Ungarn

Hier gehts zurück in die Slowakei.

12. Tag, 23. Juni

Šturovo – Nagymaros, ca. 30 km

In der Nacht habe ich mir noch nicht vorstellen können, wie es bei dem Regen mit all dem nassen Zeug gehen wird. Es geht ganz einfach: eine Packtasche leer räumen, alles was nass ist rein, schauen, dass man selbst und das Kind trocken bleibt, das Zelt vom Spritzdreck reinigen, ebenfalls nass verpacken, auf die Getreideflocken zum Frühstück verzichten und vom Campingplatz-Bäcker ausreichend leckere Mehlspeisen besorgen. Fertig.

Zumindest vorerst jedenfalls. Wir hatten Glück, es regnete im Laufe des Tages nicht mehr und wir nahmen uns in Nagymaros ausreichend Zeit die Sachen zu trocknen.

Nach 172 Donaukilometern in der Slowakei passieren wir die zweite Staatsgrenze. Die DUNAJ wird zur DUNA. 417 km fließt sie durch Ungarn.

Die Strecke via Esztergom war überraschend schön, abwechslungsreich und gut beschildert. Eine Stelle gab es, die eine Art „Zikaden-Grenze“ zu sein scheint: Mit einem Mal prägte ihr Zirpen, der Sound von Sommer im Süden, die Klangkulisse.

Bei Szob setzten wir mit der Fähre wieder ans linke Ufer über, fanden bei Zebegeny einen schicken Rastplatz direkt am Radweg.

Nach zwei Nächten im Varnas Resort ist der Campingplatz in Nagymaros eine Wohltat: Ganz hinten eine Familie im Dauercampingwagen, unweit von uns ein Paar, das sich im Bus vergnügt, wir und aus. Und anstatt slowakischer Pop-Volksmusik begleitet von gröllenden Betrunkenen, gibt es hier nächtliches Hundegebell und Froschkonzert. Gut, Züge rattern recht nahe vorbei, aber so genau wollen wir da jetzt nicht sein. Vor allem ist der Platz auch einfach schön. Ein kleiner Motorboot-Hafen trennt uns von der Donau und am gegenüber liegenden Ufer erheben sich die Burgruine Visegrád.

13. Tag, 24. Juni

Nagymaros – Szentendre, 33 km

Den Weg konzentriert im Auge zu behalten war heute dringend notwendig. Zwar ist die Route über weite Strecken asphaltiert, aber von Querrillen und Längsrillen, Niveauunterschiede von Ausbesserungsarbeit, Aufwölbungen über Baumwurzeln, unerklärlichen Löchern, Schotter und Schlamm vom letzten Regenschütter, bis hin zu weit in die Fahrbahn hängende Brennessel und Äste war alles zu haben. Wenn man sich dann die Fahrbahn mit dem regulären Verkehr teilt, der rechte Meter der Fahrbahn und das breite Bankette aber in derart miserablem Zustand sind, der sie schier nicht befahrbar sind, wird’s richtig ein Nervenkitzel.

In Vác machten wir eine längere Pause und setzten mit der Fähre wieder an rechte Ufer über.

Auf der Höhe von Stromkilometer 1667, wir radeln am rechten Nebenarm, entschieden wir uns für den Pap-Sziget Campingplatz. Er liegt auf der Insel, die Szentendre vorgelagert ist. Mit altem Baumbestand, Wohnkabinen auf Stelzen, einem kühlen Schwimmbecken direkt an der Donau und nächtlichem Multikanal-Froschkonzert ist der Platz absolut empfehlenswert.

Ob viel der Anstrengungen, die unsere Reise mit sich bringt, in dem Blog-Texten unter gehen, wurde ich gefragt.
Ja und nein. Von der Kraft her geht es sich mit den Kilometern die wir fahren locker aus. Konfliktreich war unsere Beziehung sowieso noch nie, Leonie war rasch an den Rhythmus unserer Reisetage gewöhnt, ihr Anhänger taugt ihr ie Campingplätze und das Zelt als Zuhause ebenfalls. bereite sich auf Johannes ein zu lassen als zu Hause. Es ist relativ klar, wem was wichtig ist, und wer folge dessen was entscheidet. Einerseits bringt unsere Art des unterwegs seins das Gefühl von Freiheit mit sich. Andererseits braucht es einiges an Disziplin und Struktur: Räder im Auge behalten und warten. Hinzu kommt, dass man ständig spontan auf das reagieren muss, was man vorfindet, an Infrastruktur, an Lebensmittel in der Packtasche mit der imaginären Aufschrift „Küche“, und das alles in Kombination mit dem übergeordneten Ziel, den Eurovelo 6 ans Schwarze Meer zu radeln. Die Gelsen sind eine kontinuierliche Plage (der erste Spray ist schon aus), die Streckenabschnitte ohne Asphalt sind mühsamer als man meinen könnte, im Zelt auf/ab- bauen sind wir schon routiniert und eine ziemlich gleichbleibend Packordnung
sich auch etabliert. All das ist mit den Bedarfen von Leonie abzustimmen.

14. Tag, 25. Juni

Szentendre – Budapest, ca. 28 km

Während links und rechts von mir noch geschlafen wird, klettere ich möglichst geräuschlos aus dem Zelt um einige Runden im kühlen Becken mit Donaublick zu schwimmen. Herrlich!
Wieder packen wir unseren Hausstand. Heute geht es in die Hauptstadt. Wir haben nicht vor uns Budapest zu widmen, sondern gleich im Süden der Stadt einen Campingplatz zu suchen. Um wieder Mal in Budapest zu sein, kommen wir lieber mit dem Zug, in Ruhe. Ja wirklich was anschauen geht sich für mich, für uns nicht aus. Nicht, dass wir uns nicht die Zeit dafür nehmen könnten, das ist nicht das Thema. Aber viel anders braucht Aufmerksamkeit und Zeit: Leonie und wir als kleine Familie, das Equipment (Wäsche waschen, Räder warten, …), die Route für den nächsten Tag anschauen, Essen organisieren, Hygiene und den Blogbeitrag schreiben. Und überhaupt entwickelt sich durch das Dahinradeln eine Dynamik, die nicht wegen jedem Museum, jeder Kirche, jeder Skulptur im öffentlichen Raum unterbrochen werden will.
Wir radeln in Richtung Budapest, eigentlich eine kurze Strecke. Aber es ist mühsam.

Von der Unbequemlichkeitsfähigkeit sprach Clemens Sedmak bei einem Vortrag den ich kürzlich hörte.
Die Strecke heute war mühsam und miserabel. Zum Teil ist es zwar aspaltiert, aber in so arg Zustand, das man lieber den Sandstreifen links und rechts der Fahrbahn nimmt, den sich die Radlerinnen und Radler hier schon ausgefahren haben.

Für Johannes mit dem Anhänger ist es extra anstrengend zu manövrieren. Auch wenn Leonie bei mir im Sitz ist, hat Johannes deutlich mehr Gewicht als ich. Ich habe nur eine Packtasche oder Leonie. Alles andere ist im Anhänger bzw. in Johannes Packtaschen. Ich habe zwar am Vorderrad einen Gepäckträger, aber der ist so wie er jetzt ist nicht nutzbar. Das Gewicht der Packtaschen sind so hoch, dass das Rad sehr instabil wird und sie schlenkern gefährlich nahe zu den Speichen. Also – Johannes hat eine schwere Fuhr.

Nein, wir haben uns nicht verfahren. Das ist die offizielle Eurovelo 6 Route. Und wir sind auch nicht irgendwo im ungarischen Hinterland, sondern rund 15 km außerhalb von Budapest. Ich kann mir vorstellen, dass so manche Budapesterin, so mancher Budapest von den den knapp 1,8 Millionen, raus radeln würde. Vorausgesetzt es ist vergnüglich.

Wir erreichen die Stadt, wir finden ein Gasthaus mit Blick aufs Parlament, wir finden den Campingplatz Haller und sind froh gut angekommen zu sein.

Unsere Unbequemlichkeitsfähigkeit wurde heute gut gefordert und gefördert. Bei Sedmak ging es um die Fähigkeit eigenen Bedürfnisse zugunsten anderer zurück zu stellen und war eigentlich nur ein Nebenaspekte in seinem Vortrag. Mich beschäftigt das Wort seither.

15. Tag, 26. Juni

Budapest – Ráckeve, 54 km

Raus aus der Stadt war noch anstrengend als rein. Wir fanden zwar die Eurovelo Route rasch, wollten dann aber möglichst wenig durch den starken Verkehr der nördlichen Csepel Insel fahren. Bis uns das gelang, war es mühsam. Am Ráckevei Duna Arm ist es angenehm und interessant. Wie an den meisten österreichischen Seen reiht sich hier Häuschen an Häuschen. Es gibt alte, verfallende, hübsche und eigenwillige, solche die zu verkaufen sind und andere, die eben erst frisch renoviert wurden.

Nachdem wir, weil wir möglichst nah am Wasser bleiben wollten, den Weg verloren hatten, zwischenzeitlich auf recht unwegsamem Gelände unterwegs waren, fanden wir eine kleine Schenke mit Zugang zum Kanal. Ausgesprochen idyllisch war dort der Blick aufs Wasser.

Irgendwann kamen wir aufgrund der Hitze und des schon langen Tages ziemlich erschöpft beim Tor des Campingplatzes in Ráckeve an. Die dortige Rezeption war um halb fünf bereits geschlossen. Wir fuhren zu angeschlossen Therme. Dort konnten wir auch für den Campingplatz einchecken. Wir sahen bereits die Menschen im Wasser pritscheln und konnten es auch nicht mehr erwarten ins kühlende Nass zu kommen. Zurück zum Campingplatz. Der Chip öffnet das Tor nicht. Zwei Mal radeln wir noch zur Rezeption bis sich endlich das Tor öffnet.

Johannes baut das Zelt auf, Leonie und ich gehen gleich zum kühlen Becken. Auf Thermalwasser mit 36 Grad haben wir momentan keine Lust. Bis zum zusperren verbringen wir die Zeit im Wasser. Und dann ist Johannes Brille weg. Auf dem Handtuch Beckenrand hatte er sie abgelegt. Oh shit! Er fragt bei der Rezeption, er redet mit den Bademeistern. So was blödes aber auch. Sie ist nicht mehr auffindbar.
Zurück beim Zelt müssen wir feststellen, dass die Wiesenflächen besprenkelt werden. Von vorne und von hinten hat unser Zelt Spritzwasser abbekommen. Zum Glück hatte Johannes nicht nur das Zelt aufgestellt, sondern auch alle unsere Sachen rein geräumt!
Wir jausnen noch und schlafen bei lautstarkem Froschkonzert erschöpft ein.

16. Tag, 27. Juni

Ráckeve – Dömsöd, ca. 15 km

Der Tag begann damit, dass ich eine Invasion schwarzer kleiner Ameisen von und aus unserer „Rauchkuchl“, wie wir die schwarze Packtasche mit unseren Küchenutensilien und Nahrungsmitteln nennen, beseitigte. Dann kam noch von Johannes die Vermutung, dass die weißen Rückstände der Sprenkelanlagen-Wassertropfen am Zelt von einem Insektengift stammen. Eigentlich kann man nur so schnell wie möglich weg wollen von diesem Platz. Aber mit Leonie war ausgemacht, dass wir nochmals schwimmen gehen und Johannes wollte wegen der verschwundenen Brille noch zu den Bademeistern.
Leonie war gerade bei der brütenden Stockente, als ich Johannes zum Bademeister kommen sah. Allein wie er Johannes begrüßte, ließ mich wissen, dass sie die Brille doch tatsächlich wieder gefunden haben! Hurra! Ich hatte es nicht geglaubt. Johannes hatte die Vermutung, dass irgendein „blöder Bub“ aus Jux und Tollerei sich die Brille geschnappt hatte. Die Bademeister fanden sie in der Früh unweit des Haupteingangs. Was für eine Erleichterung.

Nach einer Tagesetappe rein nach Budapest und einer raus waren wir heute froh wieder ländlicher und ruhigere Gegenden zu erreichen. So gut wie die gesamte Strecke führte durch kleine Wohnstraßen entlang des Ráckevei (Soroksári) Duna, einem schmalen Arm links des Hauptstroms. Ein Häuschen reihte sich ans andere, von jedem Haus führt ein Steg durchs Schilf zum Wasser. Schöne Gegend, entspannte sommerliche Atmosphäre, kaum kläffende Köter hinter den Gartenzäunen, nur selten ein Auto und ausreichend Beschilderung. Perfekt, wenn nicht wieder der Belag bzw. überhaupt die Fahrbahn in derart miserablem Zustand wäre: Löcher, Fehlstellen, seitliche Abbrüche. Man muss sich so aufs Fahren konzentrieren, besonders mit dem Anhänger. Bereits bei Dömsöd beschließen wir Pause zu machen. Beim Restaurant Neptun wollen wir was trinken und vielleicht eine Weile im Wasser pritscheln. Dann beschließen wir spontan für eine Nacht zu bleiben. Das Schild vorm Haus: „camping and rooms‘ klingt genau nach. Schließlich sind wir nicht auf der Flucht, sagt Johannes. Eine gute Entscheidung. Wir verbringen den Nachmittag im Wasser: Muscheln tauchen, pritscheln, alte Blattreste als Tattoo auf die Haut picken und schauen was wir vom Grund so alles herauffischen können.


Dem Einhorn die Libellen zeigen.

17. Tag, 28. Juni
Dömsöd – Dunaföldvár, ca. 40 km


Wenn es heiß, dass es ab neun Uhr Frühstück gibt, ist man es in Österreich gewöhnt, schon ab acht Geschirrgeklapper vermengt mit anderen Küchengeräuschen zu hören. Wir waren bereits alle drei eine Runde schwimmen, sind startklar und rufen uns Billard-Grundkenntnisse in Erinnerung bis die Wirtsleute deutlich nach neun eintreffen.
Nach einem geschmackvollen ungarischen Frühstück verabschieden wir uns vom absolut empfehlenswerten Gasthaus Neptun, südlich von Dömsöd.

Wie gestern geht die Fahrt weiter durch die hübsche Gegend, die entspannte Atmosphäre, immer am Weg zwischen kleinen Häuschen und ihrem Donauzugang. Mit dem Ende des Ráckevei Duna Arm endet das auch und nicht immer ist klar wo der offizielle Eurovelo 6 verläuft, ob diese Trasse für uns mit Anhänger auch fahrbar ist, oder wir auf einer anderen Route besser aufgehoben sind.

Auf der Eurovelo Karte sind für viele Streckenabschnitt Alternativen zur Hauptroute vorgeschlagen. Nicht immer stimmen die Fahrbahnangaben mit dem was wir vorfindet überein. Da gibt’s erfreuliche Überraschungen und mühsame. Nach dem Versuch bei Tass die asphaltierte Bundesstraße zu nehmen, sind wir so schnell wie möglich wieder retour. Zu eng, zu schnell, zu viele vorbei ratternde LKWS, zu flott die Autos, zu schlecht der rechte Fahrbahnbereich. Einige Meter hinter mir höre ich Johannes fluchen, direkt hinter meinem Rücken singt Leonie: „der Donaufisch, der Donaufisch, der ist ein Frosch und geht mit meiner Laterne, bumm bumm labumm.“

Wir nehmen bei wie nächste Gelegenheit den Damm, den Wiesenweg. Kilometerweit geht es dahin. Das Gras ist kurzgefressen, vermutlich von Schafen, der Untergrund ist unerwartet fest und wir kommen gut voran.

In Dunavecse gibt’s Mittagsjause und, da es sich quasi als Shopping-Parasies erweist, bekommt Leonie eine neue (Ersatz) Hose. Eine blaue Camouflage war das bestmögliche was wir bekommen konnten.

Das letzte Teilstück für den Tag ist erfreulich gut. Wir radeln auf asphaltierten Radwegen, nach doch einiger Zeit, nach Dunaföldvár zur inzwischen richtig breuten Donau. Am Campingplatz, mit rund 10€ der günstigste, aber auch schon halbwegs in die Jahre gekommene, sind nur zwei, drei andere Reisende.


Nach dem gestrigen Rasttag und dem nicht ganz so arg heißen Tag haben wir heute die rund 40 km gut geschafft, sind nicht so erschöpft wie wir es schon waren. Wir gehen ins Freibad, bummeln durch den Ort und erproben alle Geräte am Spielplatz.


Offenbar aus einem großen Schwemmholz wurde dieses wilde Wesen geschaffen.

18. Tag, 29. Juni

Dunaföldvár – Kalocsa, ca. 60 km

„Wir können ja im Paprikamuseum in Kalocsa als Infotrainer arbeiten, wenn wir uns noch einlesen.“ sagte Johannes als ich bei zwei Banken mit jeweils zwei vschiedenen Bankomatkarten heute Früh kein Geld abheben konnte. Johannes ist für Bargeld in der Hosentasche. Ich sagte immer, dass wir ja eh einfach was abheben können, dass das praktischer ist und sicherer. Funktioniert offensichtlich nicht immer. Keine Sorgen, das ist kein Aufruf für einen Western Union Geldtransfer! Aber irritierend ist es allemal, wenn man an sein Geld nicht wie gewohnt rankommt.

Die heutige Strecke hielt einige positive Überraschungen für uns bereit, auch wenn der asphaltierte Damm bei Harta zwar in der Karte eingezeichnet ist, in der Realität aber einfach endet.


Das führte uns die offizielle gute Beschilderung durch mehrere kleine Dörfer. Interessant einen Eindruck vom Dorfleben zu erhaschen.

Eigentlich hatten wir in der Früh als unserer Tagesetappe den Szeliditópart Campingplatz etwas abseits der Donau in einem Naturreservat festgelegt. Als wir dann in der Nähe eine riesiges Plakat sahen, dass den Platz bewirbt und dann noch junge Männer, die in Wochenend-Partystimmung dorthin unterwegs waren, war klar, das wir dort keine ruhige Nacht haben werden.

Grund genug erst Mal Mittagspause zu machen. Wir fanden in Ordas direkt an der Donau, direkt bei km 1538, den idealen Platz dafür.

Eine Frau fotografiert uns und sagte uns auch, dass es in Kalocsa einen Campingplatz gibt. Perfekt. Eine gute, noch machbare Distanz. Auf der Karte ist er zwar nicht eingezeichnet, aber dieses Thema kennen wir jetzt schon.

Leonies Geduld wird immer wieder hart geprüft: Schon in der Früh war der Campingplatz-Wirt nicht da, als sie dringend ihr Eis wollte, dann sperrte uns vor der Nase, wir stellten gerade noch unsere Räder ab, in Dunapataj das Geschäft zu. Die sechs Frauen, die aus dem Laden kamen, die ihre Arbeit fürs Wochenende beendeten, haben vermutlich noch so einen lautstarken Kommentar zu ihren Öffnungszeiten erlebt. Wieder kein Eis. Endlich: In Géderlak gibt es eine Kneipe an der Durchfahrtsstraße.

Nach Kalocsa gibt es zwar einen richtigen Radler-Highway mit mittlerer Leitlinie, aber wie sich herausstellt, keinen Campingplatz. Wir checken in der Penzio Alice ein. Auch wenn wir es im Zelt immer sehr fein haben, freuen wir uns alle drei. Dank an die Dame mit der Falschinformation!

19. Tag, 30. Juni

Kalocsa – Baja, ca. 53 km

Die Nacht im Zimmer war erholsam, der Start in den Tag ziemlich holprig. Nachdem wir unsere Getränke bereits getrunken hatten und das weitere Frühstück nach rund einer halben Stunde immer noch nicht da war, machten wir uns ohne Essen auf den Weg. Zum Glück hatte ein Bäcker entlang der Straße offen. Das Paprika Museum wollten wir vor der Weiterfahrt anschauen. Es scheint jedoch seit längerem in Umbau zu sein.

Dann nahmen wir den kürzeste Weg zum Donaudamm. Leider war er auch der schlechteste.

Dafür sah ich eine Frau am Feld, hinunter gebückt zu ihren Pflanzen. Zwischen all den schier endlosen Feldern, mit riesigen Maschinen bearbeiten, ist diese so alte menschlichen Tätigkeit inzwischen wieder zur Ausnahme geworden. Das kultivieren von Land als Kulturtechnik scheint vom Aussterben bedroht zu sein.

Und dann ging es dahin und dahin. Dahin auf dem Damm, erst auf Schotterpiste bis Fajsz und dann Asphalt. Kaum blieben wir stehen, kaum war der Fahrtwind weg, waren die Gelsen da. Die Mittagsjausenpause fiel sehr kurz aus. Kein Dorf, also auch keine Kneipe. Keine schattigen Rastplätze. Keine Donau in Sichtweite.

Wir radeln und radelten. Und dann, rund 8 km vor Baja, kam doch eine Gaststätte. Schicker Landhaus-Stil, schwere Mercedes davor geparkt. Rév Csárda, ein mehrfach ausgezeichneter Gourmettempel. Das hatten wir nicht erwartet. Leonie war erst arg enttäuscht weil es kein Eis gab, aber konnte sich dann auch für die Pasta und vor allem die Desserts begeistern.

Jetzt waren die verbleibenden Kilometer bis Baja leicht zu schaffen!


Der Campingplatz liegt auf der „Donauinsel“, wir blicken wieder direkt auf das Wasser, gehen baden, kochen uns einen Gemüse-Linsen-Eintopf und gehen dann endlich auf ein Eis ins Stadtzentrum.

20. Tag, 1. Juli

Baja – Dunafalva, 25 km (+15 km extra nach Vaskút)

Kopfsteinpflaster ist wirklich schön, aber wenn man mit dem Fahrrad unterwegs ist, ist man einfach nur froh wenn man wieder auf Asphalt kommt. Und so radeln wir entlang der Fahrradwege munter und fit aus Baja raus. Was für ein Radweg! Breiter als viele die wir schon hatten, beschattet und mit super Fahrbahn. Als wir einen Ort namens Vaskút erreichen, wissen wir, dass wir falsch sind. Es gibt keine Verbindungsstraße Richtung Dunafalva. Wieder zurück in Baja suchen wir nach der richtigen Straße und finden einen Mann am Moped, der vor uns her fährt und uns zur richtigen Straße bringt.

Dann geht’s wieder am Damm dahin.


So drückend heiß wie heute war es noch nie. Kein Schatten, ewig weit kein Dorf. Wir radeln bis Dunafalva und fallen dort überhitzt und durstig ins Wirtshaus ein.

Eis und Wasser, Bier mit Wasser und Chips und noch ein Eis und noch ein Zitronenwasser. Wir kommen wieder auf normale Betriebstemperatur.
Online las ich vom Zöbart Camping in Dunafalva, einfach, aber direkt an der Donau. Der Wirt sagte uns, dass dieser Platz geschlossen ist. Auch im Ort gegenüber ist auf unserer Huber-Radkarte ein Campingplatz eingezeichnet. Der Wirt sagt, dass es den auch nicht gibt. Im Laden neben dem Dorfwirt decken wir uns mit Lebensmittel ein und finden an der Donau gleich bei der Rampe der Fähre einen Platz für eine Pause mit Jause.

Wir baden und pritscheln in der Donau, auch wenn es dafür fast zu heiß ist, in der Sonne. Entweder wir radeln bis Mohacs. Laut Wirt soll es dort einen Campingplatz geben. Weder auf den Karten noch online finden wir einen. Oder wir zelten einfach so. Wir entscheiden uns für letzteres. Die Anlegestelle der Fähre ist relativ frequentierten. Johannes fragt einen Mann nach dem Campingplatz, den es hier geben soll. Der Mann spricht wie viele hier deutsch und sagt mit ausladender Armbewegung: „Kein Campingplatz, aber überall Camping.“ Er sagt Johannes auch noch, dass das hier sein Grund ist und wir campen können. So schlafen wir hier zwischen Damm und Donau das erste Mal außerhalb einer schützenden Struktur.

Soeben haben wir beschlossen morgen für zwei Nächte in Mohacs in einer Pension oder einem Hotel zu bleiben.

21 Tag, 2. Juli

Dunafalva – Mohács, 15 km


Deutschsprachige Ortsschilder, als Zeichen der hier ansässigen, sog. Donauschwaben, sind hier zu finden.

Der jetzt schon allen bekannte Donaudamm.

Wir starteten etwas früher als üblich, kamen am Damm rasch vorwärts. Ja, der Donaudamm – sehr, sehr viele Kilometer durch die Pannonische Tiefebene sieht er so aus. Überall wird gut geschaut, dass er nicht zuwuchert, viele Kilometer lange liegen Heuballen zum Abholen bereit. Er bietet eine eigentlich ideale Grundstruktur für einen Radweg, mit einer gewissen Aussicht auf das umliegende Land, aber eben Schattenlos.
Bald erreichten wir das Ufer gegenüber von Mohács. So wie in Dunafalva gibt es auch hier keine Brücke sondern eine Fähre.

Kaum ausgestiegen wurden wir auf deutsch angesprochen ob wir Hilfe brauchen. Herr Fleischmann, dessen Großeltern Schwaben waren, fuhr mit seinem Rad vor uns her um uns den Weg zum Hotel zu zeigen, dass online passend für uns schien. Erst kaufen wir allerdings eine große Ständer-Luftpumpe im gut bestückten Fahrradgeschäft von Fleischmanns Sohn. Johannes will sich nicht weiter auf die vorhandene Luftpumpen-Infrastruktur verlassen.

Der Hausbesitzer der Penzió Pegasus, ebenfalls mit deutschem Familienhintergrund, ist gerade beschäftigt, kann uns dann aber gleich ein freies Zimmer zeigen. Selbstgefangen ist der rund acht Kilo schwere Donaufisch.

Hier wollen wir zwei Nächte bleiben: Hier gibt es eine Waschmaschine und ein Pool, hier gibt ein Moskitonetz vor der Balkontür, ein geräumiges Bad, drei Betten und im Ort sicherlich gute Gasthäuser.

Mit der nächsten Tagesetappe liegen 417 Stromkilometer in Ungarn hinter uns und 450 in Serbien vor uns. Vor drei Wochen starteten wir in Linz bei km 2135, Mohács liegt bei km 1446. Geradelt sind wir deutlich mehr als die Differenz von 698 km.

Immer wieder, seit Komárom, sind wir von den abendlichen Anti-Gelsen-Manövern irritiert. War es in Komárom ein Flugzeug, dass Insektengift versprühte, sehen wir wie unweit der Penzion mit einer Vorrichtung an einem Auto irgendein Mittel versprüht wird und sich als große Nebelwolken zwischen den Büschen und Bäumen verbreitet. Was versprühen sie? Wie arg viele wären die Gelsen ohne diese Intervention?

22. Tag, 3. Juli

Mohács


Das Zelt bleibt heute verpackt.

Wir verbringen einen Tag im gemütlichen, grünen Mohács, in dem alle Menschen mit denen wir uns Gespräch kommen, deutsche Wurzeln haben, und das mit der Lage bei Stromkilometer 1445/1446 ziemlich exakt an der Hälfte der Donau liegt.

Wir setzten uns an den gedeckten Frühstückstisch. Wir baden im Pool. Wir machen aufgrund der mittäglichen Hitze eine ausgedehnte Siesta. Johannes wartet unsere Fahrräder.


Wir gestalten und schreiben Karten für liebe Menschen.


Wir besuchen den Mohácsi Lovasclub, einen gepflegten Reiterhof gleich nebenan und Leonie reitet.


Wir pritscheln. Bisher hatte jede ungarische Stadt eine dieser öffentliche Kühl-Sprühpassage.


Wir freuen uns über andere Bewegung als in die Pedale zu treten.


Wie meistens will das Einhorn auch am Eis schlecken und sich im Dreck wälzen: „Es will ein Bazenlüpel sein!“ Nur selten lässt es sich daran hindern und muss dementsprechend oft in die Dusche.

Wir adaptieren das Langarm-Shirt dem Wetter entsprechend.

Und dann richten wir abends noch unser Equipment damit wir morgen früh zügig nach dem Frühstück aufbrechen können. Es geht, retour über die Donau, nach Serbien.

23. Tag, 4. Juli

Mohács – Bezdan, ca. 38 km

Noch im Halbschlaf dachte ich, der Wind raschelt in den Bäumen. Dann war es doch Regen, der auf das Blechdach tropfte. Ich war froh, dass wir entschieden trotzdem weiter zu radeln. Nach zwei Nächten wollten wir beide dringend weiter reisen. Wir verpackten das Equipment möglichst regentauglich und los ging’s. Erst noch Trinkwasser einkaufen und die Post aufgeben und dann ab zur Fähre.

Vom linken Ufer auf der Höhe von Mohács radelten wir in einem Zug die knapp 30 km bis zur Serbischen Grenze durch, am bereits bekannten, bestens asphaltierten Damm sehr flott dahin. Leonie schlief. Wir radelten. Es regnete, Mal mehr, Mal weniger.

Wir begegnete unserer erstes Schafherde mit Schäfer und zum Glück friedlichem Schäferhund.
Wir begegnete zig ungarischen Soldaten und Polizisten, die über einen Streckenabschnitt von 15 km an der Grenze zu Kroatien patrouillieten. Eine absolut surreale Situation: Geschätzt 50, 60 Mann, rund alle drei-, vierhundert Meter am Güterweg zwischen den Feldern stehend, ins Handy schauend oder mit irgendwelchen Snacks beschäftigt. Die Bedrohung ist im Kopf. Aus den Feldern Kroatiens kommt sie jedenfalls nicht. Wir begegneten einem Fuchs, der zwischen den Grenzwachen umher irrte als ob er nicht genau wüsste, in welches Feld er laufen darf, ohne sich strafbar zu machen.
Mit Johannes, quasi als Tempomacher, passierten wir kurz nach Mittag bereit die Grenze nach Serbien.


Wir stellen uns unter und machten eine kleine Jausenpause. Leonie erfindet sich wie oft ein Rollenspiel: „Die Oma zupft das Unkraut aus, weil das ärgert sie so.“

Ein großes Schild begrüßt hier die Eurovelo 6 Reisenden und verrät uns, dass die Donau 588 km durch Serbien läuft und die Hauptroute des Radweges 665 km beträgt. Los geht’s: Wir radeln weiter bis Bezdan und machen Pause im Anna Caffe & Rooms, einer Lokalität ganz unerwarteter Art: eine Mischung aus Wiener Kaffeehaus mit chilliger Hotel-Lounge Wir trocknen uns, trinken Limo und Kaffee, essen Dobostorte und spielen mit dem vorhandenen Kinderspielzeug. Sehr gemütlich ist es hier.

Johannes fragt wie viel die Zimmer kosten. Ohne es gesehen zu haben, beschließen wir zu bleiben. Die paar Kilometer bis Backi Monostor, das wir als Tagesziel angedacht hatten, können wir morgen auch radeln. Wenn es nicht mehr regnet.
Das Zimmer ist superschön, unterm Dach mit Galerie, eingepasst zwischen Dachbalken. Zum Wohlfühlen.

Weiter gehts in Serbien!