite zu radeln. Aber hier waren wir. Johannes hatte recht behalten: Es ist ungefähr (Höhenmeter auf Strecke) wie von Freistadt nach Hause radeln.
Die Sonne schien freundlichen zwischen die Steilwände, die Zikaden zirpten, der höchste Rastplatz, Golo Brdo, war mit Tischen ausgestattet. Zeit für unsere Mittagsjause.

Noch ein Stück ging es danach bergauf, aber dann nur noch bergab, meist mit Blick auf die Donau, jedenfalls durch schöne Landschaft runter bis Tekija.

In der kleinen Ortschaft, das wussten wir, darf man am Donaustrand campen. Vergnügt tummelten sich die Menschen am Schotter und im Wasser. Der Wind trieb es in heftigen Wellen vor sich her. Ganz wie in Kroatien fühlt es sich hier an, stellte Johannes fest.

Ein Schlafauto und drei Zelte. Mehr tut sich hier nicht. Das Klo ist nicht benutztbar, der Wirt der „Wohnwagenküche“ derzeit auf Urlaub, wenn man genau schaut, ist der Strand ziemlich vermüllt. Dass überrascht mich immer wieder, dass es da niemand Verantwortlichen gibt, keiner zuständig ist, da regelmäßig sauber zu machen.
Wir pritschelten im Wasser, kochten, spielten im Sand und schauten zu, wie der Tag zu Ende ging. Wir, oder zumindest ich, hatten den Tag mit der anstrengenden Route der gesamten Strecke erwartet. Es war anstrengend, aber wir waren fit und vergnügt und bei weitem nicht so erschöpft wie an manch anderem Tag.

Extra: Wir haben Hundeflohbisse. Ich hab mit Abstand am meisten. Johannes hat schon gewusst weshalb er sie sich lieber etwas vom Leib hält und wir, Pippilotta und ich, haben sie halt sehr dicht am Leib gehalten. Die Welpen, so knuffige waren sie! Die roten Flecken jucken nicht, die Viecher übertragen bei uns auch keine Krankheiten, dennoch wollen wir diese blutsaugenden Gesellen so rasch als möglich loswerden. Die Decke, auf der die Welpen schliefen, ist schon entsorgt. Und morgen in Kladovo wird heiß gewaschen.

37. Tag, 18. Juli

Tekija – Kladovo, 22 km

Nach einer ruhigen Nacht ohne viel Hundegebell mit Blick auf die Donau aufwachen – sehr fein!
Das Frühstück holten wir beim Geschäft im Ort. Bäcker gibt es in Tekija nicht, Vollkornbrot nur abgepackt und wie sich herausstellt ist es von schaumstoffartiger Konsistenz. Dass das dunkle Brot, dass für uns so alltäglich ist, so normal und nicht weg zu denken ist, global gesehen überhaupt nicht normal ist, irritiert mich immer wieder aufs neue. Es gibt hier auch so gut wie keinen Hartkäse. Wenn man an die große Auswahl bei uns denkt und dass es so gut wie keine Jause ohne Hartkäse gibt, finde ich es das interessant. Ich glaube, dass viele Menschen hier selbst abbauen und produzieren was möglich ist. Grad in den kleinen Geschäften gibt es vor allem das, was nicht selbst hergestellt wird: Süßwaren, Getränke und Alkoholika sowie Grundnahrungsmittel wie Mehl, Zucker und dergleichen. Damit haben wir in unserer Campingküche auch wenig angefangen. Fertiges Sugo, zum Beispiel, habe ich auch schon mehrfach vergeblich gesucht.

Wir verbrachten einen gemütlichen Vormittag am Donauufer. Mehrere Kreuzfahrtschiff zogen vorbei, zwei, drei Fischerboot fuhren raus, einige wenige Frachter schoben sich donauaufwärts und zwei Kühe kamen zum Saufen.

Keine Limonade, sondern Spielzeug fischte Pippilotta aus einem Baum am Strand. Und die Hunde, die sie fand, mussten gebadet werden. Dringend. Wegen der vielen Flöhe. Das Donauwasser war sehr angenehm zum Baden. Froh bin ich immer wieder, dass wir Badeschuhe mit haben. Auch in Tekija lag so arg viel Müll im Schotter. Kleinerer und größer Abfall. Es gibt zwar freies WLAN aber niemand, der zuständig ist, ein Mal täglich das Glump weg zu räumen. Hinzu kommt, dass es an Stellen, wo man bei uns fix einen Mülleimer findet, oft nix gibt. Hier: ein Strand, zwar unbezahltes aber offizielles Camping, eine große Imbissstube, eine Touri-Bootsanlegestelle und nur ein einziger, mehr als überquellender Mistkübel bei der Zufahrt. Nachvollziehbar ist es nicht.

Am Nachmittag machten wir vom kleinen Hafen von Tekija aus eine Bootsfahrt hinein ins „Eiserene Tor“. Vom Wasser aus sah die gestrigen Strecke noch wenige steil und ansteigend aus. Über dem Straßenverlauf steigen die Felswände steil an, viel höher als wir sie gestern sahen. Die Fahrt führte an allen „Highlghts“ vorbei: an der Tabula Traiana, am Relief des Drakerkönigs Decebalus, an den ehemaligen Signalstationund am Kloster Mraconia. Wir kamen bis zur engsten Stelle (153m) und fuhren über die tiefste Donaustelle (93m) hinweg. Und – wir entdeckten am Ufer endlich wieder Mal ein Schild, das die Stromkilometer bis zum Schwarzen Meer angibt: 968 km



Die Strecke von Tekija nach Kladovo geht auf der wenig befahrenen Landstraße ziemlich flach dahin. Mein Akku ist leer, somit gibt es davon keine Fotos.
Eine ältere Frau schenkt uns im Dorf Davidovac, kurz vor Kladovo zwei saftig reife Feigen. Offensichtlich kommt sie gerade vom Baum. Wir sehen mehrere ältere Frauen vor den Häusern im Licht der Abendsonne sitzen. Lauter Omas, meint Pippilotta.

Das Hotel Djerdap, das im Gegensatz zum Hotel Lepenski Vir nicht nur was für Ostblock-Fans ist, sondern internationalem Standard entspricht, liegt direkt an der Donau. Wir haben für zwei Nächte ein Dreibettzimmer reserviert. 80€ mit Frühstück. Im Park davor waren schick gekleidete Menschen mit fotografieren und fotografiert werden beschäftigt. Eine Hochzeitsgesellschaft. Es dauerte nicht lange, wurden wir auf deutsch angesprochen. Ja, ja es stimmt schon, wir könnten die Räder durchs Foyer schieben, sagte uns ein Mann, der unsere Unsicherheit bemerkt hatte, ob wir den Mann an der Rezeption auch richtig verstanden hatten. Tiroler Dialekt? Jaja, die meisten sind aus Innsbruck, aber er aus Wattens. Auch aus Linz und Wien seien Leute da. Eine serbisch-österreichische Hochzeit. Eigenartig wie klein die Welt immer wieder wird.

Der Mann aus Wattens half mit seiner Zweisprachigkeit bei unserer Anfrage, ob es die Möglichkeit zum Wäsche waschen gibt. Sicher, wir können sie jederzeit bringen. Und was es koste? Nicht, nichts, das geht aus das Hotel. Wo hat man den sowas schon erlebt?! Der Mann an der Rezeption nahm unsere Wäsche, auch die Schlafsäcke, entgegen. Dass wir sie wegen Hundeflöhen waschen wollen, sagten wir nicht extra dazu.

Mitternacht ist es und die Musik der Hochzeit klingt beschwingt in den sechsten Stock herauf. Eine Frau singt. Johannes steht nochmals auf und geht hinunter. Serbien ist super!

Die Text- und Fotostrecke wird länger und länger, wie die von uns geradelten Kilometer. Das ist für mich Grund genug die Struktur unserer Berichte bis ans Schwarze Meer so zu belassen, wenn auch die Hinweise, dass es eine Plagerei für Computer und Scroll-Finger geworden ist.

38. Tag, 19. Juli

Kladovo


Gestern in Tekija schliefen wir direkt auf Donauniveau. Heute früh blickten wir aus dem 6. Stock des Hotel Djerdap über die Donau auf die rumänische Stadt Dobreta-Turnu Severin.


Gestern radelten wir an der Staumauer „Djerdap l“ vorbei. Von der Promenade aus ist sie auch zu sehen. Entlang des 150 km langen Rückstau sind wir die letzten fünf Tage gefahren. Unter den unzähligen Starkstrom Leitungen durchzuradeln war gestern ein arges Gefühl. Johannes, er fuhr ohne Helm, sagte, dass es ihm die Haare aufgestellt hat.

Johannes hat vor Tagen ein löchriges Laiberl entsorgt, Pippilottas Leggins sind durchgewsetzt. Wir finden gleich gegenüber dem Hotel einen Second Hand Laden. Pippilotta war bald neu gekleidete und auch Johannes findet gleich was passendes.


Wir waren in der Stadt unterwegs. Die letzten Vorbereitungen für ein Stadtfest wurden getroffen. Schaukel und Musik scheint nicht mehr genug zu sein. Bin ich froh, dass Pippilotta ganz zufrieden ist, wenn sie selbst Geräusch und Bewegung machen kann. Eis schlecken, Kaffee trinken, schauen, wie die Menschen hier miteinander tun und Jause für die morgige erste Pause einkaufen. Und Autodrom sind wir auch gefahren.

„Luftabone!“ Standl und Musik, Grillerei und jede Menge „Luftabone“ gab es im Sortiment. Beim Frühstück sagte uns ein serbischer Wiener, dass rund 90 Prozent der Menschen, die jetzt im Sommer hier sind, anderswo lebten und arbeiten. In den Wintermonaten sei es hier sehr ruhig. Die Flaniermeile des Festes und die Atmosphäre in der Fußgängerzone vermittelten tatsächlich das Gefühl, dass viele in Urlaubsstimmung sind.

Am Donaustrand waren wir ebenfalls. Im Vergleich zu bisherigen ist er hier in Kladovo relativ gepflegt. Immer wieder fallen uns besonders die Dinge auf, die „bei uns“ anderes sind und so nicht funktionieren würden.
Dass am Strand jeder so laut wie er will Musik machen kann und man aus verschiedenen Richtungen zwangsbeschallt wird.
Dass im Frühstückssaal geraucht wird.
Dass in der Gastronomie immer sehr viel Personal arbeitet.
Dass Hundekacke nicht wegeputzt wird, auch wenn es am Strand ist, wo Kinder spielen.
Dass jeder der so daher kommt, einfach die Pippilotta anfummelt, ihr kommentarlos durch die Haare wuschelt und ihr vielleicht noch eine Süßigkeit zusteckt.
Dass (fast) überall Müll liegt und sich keiner drum kümmert, keiner dafür zuständig ist.
Dass viele Menschen sich weigern Trinkgeld anzunehmen.
Aber sonst: Serbien ist super!

39. Tag, 20. Juli

Kladovo – Dusanovac, ca. 42 km (die Huber-Radkarte hat jetzt keine km Angaben mehr zu einzelnen Streckenabschnitt. Hm.)

Waren es fünf oder sechs oder sieben Baustellenabschnitt durch die unsere Route raus aus Kladovo führte? Kilometerlang ging es bergauf, die Sonne brannte vom Himmel, obwohl wir relativ zeitig unterwegs waren, und stinkig war es in der Autoschlange auf das Grün der Baustellenampel zu warten. Bei der zweiten Ampel radelten wir dann bereits links und rechts an den Wartenden (so viele österreichische Kennzeichen!) vorbei. Der Intervall der Ampeln passte sowie nicht für unser Tempo und auch ein Baustellenbereich kann ein guter Radweg sein.

In Velesnika wollten wir Wasser kaufen, der Ort schien groß genug für ein Geschäft. Wir fragten einen Mann, der gerade an einem Auto mit Wiener Kennzeichen stand. Nein, erst im nächsten Dorf, in Grabovica, gibt es wieder einen Laden. Was wir den bräuchten? Seine Frau kam mit zwei Flaschen Wasser, die wir geschenkt bekamen. Sie ging mit 19 nach Wien, arbeitet in einem Wiener Magistratskindergarten, er für Perlmooser. Früher waren es 100 Kinder, die hier in ihrem Dorf zur Schule gingen, jetzt sind es vier, erzählten sie. Hinter ihnen im Garten schiebt ein Bagger ein altes Haus weg. Daneben steht ein stattliches Einfamilienhaus. So viel Platz bräuchten sie nicht mehr. Auch wenn die Kinder und Enkelkinder da sind, sei im anderen Haus genug Platz. Den Kaffee auf den wir eingeladen worden wären, lehnten wir dankend ab. Wir würden überhaupt nicht weiter kommen, würden wir jede Einladung annehmen.


In Braza Palanka, wir legten eine erste Rast ein. Ich versuchte die Kormorane, die auf einem Schwemmholz sahen, durch das Monokular zu fotografieren. Pippilotta fand einen Strauch mit Kumquart „wie bei der Oma“, und naschte vergnügt ein paar der sehr sauren Früchte.

Danach entschieden wir uns für die Strecke entlang der Donau und nicht auf der Landstraße. Die Strecke wir sehr schön und „sehr ungemüt“, sagte Pippi, die sich derzeit bei manchen Worten die letzte Silbe spart. Nur kurze Strecken waren asphaltiert, sonst lag spitzer Bruchstein. Besonders blöd waren die stacheligen Äste der Akazienstauden und die Brombeerstauden, die von beiden Seiten in den Weg zu hangen. Langsam kamen wir vorwärts. Durch eng zugewachsen Schotterstraße, dass unsere Reifen das ohne Platten überstanden haben, ist erstaunlich. Aufs Pause machen verzichten wir gerne. Nach vielen Tagen ohne Gelsen, gefällt ihnen diese Gegend hier wird. Das flache Ufer ist mit Schiff und Seegras zugewachsen, quasi ein Gelsen-Pradies.

Von Stromkilometer 935 bei Kladovo radelten wir heute auf 865 bei Dušanovac runter. Die Donau fließt hier zwischen den Hügeln in sehr großen Mäandern dahin, die Straße verläuft etwas gerader.

Der Rastplatz in Mihajlovav, wir brauchten jetzt dringend zu essen, könnte sehr schön sein, wäre nicht der Müll. Der Fischer scheint daran gewöhnt, wir nicht. Wir aßen, waren damit beschäftigt Pippilotta davon zu überzeugen, dass nicht alles was am Boden liegt interessant ist, und waren so rasch wie möglich wieder weg.
Das Müll-Thema begleitet uns hier ständig. Da können wir wirklich nur froh sein, dass es in Österreich inzwischen so ein ausgeprägtes Bewusstsein einerseits, und eine dementsprechend flächendeckende Infrastruktur andererseits, gibt.

Dass man kriegt was man will, ist sowieso im Leben nicht immer gegeben, also versucht man es mit den kleinen Dingen. Ein Kellner im Hotel Djerdap wollte uns par tout für das Kind kein Cockta, der serbische Almudler mit Coca Cola-Farbe, aus dem Kühlschrank geben. Njet, njet, sagte er. Wir bestellten dann extra noch eine Zitrineblimo (warm) für das Kind und zwei kalte Cockta „für mich“. Dann bestellte ich Tee. Caj. „Normal?“ Hm. Black Tea. Ja, normal. Caj. An einem Tag bekam ich Schwarzen Tee, am anderen Pfefferminztee. Lustig.
Online hatte ich für heute eine Unterkunft kurz vor Negotin, kurz vor der Staumauer Djerdap ll, herausgesucht. So viel gab es in einer für uns passenden Distanz nicht, aber der Platz namens Angelinin Konak sah liebevoll gestalten aus, und es gibt Schlaffässer! Das wollte ich ohnehin lange schon Mal machen, in so einer gewölbten Höhle nächtigen. Pippilotta wird es auch gefallen. Endlich kamen wir aus dem Kilometer langen Gestrüpp raus, endlich sehen wir rechts hinauf das Gelände mit den schwarz-gelben Fässer.


„Njet, Njet“ sagte die Frau. Mit Kind müssten wir ins Appartement. Mit „Beba“ wären die Fässer zu klein. Wir bekämen das Appartement auch zum Preis für ein Schlaffass, aber ein Schlaffass nicht. „Njet, njet.“
OK. OK. Da hilft kein Widerrede. Ich hatte zudem einen kleinen Hitzeschaden und musste mich erst Mal hinlegen, egal wo. Johannes und Pippi erkundeten das Gelände, das direkten Zugang zur Donau und Gastbetrieb hat.

Johannes bestellte das Essen. Die Wirtsleute meinten vermutlich, dass es ein Irrtum sei, dass er nur Zuspeisen bestellte und brachten auch Krautwickler. Nein, nicht eine Portion, sondern für drei Leute. Die Radreise war jetzt auch nicht explizit als Fastenkur angelegt, aber aufgepäppelt werden müssen wir eigentlich auch nicht.


Die Nachspeise schwamm zur Kühlung im Donauwasser. Was bekamen wir?

Wir verbrachten einen gemütlichen Abend. Das Bier schmeckt überall gut. Die Limonaden auch. Pippilotta sah eine Wasserschlange und Frösche, wir befreiten eine Eidechse aus einem Wasserpott und fütterten Kaninchen. Und dann waren wir froh über unsere Betten. Im Appartement.

40. Tag, 21.Juli

Dušanovac


Beim Frühstück beschlossen wir noch eine zweite Nacht zu bleiben. Warum? Weil es sich nach 40 Tagen erstmals sehr anstrengend anfühlt, schon wieder weiter zu radeln. Für mich. Die anderen zwei wären heute nach Bulgarien geradelt.
Weil es hier, bei Angelinin Konak, ein Platz ist, der zum Verweilen einlädt. Die Donau von der Veranda aus, ist auch schön.


Am Nachmittag waren wir ein Stück weiter vorne am Strand von Dušanovac, am „Danube Day“.
Es gibt eine Kanu-Regatta, Wett-Paddeln, ein kleines Ausflugsboot, Musik und Maiskolben, Limo und Löwenbräu (Warum wohl Import-Bier?) und einen Fischsuppen-Wettbewerb.

Hätten wir das gewusst, hätten Johannes und Pippilotta ihre Suppenschüsserl mitgebracht gebracht. So schauten wir zu, wie gewürzt und gerührt, verkosten und gegessen wurde, und aßen Maiskolben.

Abends gab es Essen bei uns am Platz. Ich sagte extra, dass wir etwas weniger wollen als gestern und keine Suppe, weil es sonst zu viel ist. Mit Niclas, einem Franzosen, der seit April unterwegs ist (Mittelmeerküste bis Griechenland und jetzt quer durch Europa retour), saßen wir am Tisch und die vollen Schüsseln und Teller, Gläser und Tassen waren viele: Schnaps gibt es, wenn man will, vor dem Essen. Grießnockerl-Suppe, Polenta-Schnitten, Gebratene Zucchini, Käse, gebraten und ungebraten, Krautwickler mit Faschiertem, Weißbrot, Kraut-Katottensalat, Tomaten und Gurken, Bratkartoffel und etwas, das ich als Surfleisch bezeichnen würde. Eis und Kekse, Kaffee und Tee wurden zur Nachspeise gebracht. Und ein Eis für Pippi. Und, da lag das Kind geduscht und mit geputzten Zähnen schon schlaftrunken im Bett, da brachte die Frau noch Melone. Klar, wir standen nochmals auf.

Morgen gibt es kein zurück, ähh, kein hier bleiben. Morgen radeln wir nach Bulgarien.

41. Tag, 22. Juli

Dušanovac – Vidin
22 km mit dem Rad,
30 km mit dem Auto

Es dauerte in der Früh: bis wir gefrühstückt hatten und Vranica uns Alufolie brachte, damit wir für das Kind ausreichend Jause einpacken konnten, bis die Räder startklar waren, bis Pippilotta die Hasen gefüttert hatte, bis Niclas, der Radler aus Frankreich, mit Routeninfos versorgt war, bis Mica unsere Registrierungen von der Polizei brachte, bis ins Gästebuch geschrieben und bezahlt war und bis Pippilotta’s Stirnfransen geschnitten waren.
Dann bekamen wir noch Marmelade geschenkt und Pippi ein Halskettchen.
All diejenigen, die immer wieder das Gefühl beschleicht, dass sie zu kurz kommen im Leben, die sollten mal Urlaub in Serbien machen.

Es war dann bereits fast Mittag als wir in Negotin, der letzten Stadt in Richtung Bulgarien, ankamen. So viel österreichische Kennzeichen! Jeden Tag aufs neue sind wir erstaunt und fasziniert. Wir sprachen mit einer Familie serbischer Hamburger und einer serbischen Welserin. Wir aßen Eis, tranken „richtigen“ Cafe Latte und kauften Wasser ein. Es war arg heiß.

In Negotin wusste keiner wo man bulgarische Lewa gewechselt bekommt und überhaupt hatten wir den Eindruck, dass in Richtung Bulgarien so etwas wie ein Eiserner Vorhang existiert oder überhaupt die Welt in diese Richtung aufhört.

Wir fuhren die ruhigere Hauptroute durchs Hinterland, hinaus aus der Stadt. Bald ging es bergauf und noch mehr bergauf. Die Sonne brannte herunter. Es war kaum Verkehr. Wir trugen feuchte Sonnenhüte, ich schüttete mir Wasser über Kopf und Rücken. Pippilotta wurde eingefeuchtet. Noch vor zwei, drei Wochen hatten wir uns lustig gemacht, darüber, dass es so viele Höhenmeter wie bei einer Alpenüberquerung sein sollten. Inzwischen wissen wir, dass wir sie bis zum Crno More, so Schwarzes Meer aus serbisch, sicher geradelt sein werden. Zwei Radfahrerinnen in neongelber Montur und knallroten Köpfen kamen uns entgegen. „Enjoy!“ riefen sie. Hatte das ein Scherz sein sollen? Britischer Humor?

Unsere Gesichtsfarbe war auch nicht besser als ihre, aber das nasse Gewand half sehr. Ich schüttete mindestens so viel Wasser auf mich drauf wie in mich rein. Johannes und Pippilotta vertrugen die Hitze besser.



Negotin lag bereits weit unten, als es dann endlich wieder bergab ging und wir rasch nach Mokranje kamen. Was für ein gottverlassener Ort. Die Infrastruktur für eine Mittagsrast war perfekt: eine Wasserstelle neben einem Tisch mit Sonnendach in einer Wiese. Aber, wer hier lebt, kann nur verzweifeln. Ich glaube, dass mit Abstand meistgekaufte Produkt im kleinen Laden ist Bier. Wir jedenfalls geben nach sechzehn Tagen in Serbien unsere Dinar für Eis aus. Ok, Johannes für ein Bier.
Immer wieder sehen wir überproportional große Bauvorhaben, die seit längerem zum Stillstand gekommen sind. Ob das nochmal was belebtes werden wird? (Man beachte die monumentale Fassadenordnung, die korinthischen Kapitelle sowie das zurück gesetzte Mittelrisalith, das wiederum von zwei Erkern flankiert wird.)

Abgrenzung unterschiedlichster Art fielen mir die ganze Route über auf. Friedhöfe hingegen, die bei uns immer gut geschützt durch Mauern klar definierten sind, sieht man hier immer wieder einfach ins offene Feld hin, oder zur Straße auslaufen.


Endlich! Wir näherten uns der bulgarische Grenze. Und stellen fest, dass die vermeintliche Transitroute von Serbien nach Bulgarien so gut wie nicht befahren ist! Kurz war unklar, wer für die Streckenwahl über das bergige Hinterland und die damit verbundenen Strapazen verantwortlich zu machen ist. Aber was soll’s, wir sind an der Grenze.
Nach 18 Tagen, 588 Donaukilometer und rund 670 Radwegkilometer verlassen wir Serbien. Der Grenzbeamte will die von uns gesammelten Registrier-Papiere nicht sehen und fragt nur, ob es dem Kind nicht zu heiß ist. Nicht Mal einen Stempel, wie bei der Einreise, gibt es in den Pass.
Wir sind in Bulgarien. Wir sind wieder in der EU. Wir haben eine Stunde Zeitverschiebung.


Bregovo heißt der Grenzort, den Johannes eine Viertelstunde später als „Drecksnest“ einstufte. So eine Zuschreibung von Johannes, das kommt selten vor. Zähne fletschende Köter begrüßten uns, mit geschultertem Maschinengewehr wachte ein mehrere Meter hoher Soldat des Kommunismus über einen großen Platz, an dem die wenigen Gebäude leer zu stehen schienen, ein paar Halbwüchsige saßen bei ihrer Fahrrädern unter ein paar Bäumen, zwei Männer, die wir fragten, zuckten die Achseln. Campingplatz gibt es keinen, Hotel, Privatunterkunft, Pension auch nicht. Der Bankomat nahm meine Karte nicht. Das hatten wir schon. In Ungarn. Die von Johannes nimmt er auch nicht. Das hatten wir noch nicht. Die Männer zeigten uns den zweiten Bankomat des Ortes. Dort traf Johannes auf unseren Helden des Abends: Iliev. Iliev, der uns unaufgeregt und kompetent hilft.
Iliev spricht perfekt deutsch und arbeitet als Steuermann für Tankschiffe, die zwischen deutschen und niederländischen Häfen verkehren. Einen Monat arbeitet er, einen ist er zu Hause in Bulgarien, in Vidin. Wieso er dann in Bregovo ist? Weil sein Vater hier sein Haus hat. Ach so, er ist auf Besuch bei seinem Vater. Nein, der ist nicht da. Er ist wie er Steuermann. Sie wechseln sich ab. Demnächst wird er das Schiffspatent machen. Dann wird er Kapitän sein. Für seine Familie, Frau und kleiner Sohn, hat er ein Appartement im Vidin gekauft. Nein, weggehen wollen sie nicht. Sicher, als EU-Bürger könnten sie. Aber so ist er nicht. Es könne nicht nur um die Arbeit und ums Geld gehen.
Pippilotta erkundeten den Spielplatz. Johannes und Iliev sprachen. Iliev telefonierte. Iliev suchte Internet. Iliev telefonierte wieder. Es kamen zwei Taxis. Wir verstauten Räder und Equipment. Wir fuhren die 30 km nach Vidin und wurden im Hotel Tangra bereits erwartet. Iliev, besten Dank!


Weiter gehts in Bulgarien!