Werke und Texte der Ausstellung

„Differenz und Wiederholung“

Wir Menschen leben und gestalten unseren Alltag in Differenzen und Wiederholungen. Die Arbeiten der Ausstellung fächern die vielfältigen Dimensionen dieser Begriffe auf. Sie umkreisen das Verhältnis von Wiederholungen und ihren Verkleidungen, thematisieren Erscheinungsformen von Differenzen und feinen Unterschieden.
Einige der Arbeiten verweisen auf kulturelle Handlungspraktiken, verhandeln die Frage wann Wiederholung und Differenz positiv und wann negativ besetzt sind und greifen historische Entwicklungen auf. Andere Projekte wiederum spielen ohne moralisch-ethischen Anspruch mit diesem Thema.
Die uns wesentliche Frage dabei ist immer wieder: Wann ist es sinnvoll oder geschickt zu wiederholen und wann ist es angesagt, die Differenz zu wagen?

Am Anfang: Differenz und Wiederholung
ein Projekt von Andrea Fröhlich
Bahnen_Differenz und Wiederholung
Bahnen_Differenz und Wiederholung tippen

Beim wiederholten Tippen der Begriffe „Differenz und Wiederholung“ mit einer mechanischen Schreibmaschine entstehen automatisch Differenzen, besser noch: Es entstehen sich wiederholende Differenzen. Es gibt kein „Rückgängig und Löschen“, kein „Kopieren und Einfügen“ und auch keine automatische Rechtschreibprüfung während der Eingabe. Es erfordert ein hochkonzentriertes Zusammenspiel von Kopf und Hand, dazwischen ein kontrollierendes Auge.
Plötzlich – und da ist es schon zu spät – ein Fehler, eine Differenz. Es ist, als ob ein Finger eine selbstständige Zuckung macht, Übungseffekt will sich keiner einstellen, auch keine Weiterentwicklung, wie bei einem Einüben einer handwerklichen Fertigkeit. Mein Interesse bestand darin, diese Formel immer wieder und immer wieder zu tippen, und das Phänomen der Unterbrechungen der Wiederholung zu beobachten.
Die Idee zu dieser Arbeit war Ausgangspunkt für das Thema der Ausstellung.

Podeste
ein Projekt von Johannes Schwarz
Podeste bespielt_a
Podeste – für unterschiedliche Spiele und Experimente
Podeste bespielt_b
Podeste – für große und kleine Menschen

Um 1900 begann die Bildhauerei das Verhältnis von Skulptur und Sockel zu thematisieren. Bis dahin war, bis auf einzelne Ausnahmen, der Skulptur eine eigene, höhere Sphäre zugeordnet, zu der der Mensch von der Erde aus auf das Kunstwerk hinauf zu blicken hatte. Dieses Verhältnis wurde zusehends in Frage gestellt und ein horizontales und damit demokratischeres Verhältnis angestrebt. Seither haben sich Künstlerinnen und Künstler in vielfältigster Weise mit dem Verhältnis von Skulptur und Mensch befasst und unterschiedlichste Arbeiten dazu geschaffen.
Ein aufsehenerregendes künstlerisches Statement zum Verhältnis von Sockel und Mensch stammt vom französischen Künstler Daniel Buren. Mit der Arbeit „Les deux plateaux“ (Die zwei Ebenen) schuf er 1985/86 im Ehrenhof des Pariser Palais Royal eine sehr kontrovers diskutierte Arbeit. Er stattete den Hof mit zahlreichen zylindrischen Säulen aus und stellte diese den Menschen zur freien Nutzung zur Verfügung. Buren setzte damit ein demokratisches anti-monumentales Statement. Aus dem Betrachter wird ein aktiver Benutzer, der das Kunstwerk und in diesem Fall damit auch den öffentlichen Raum in Besitz nehmen kann. Seitdem wird der bis dahin in seiner historischen Denkmalhaftigkeit erstarrte Ehrenhof tagtäglich von Hunderten von Menschen bespielt.
Sind die Sockel von Daniel Buren gerade so groß, dass man sich darauf als Skulptur positionieren kann, bieten die Podeste von Johannes Schwarz deutlich mehr Spielraum. Betreten erlaubt!
Die Podeste entstanden im Zeitraum von Jänner bis August 2014.
Podest

für Ankündigungen
für Verkündigungen
für Kündigungen
zum Picknick machen
zum Schmusen
als Bauelement
zum Gedichte vortragen
für Siegerehrungen
für allgemeine Ehrungen
um Liebeserklärungen auszusprechen
zum Spielen
als Aussichtsplattform
als Sitzobjekt
als Sonnenliege
als Schaubühne
als Therapiesockel
als Selbsterfahrungsorakel
als Opferstock
für Heiratsanträge
als Rednerpodest
für Protestreden
für Podestreden
für Mitteilungen
zur Selbstermächtigung

der Andere
die Andere
das Andere

ein Projekt von Andrea Fröhlich und Johannes Schwarz
Die Podeste und der Pranger sind architektonische Konstruktionen, die zwei kulturelle Praktiken von gegensätzlicher Differenz darstellen. Die Podeste stehen für Handlungen des Erhöhens und Würdigens, des Ehrens und Hervorhebens, des Aufmerksamkeit Schenkens, des auf die Bühne Bittens als Star und Held. Der Pranger versinnbildlicht Schande und Scham, Anklage und Entwürdigung. Die Differenz, die ein Pranger herstellt, ist gewaltvoll. Der/die/das Andere wird klein gemacht und bloßgestellt. Beides – die Bühne und der Pranger – sind zentrale Ordnungsstrukturen unserer Alltagskultur.
Praktiken des Anprangerns gehören keineswegs der Vergangenheit an, nur die Mittel und Medien haben sich mit dem Lauf der Zeit verändert. Wir Menschen sind schnell und geübt im Anprangern. Einfach ist es, über andere zu urteilen und gewohnte Floskeln über den/die/das Andere zu wiederholen.
Die Installation ist ein Plädoyer dafür, bewusster zu reflektieren, welche Handlungsspielräume und Lebensweisen wir auf das Podest bitten wollen und was wir anprangern wollen anstatt zu fördern. Welche Differenzen sollen unsere menschlichen Lebens- und Handlungsspielräume bereichern, welche Differenzen wollen wir nicht weiter nähren und wiederholen?

Die Geschichte der Tante Resi
ein Projekt von Johannes Schwarz
Der Umgang mit anderen ist historisch und kulturell, gesellschaftspolitisch und ideologisch geprägt von Differenzen und Wiederholungen.
Im Sinne der Systemtheorie kann davon ausgegangen werden, dass Verhaltensmuster und Sinnkonstruktionen, Glaubenssysteme und Rollenzuschreibungen über Generationen hinweg wirken und erlernt werden. Lebensentwürfe entwickeln sich immer in sozialen Bezugssystemen, können von diesen aber ebenso unterdrückt und abgetötet werden.
Um nicht Altlasten weiter zu leben, um Gewalt und Traumata in Systemen zu beenden, Seelenerkrankungen zu heilen und Handlungsspielräume zu weiten, bedarf es bewusster Reflexionen, Heilungsrituale und Würdigung der betroffenen Menschen.
Theresia Schwarz, meine Großtante, hat sich gegen das ihr widerfahrene Unrecht gewehrt. Sie fand keine Unterstützung. Wie viele andere auch wurde sie durch das menschenverachtende Euthanasie Programm der Anstalt Niedernhart, das heutige Wagner-Jauregg Krankenhaus, getötet. Sie gilt offiziell nicht als NS-Opfer, weil es einen formellen medizinischen Befund und eine Sterbeurkunde gibt. Die originalen Dokumente befinden sich im OÖ. Landesarchiv.
Theresia Schwarz soll an dieser Stelle Würdigung erfahren.

Die wunderbare Welt des Ludwig Lapaka
Die wunderbare Welt des Ludwig Lapaka
Diese Bilder sind der einzige materielle Nachlass von Ludwig Lapaka. Seine Vorstellungen von einem geglückten Leben werden in seinen Zeichnungen augenscheinlich. In filigraner, abstrahierter und komprimierter Weise zeichnete er seine Traumwelt, deren Grundelemente sich beständig wiederholen. Zugleich aber lassen sich zahlreiche Nuancierungen, Varianten und Facetten entdecken. Die Zeichnungen sind im Zeitraum von 2005 bis 2010 entstanden.
Ludwig Lapaka
Von Ludwigs Leben, er wurde 1928 geboren, ist wenig bekannt. Als junger Mann wurde er aus seiner Heimat, dem Sudetenland, vertrieben und kam nach Österreich. Vermutlich waren es traumatische Erfahrungen, die Ludwig dazu veranlassten sein Leben so zu leben, wie er es gelebt hat. Trotz aller Grenzgänge hat Ludwig sich seinen Stolz und seine Würde bewahrt, nicht zuletzt durch seine Beharrlichkeit und den Widerstand gegen die Vorstellungen anderer.
Über mehrere Jahre hinweg habe ich, Johannes Schwarz, Ludwig Lapaka in einem Linzer Pflegeheim besucht. Ludwig war besachwaltet und oftmaliger Patient in einer psychiatrischen Klinik. 2013 wurde er unter Beisein seiner Sachwalterin und von mir in einer Urne in einem Armengrab am Barbarafriedhof beigesetzt.
Eins und eins und noch eins

Eins und eins und noch eins und
eine Intervention von Andrea Fröhlich und Johannes Schwarz
Eins und eins und noch eins
Wann ist ein Ringerl noch ein Ringerl? Was wird noch aufgenommen in die Sammlung und was sprengt die Parameter, die ein Ringerl zu einem Ringerl machen?
Die bei der Venedig Biennale 2013 präsentierte Arbeit der australischen Künstlerin Simryn Gill weckte unser Interesse für Ringerln aller Art. Von da an war unsere Wahrnehmung für kleine runde Objekte in all ihren Differenzen und Variationen geschärft.
Das Sammeln von Ringerln wurde Teil unseres Alltags, entwickelte eine starke Eigendynamik und nach wie vor freuen wir uns beim Finden von Ringerln. Immer wieder gibt es neue, besonders ausgefallene Exemplare und richtig spektakuläre Funde.
Ohne moralisch ethischen Anspruch ist die formale Ästhetik dieser Vielfalt und dieses Variantenreichtums, dieser Wiederholungen und Differenzen ein Vergnügen. Manche der Ringerln sind mit konkreten Situationen, Orten und/oder Personen verbunden. Manchen ist ihre ursprüngliche Funktion klar zuzuschreiben – Baudraht, Kugellager, Flaschenverschluss, Beilagscheibe, Dichtungsring, Haargummi, Brillenfassung. Andere wiederum entziehen sich jeglicher Zuordnung.
Die hier ausgestellte Sammlung entstand seit dem Frühsommer 2013. Viele Freundinnen und Freunde haben zu dieser Sammlung ihre Funde beigesteuert. Danke!

LandwirtschaftschafftLandschaft_AFröhlich

Silage-Collage
eine Sammlung von Andrea Fröhlich
Wie weit müsste man reisen, nach Norden, nach Süden, nach Westen nach Osten, um andere Formen der Vorratshaltung zu Gesicht zu bekommen?
Früher hatte jede Gegend, jede Region, jedes Tal in Mitteleuropa seine eigene Form der Heutrocknung entwickelt: hausartige Heuhaufen, kubische Vierpfosten-Heumeiler, kegelförmige Aufschichtungen und Männchen-Formen bis hin zu Gestellen aus Draht und Stöcken, sodass Heu auf langen Zeilen aufgehängt werden konnte. Die europäische Kulturlandschaft war geprägt von dieser Formenvielfalt. Die heutigen Silage-Ballen zeugen von Globalisierung und um sich greifender Effizienzsteigerung.
Die Fotografien entstanden im September und Oktober 2012 im mittleren und unteren Mühlviertel.
Danke an Daniel Blazej für seine grafische Hilfe und Johannes Schwarz, Begleiter bei den Fotosafaris.

Von Bleistiften und Buntstiften
ein Projekt von Andrea Fröhlich
Bleistifte-verlängert.b
Auch die kleingespitzten Bunt- und Bleistifte waren uns kostbar. Schließlich erfüllten sie in gekürztem Zustand ihren Zweck noch genauso. Die Stifte, mit denen wir ungezählte Striche und Konstruktionen, Skizzen und Experimente, Bilderwelten und Weltbilder zu Papier brachten, haben sich quasi von selbst angesammelt, im Laufe der Jahrzehnte, am Boden unserer Buntstiftkisten.
Die Blei- und Buntstifte stammen alle aus der Sammlung von Michaela und Andrea Fröhlich.

Wie soll ich leben?
18 Collagen von Andrea Fröhlich
Schauen und lesen, beobachten und hinhören, hinspüren und reflektieren – wie gestalten Sie Ihr Leben? Welche Entscheidungen treffen Sie – was wiederholen Sie, welche Differenzen sind Ihnen wichtig? Die Collagen spannen ein Netz aus visuellen Assoziationen und gelesenen Einflüssen auf, das dazu einlädt, eigene Lebensentwürfe und Glaubensätze zu reflektieren.
Wie soll ich leben_Schau dir die Welt an
„Schau dir die Welt an!“ – als eine Antwort auf die Frage:

Die Textfragmente stammen aus folgenden Publikationen: „Differenz und Wiederholung“ von Gilles Deleuze, „Zwei Welten und andere Lebenselixiere“ von Robert Pfaller, „Handwerk“ von Richard Sennett und „Du musst dein Leben ändern“ von Peter Sloterdijk. Die Antworten folgen der Struktur der von Sarah Bakewell verfassten Michel de Montaigne-Biographie mit dem Titel „Wie soll ich leben? oder das Leben Montaignes in einer Frage und zwanzig Antworten“.