Rumänien

Hier gehts zurück nach Bulgarien.

50.Tag, 31. Juli
Suhaia – Vedea, 54 km

Als wir heute morgen in Gabrieles Guesthouse in Suhaia starteten, wussten wir, dass die nächste offizielle Unterkunft erst in Giurgiu wäre, also in 76 km, was für uns nicht machbar ist. Mal sehen was passieren wird.

In Zimnicea, rund 15 km nach Suhaia, ist die südlichste Stelle der Donau!

Wie gestern ging es flach dahin. Wie gestern war es heiß, sehr heiß. Wie gestern führte uns die Straße von Ortschaft zu Ortschaft. Wie gestern gab es zahlreiche Läden, die hier Magazin Mixta oder Minimarket oder auch Magazin Alimentar heißen. Wie gestern winkten und riefen uns viele Menschen, vor allem ältere vom Straßenrand aus zu. Wie gestern wurden wir wie bei der Tour de Romania angefeuert. Wie gestern trafen wir auf eine Gruppe Kinder, die unsere Hände abschlagen wollen, dachten wir. Der erste fasste Johannes Hand und zog wild daran, der nächste machte eine Faust und schlug Johannes die Knöchel in die flach hingehaltene Hand. Ich wich ihnen aus und bekam dafür als Spaßverderberin einen Stein nachgeschleudert, der zum Glück nur meine Speichen berührte. Das war neu.
Neu war heute auch, dass wir bei einem Begräbnis vorbei kamen. Die Frau war ohne Sarg auf einem landwirtschaftlichen Anhänger aufgebahrt. Was das für ein Fest sei, fragte Pippilotta.
Zwei Mal versuchten wir ein Taxi zu organisieren. So was gibt es erst in Giurgiu, hieß es. Und jemand Privaten mit Lieferwagen? Nein, so jemanden  kennt auch niemand. Ok. Wir radelten weiter. In Vedea fragten wir bei einem Magazin Mixta ob es die Möglichkeit zum Campen gäbe. Ja wir wissen, dass es offiziell keinen Campingplatz gibt. Wir suchen eine Wiese auf der wir unser Zelt aufstellen dürfen. Die Frau sprach zum Glück ausreichend Englisch. Nein, sie habe keine Idee. Das sei hier Provinz, da fürchten sich die Menschen vor Fremden. Johannes fragte im nächsten Magazin Mixta. Es gibt in so gut wie jeder Ortschaft mehrere. Als ich in den kleinen Laden nach kam, war ein Videotelefonat mit der Tochter der Besitzerin am Laufen. Ich erklärte nochmals unsere Anfrage, Milena in London übersetzte es ihrer Mama und sagte mir dann, dass wir den Garten anschauen könnten. Es sei zwar kein hergerichtet Platz, aber wenn es für uns passe, können wir hier zelten.

Phu. Es könnte ein sehr gemütlicher Garten sein, sogar ein Campingplatz für Eurovelo 6 Menschen. So war es, wie soll ich sagen, ein … , ein …, ein Mülllager, zum Teil verbrannt, zum Teil nicht, eine Fläche mit langem Gras, zwei Schrott-Autos, einem angeketteten Hund, der erst als es finster wurde zu bellen anfing und seither nicht mehr aufgehört hat, einem Verschlag, der ein Klo in Form eines dreieckigen Loches bin Beton ist (die Angestellte hat es sogar geputzt als klar war, dass wir blieben), zwei drei Obstbäumen deren verfaulte Früchte den Boden bedecken, drei, vier Baumwurzelstöcken, einem nicht mehr genutzt Brunnen mit Kurbelmechanismus, der sicher Mal schön war, mehrere Gebäude, wo unter einem hölzernen Bereich der Hund angekettet ist.
Wir kehrten die fauligen Äpfel und Laub vom Beton. Wir wuschen Sessel und einen Tisch sauber. Johannes rupfte einige Quadratmeter hohes Gras aus und legte damit den Unterbau für das Zelt. Wir gingen bei unserer Hausherrin einkaufen und bereiteten eine Schüssel Salat aus den Tomaten und Zwiebeln von Gabriels Mutter zu. Mahlzeit!

Als es in der Wiese im „Garten“ schattig genug war, stellten wir das Zelt auf. Es wird funktionieren.
Vor dem Geschäft stand ein Tisch unter einem großen Sonnenschirm. Einiges Männer saßen dort auf ein Bier oder auch mehrere. Wie die anderen kauften wir uns Getränke und stellten zwei Stühle raus und schauten. Nur ein stark alkoholisierter Mann wollte mit uns sprechen. Irgendwann war klar, dass er unbedingt etwas für uns kaufen, uns etwas schenken wolle. Ein anderer deutete uns etwas, dass wohl so was wie „da kann man nix machen, das kann man nur hinnehmen“ bedeutete. Der Mann kam mit einer Flasche Saft, einem Wasser, zwei Pfirsichen und zwei Bananen aus dem Geschäft. Da hatte die Verkäuferin ihn gut beraten. Pippilotta freute sich über die späte Jause.

Eine Schar Gänse wurde gegenüber von einem Mann gehütet. Dann winkte er uns zu sich, zeigte uns eine Schar kleiner Gänsekücken in einem Gehege im Hof. Pippilotta beschäftige besonders eines, das außerhalb des Zaunes war und keinen Durchschlupf retour fand. Es schnatterte so laut als der Mann es einfing und über das Gitter zu den anderen setzte.

Ein Storch saß im Nest am Mast gleich neben dem Garten und klapperte als wir bereits im Zelt lagen. Wir rochen, dass irgendwo noch Müll verbrannt wurde und so nah waren uns die nächtlich bellenden Hunde bisher noch nie gewesen.

51. Tag, 1. August
Vedea – Ruse, 36 km

4:18 Uhr. Die Hähne wurden wach, eine Schar Gänse schnatterte aufgeregt. Endlich schliefen die Hunde, erschöpft von ihrem Geheule. Nachtruhe ist bei der Geräuschkulisse ein symbolischer Hilfsausdruck.
Flott hatten wir am Morgen unsere Sachen gepackt, kauften Joghurt bei unserer Gastgeberin Ioana Gogor um mit einem kleinen Teil des geschenkten Obstes einen Frühstücksfruchtsalat zuzubereiten.

Ich wollte die Frau im roten Laiberl, eine Kundschaft, bitten ein Erinnerungsfoto von uns zu machen. Sie hat mich falsch verstanden.

In Richtung Giurgiu hatten wir heftigen Gegenwind. Wie bisher ging es von Ortschaft zu Ortschaft. Bei einem der Minimärkte entlang der Straße machten wir eine kurze Pause. Wir beobachten, dass hier, so wie bei uns der Bäcker durch die Ortschaften fährt, der Melonenverkäufer unterwegs ist.


Irgendwo bei einer Bushaltestelle ließen wir die drei Säcke mit Obst und Gemüse sowie Brot und Fleisch, die wir an den letzten beiden Tagen geschenkt bekommen hatten stehen. Was zu viel ist, ist zu viel. Vielleicht kam jemand, der es brauchen konnte.

Um nach Ruse, es liegt bei Stromkilometer 498, zu kommen, geht’s quer durch Giurgiu, dann auf einer Brücke über einen Donaunebenarm und die Donau. Aufgrund der bulgarische Grenzabfertigung, die gleich danach kam, ging es sehr langsam. Ukrainer, Polen, Russen, Belgier, Briten. Sommerurlaubsverkehr. Auf der Straße in die Stadt fuhren wir auf ausgeschildertem Radweg. Auch in der Stadt gab es gut markierte Radwege wenn auch immer wieder hohe Boardsteine das Fahrvergnügen bremsten.

Ruse ist mit 150 000 Einwohnerinnen und Einwohnern die letzte größere Stadt, durch die wir auf unserem Weg ins Delta kommen. (Später entschieden wir die Route über Brăila und Galați zu nehmen.) In der ersten Zeit unserer Reise vermieden wir die Zentren der großen Städte. Mit den Räder und dem Gepäck war uns „Stadt‘ umständlich. Jetzt sind wir zwischen den Dörfern froh ums urbane Leben.
In einer Fußgängerzone aßen wir im Gasthaus Ostenkino klassisches bulgarisches gasthausessen und buchten ein Zimmer im Anna Palast Hotel. „Ich bin froh, dass es keine Flohburg ist.“ sagte Pippi.

Schön altmodisch und sauber war das Zimmer, freundlich die Rezeptionistin. Nach 50 Tagen unterwegs sein, blieben wir drei Nächte in Ruse.

Ruse liegt neben der Donau. Die Donau ist zwar unweit des Hotels, von der Frühstücksterrasse aus jedoch nur theoretisch in Sichtweite. Die Stradt, wie viele entlang des Flusses, ist nicht daran ausgerichtet: keine Donaulände, kein aufgeschütteter Sandstrand mit Liegen und einer Bar, keine Terrasse direkt am Ufer, kein Gastronomie-Schiff, wie es dass in Linz, Krems und am Donaukanal in Wien gibt. (Erst bei der Fahrt aus der Stadt am Sonntag entdecken wir, dass es östlich des Stadtzentrums einen langen Park und Donauzugänge gibt.) Die breiten Boulevards, die das Stadtzentrum durchziehen, sind für den Verkehr gesperrt. In den lauen Abendstunden herrschte gemütliches Treiben, Menschen schleckten Eis, Hunde wurden Gassi geführt, Kinder flitzten mit Rollern und Rädern zwischen den Leuten hindurch und ließen Kunststoff Flieger, die hier derzeit unter Kindern offenbar sehr beliebt sind, fliegen.
Niemand schenkt uns etwas. Niemand versucht Pippilotta durch die Haare zu wuscheln und in den Oberarm zu zwicken. Niemand hört so laut Musik, dass alle anderen mithören müssen. Eine Stadt. Was für Kontraste zum Leben der Menschen im Dorf gestern, das keine 50 km entfernt ist!

52. Tag, 2. August
Ruse

Ich bin froh, dass wir mit diesen Unterschieden zurecht kommen: Ein Frühstück im rumänischen Hinterhof zubereiten und im Speisesaal des Anna Palast Hotel frühstücken. Pippilotta fragte, warum sie heute nicht so wie gestern in der „Unter“ frühstücken dürfe. Und gestern sagte ich ihr, sie solle das harte, unreife Stück Pfirsiche einfach auf den Boden spucken, was im Hotel nicht geht. Heute solle sie bitteschön die Füsse unter dem Tisch lassen und auch nicht so laut sein wie gestern. Heute durfte sie sich dafür unter den Tisch legen – „so ein schönes Haus, mit Vorhängen“, gestern sollte sie möglich auf dem Sessel bleiben und den Boden in Ruhe lassen. Wer soll sich da auskennen!?!

Sehr heiß war es heute und kein Fahrtwind in Ruse. Was machten wir da? Wir gingen ins Museum! Das Museum mit dem Namen Ecomuseum and Aquarium ist ein kleines überschaubares Naturkunde Museum mit einigen Wasserbecken und Terrarien, mindestens einer künstlichen Installation, sowie zwei gemischten Vitrinen, die ich einem Heimathaus zuordnen würde. Ein Bereich ist dem Sibirischen Mammut gewidmet, einige große Dioramen den hier in der Region heimischen Tieren. Pippilotta ist erfahrene Museumsbesucherin, schaut gerne und genau. Dass man sich wirklich alles Schönreden kann, bewies Johannes wieder einmal, der vor den recht kleinen Terrarien der Riesenschlangen feststellte, das man so wenigstens die Tiere richtig gut sehen könne. Die Unterscheidung zwischen den lebendigen Tieren, den Präparaten (also ehemals lebendig) und Modellen (kleinen und sehr großen, nie lebendig gewesen, also ja auch nicht sterblich), war gleich vergessen, als wir einen Stock höher gingen.

Auf einer grünen Plüsch-Sofa saßen Plüschtiere. Zum Angreifen. Sogar zum Herumtragen. Ich denke an den amerikanischen Künstler Mark Dion. Er bearbeitet in vielen seiner Arbeiten das Verhältnis zwischen der Natur, den Tieren und dem, wie wir Menschen die Tiere, die Natur wahrnehmen, sie erleben, sie uns wortwörtlich und metaphorisch aneignen.

Die allerheißesten Stunden des Tages verschliefen wir. Erst als es wieder erträglicher wurde, waren wir, wie viele Menschen hier, wieder unterwegs.

Wir waren wieder im Second Hand Laden (ein Humana) direkt am größten Platz der Stadt, dem Svoboda Platz. Das Sortiment, sorgfältig farblich sortiert, war von bester Qualität. Kaum eines der Teile wirkte richtig getragen.

Wir trafen uns mit Scal und Thilo, die ebenfalls gestern in Ruse angekommen waren. Vom Wasser aus erleben sie ganz andere Geschichten, beschäftigen sie andere Herausforderungen als wir, die von Ort zu Ort radeln. Gut war es, die Erlebnisse mit ihnen austauschen zu können. Und überhaupt fein, sie wieder getroffen zu haben.
„Einfach noch a bissl draußen bleiben und so herumspazieren will ich.“ Je später der Abend, umso munterer Pippilotta. Mich erstaunt, dass sie hier überhaupt nicht das einzige Kleinkinder ist, dass spät abends noch „herumtanzt“. Kinder mit Roller, Kinder mit Seifenblasen, Kinder mit Dreiradler, Kinder mit Nachzieh-Tieren, Kinder mit LED-Leucht-Dingern, Kinder vor Handybildschirmen – und dass alles, obwohl es bereits nach 22 Uhr war.

53. Tag, 3. August

Ruse (Bulgarien)

Wir radelten in der Stadt herum. An der Donaulände sahen wir, dass an der Gestaltung einer Promenade gearbeitet wird. Auf dem breiten Boulevard, der sich um die Innenstadt bog, gab es einen richtigen Fahrradweg, der nicht ständig durch hohe Boardsteine unterbrochen wurde.

Im Hotel Riga, einem Bau mit 22. Stockwerken direkt an der Donau, wollten wir das Panorama Restaurant besuchen. Es wäre quasi eine Empfehlung aus Karl-Markus Gauss Buch „Zwanzig Lewa oder tot“ gewesen. Das Restaurant ist jedoch den gesamten August geschlossen.

Vor dem Schaufenster eines Spielwarenladen trafen wir eine israelische Familie. Drei Wochen sind sie in Rumänien und Bulgarien unterwegs, vor allem auch an Orten mit schöner Natur und Platz für die Kinder rundherum, aber auch in den größeren Städten. Morgen wollen sie nach Brasov weiter.

Beim dm, den es hier seit kurzem gibt, trafen wir eine Familie aus Karlsruhe. Der kleine Bursche trug eine Schleich-Sau mit sich, das fiel uns auf. Dass sie gerade mit ihrer Sammlung anfangen, erzählte die Frau. Ihre Familie komme aus Kolumbien, die des Mannes aus Ruse. Im Sommer seien sie hier, im Februar in Lateinamerika. Sie erzählten uns, dass es auf den Straßen in den Sommermonaten sehr ruhig sei, weil viele Menschen Zeit am Schwarzen Meer oder in den Bergen verbringen.

Beim Velo Master waren wir. Johannes bekam einen neuen Fahrradspiegel und die Schaltung wurde neu eingestellt. Sie haben den KTM-Fahrrad-Vertrieb für Bulgarien, erzählte Ilko, der Besitzer, und früher habe er in München gearbeitet. Wie oft hier wohl ein Fahrrad, das ein Vielfaches des durchschnittlichen ortsüblichen Monatslohnes kostet, verkauft wird?

Am Nachmittag ging ein Sommergewitter über der Stadt nieder. Wo es wohl unsere Freunde im Kanu, Scal und Thilo, erwischt hat? Ob sie rechtzeitig einen Unterschlupf gefunden haben?

Wir besuchten die Dreifaltigkeitskirche, bekamen vom Mesner zwei Äpfel geschenkt und wunderten uns, dass hier nur ein paar wenige Menschen beim Gottesdienst waren, der soeben dem Ende zuging. Von unserer Slowakei-Reise sind uns die vollen Kirchen, gleich welcher Glaubensrichtung, in denen bereits am frühen Vormittag die Menschen lange Schlangen vor den Beichtstühlen bildeten und die Räume voll waren, wenn Gottesdienst war, eindrücklich in Erinnerung.

Zum Abendessen waren wir mit der israelischen Familie verabredet und verbrachten einen geselligen Abend.


Morgen Sonntag geht es wieder (retour) nach Rumänien. Nach drei Tagen in Ruse, freuen wir uns wieder aufs Unterwegs sein. Ja, Pippilotta auch. Nach wie vor schimpft sie nicht darüber, dass sie schon wieder aufs Radl in den Sitz muß.

54. Tag, 4. August
Ruse (Bulgarien) – Greaca (Rumänien), 59 km

Nach drei Tagen in Ruse, brachen wir heute Vormittag in Richtung Rumänien auf.
Raus aus der Stadt, über die Grenze und entlang der Landstraße 41 ging es wieder von Ortschaft zu Ortschaft. Dazwischen radelten wir durch Agrarland. Die Sonnenblumen, die zu Beginn unserer Reise noch grün waren, sind jetzt verblüht und warten auf die Ernte.

Ich fahre sehr gerne durch die Orte. Wie die Menschen ihr Umfeld gestalten, ihren Lebensraum, ihre privaten Bereiche und den öffentlichen –  und die Abgrenzung  der beiden voneinander, finde ich spannend zu sehen.

Flott ging es dahin, nur an wenigen Abschnitten bergauf und als wir dunkle Sommergewitterwolken aufziehen sahen, radelten wir bereits in Greaca ein. Wir hofften auf ein freies Zimmer im Domeniul Greaca Resort. Hotel. Restaurant. Pool-Anlage. Spielplatz. Exakt mit den ersten dicken Regentropfen bezogen wir unser Zimmer.

Abendessen gab’s vom Andrea Zimmerservice: Buchstabensuppe und improvisierten Schopska-Salat. Die Küche soll hier laut Internet stark überteuert sein. Und bevor wir morgen die Lebensmittel wieder mittransportieren müssen, verkochen wir die leckeren Produkte. Und bei all der Bukarest Elite zu speisen, war auch nicht sonderlich verlockend.
Nachdem wir nicht wussten, dass der Poolbereich nur bis 19 Uhr zu benutzen ist, hatten wir auch dafür noch Zeit und pritschelte nach acht noch herum. Gut, dass Sonntagabend ist und zudem der kurze, heftig Regen viele nach Hause fahren hat lassen.

55. Tag, 5. August
Greaca – Oltenita, 31 km

Resort Domeniul Greaca. Zwischen sieben und zehn Uhr gäbe es das Frühstück, hatte die Rezeptionistin gestern gesagt. Nachdem wir für den heutigen Tag eine kurze Etappe bis Oltenita geplant hatten, wollten wir am Vormittag Zeit im Resorts Domeniul Greaca verbringen: Badewanne, Pool, Spielpferd und Spielplatz. Aber zuerst war keiner da, als wir kurz nach acht zum Frühstück gehen wollten: an der Rezeption nicht, im Restaurant niemand, keiner und keine in der Küche. Komisch, so alleine zu sein, in so einer Anlage. Am Pool unten arbeiteten Leute. Nein, sie seien nicht für das Frühstück zuständig, aber sie riefem jemanden an.
Hm. Hatten sie vergessen, dass sie jemanden im Haus hatten, der Unterkunft inklusive Frühstück gebucht hatte? Offensichtlich waren wir in der Nacht die einzigen Gäste gewesen. Johannes fing an die Räder startklar zu machen. Pippilotta spielte mit dem Pferd, dass sie gestern schon so interessiert hatte. Aus einem Blatt ersetzten wir ihm sein fehlendes Ohr.

Dann war immer noch keiner da. Wir gingen zum Spielplatz. Um neun kam Personal. Zwei Menschen für die Küche, zwei fürs Service. Ein sprachliches Missverständnis, wegen dem Frühstück. Die Rezeptionistin sprach englisch primär mit Hilfe eines Übersetzungsprogrammes am Smartphone. Es gäbe immer erst ab neun Uhr Frühstück.

Gegen zehn Uhr gab es, dafür dass der Platz sich so üppig präsentiert, ein recht spärliches Frühstück. Es kam statt meinem vegetarischen Omlett eines mit Schinken. Noch ein sprachliches Missverständnis, obwohl der Kellner eigentlich gut Englisch sprach. Aber nachdem es sonst nicht viel gab, waren drei Omlett am Tisch besser als zwei.

Resort Domeniul Greaca. Wir jammern nicht wirklich, aber der Platz ist geradezu eine Einladung sich über die Kleinigkeiten, die nicht funktionieren, lustig zu machen.


Irgendwann waren wir startklar und radelten in Richtung Oltenita.

War es in Ungarn tagelang die gleiche Landschaft entlang des Dammes, geht es hier durch immer sehr ähnliche Agrar-Landschaft: Sonnenblumenfelder, Maisfelder, bereits geackerte Felder auf denen diese Saison Getreide gestanden hatte.
Die Ortschaften reihen sich entlang der Straße wie Perlen auf einer Schnur in relativ regelmäßigem Abstand, alle an der breiten Durchfahrtsstraße ausgerichtet.

Im Vorfeld der Reise hatten uns die streunenden Hunde, vor allem die in Rudel lebenden, beschäftigt. In zahlreichen Berichten zum Eurovelo 6 ist von ihnen zu lesen. Wie am besten mit ihnen umgehen? Stock mitnehmen? Pfefferspray? Laut rufen? Sie nicht anschauen?
Es gibt sehr viele Streuner. Immer und überall gibt es Hunde. Viele von ihnen tragen Ohrmarken. Es gibt offenbar eine Form von Zuständigkeit, ein Interesse an deren Begrenzung. Die meisten der Hunde liegen lethargisch herum, auch unmittelbar am Straßenrand, oder laufen auf der Suche nach Fressen herum. Von denen haben wir den Eindruck, dass sie froh sind, wenn sie in Ruhe gelassen werden und keinen Tritt ab bekommen. Wir jedenfalls sind sehr froh, bisher noch keine richtig wilde, bedrohliche Begegnung mit ihnen gehabt zu haben. Selbst, dass uns einer wild bellend entgegen rannte, wie heute, kam noch selten vor. Er hat gleich abgedreht, als Johannes langsamer wurde und er reagierte auch auf die Rufe eines Mannes, der am Firmengelände das er bewachte, arbeitete.

Rasch kamen wir nach Oltenita und das Hotel Vila Europa war leicht zu finden.
Das große Zimmer hat ein sehr spezielles Feature, das Pippilotta immer wieder beschäftigte.

Die gesamte Decke ist ein schwarzer Spiegel, eine schwarze Reflexionsfläche ohne jegliche Naht- oder Klebestelle. Johannes und ich rätselten, wie so etwas gemacht wird. Es schaute glatt wie Glas aus, muss aber irgendeine Art von Folie sein. Jedenfalls macht es ein sehr spezielles Raumgefühl.

Am späteren Nachmittag radelten wir rund drei Kilometer vom Hotel zur Donau.

Und das Abendessen im Hotelrestaurant war auch absolut positiv. Seit langem gab es Pasta und Gnocchi auf der Speisekarte. Pippilotta aß mindestens so viel wie wir.

Weitreisende Radfahrerinnen und Radfahrer treffen wir selten. Gestern fuhr ein Paar in die andere Richtung vorbei und den letzten in unsere Richtung sahen wir am 1. August. Der Herr war mit Liegerad unterwegs und sicher flotter als wir. Und abends stand ein Rad mit Reisegepäck bei unserem Hotel.

Morgen haben wir eine längere Distanz vor. Nach unseren Erfahrungen im Hinterhofcamping versuchen wir von Unterkunft zu Unterkunft zu fahren. Von Oltenita ist der nächste Ort mit Hotel erst in 68 km. Laut Karte müsste es flach dahin gehen.

56. Tag, 6. August
Oltenita – Călărași, 68 km

Bis zum nächsten Ort mit Unterkunft, hatten wir 68 km. Wie erhofft ging es flach und somit flott vorwärts. Pippilotta sagte die ersten 17 km bis zur Ortschaft Spantov, wir machten eine erste Trinkpause, gar nichts und merkte dann an „Ich habe sehr geduldig gewartet.“
So gut wie alle Ortschaften haben mehrere der kleinen Geschäfte. Viele der Geschäft wiederum haben davor eine Art Gastgarten. In so gut wie allen Gastgärten sitzen meist zwei, drei Leute, die sonst grad nichts zu tun haben.


Von Oltenita bis Călărași gab es zahlreiche Dörfer: Ulmeni, Cetatea Veche, Spantov, Stancea, Chiselet, Mānāstirea (mit arg vielen großen Streunern, die sich zum Glück nicht für uns interessierten), Dorubantu, Vārāsti, Ciocānesti, Bogata, Rasa, Cunesti, Grādistea. Die letzten fünf gingen eigentlich nahtlos ineinander über.

Der Streifen Land zwischen den obligatorischen Zäunen und Mauern vor den Häusern, wird von Dorf zu Dorf mit unterschiedlichen viel Aufmerksamkeit bedacht, ist unterschiedlich gestaltet und genutzt. Heute sahen wir zum ersten Mal, dass die Fläche als Gemüsegarten genutzt wurde. In manchen Orten ist der Streifen ungemäht und damit recht wild, in manchen wenigen gibt es eine durchgehend gleiche Bepflanzung, mit Bäumen und oder Rosen. Prundu gestern hatte unzählige Flaggen mit der Aufschrift Primaria Prundu aufgestellt. Zum ersten Mal standen heute Brunnen, offensichtlich die ehemalige Wasserversorgung der Menschen, entlang der Straße.


Kurz vor Dorubantu sahen wir vom Damm aus eine Freizeitanlage mit Pool. Das schauen wir uns an! Ja, hier können wir etwas zu trinken bekommen und ja, die Pool können wir auch benutzen. War es das offizielle Freibad von Dorubantu? War der Herr im aprikofarbenen Hemd der Pächter? Wenn es hier so ein Freibad gab, weshalb dann nur hier und sonst noch nie entlang der gesamten Strecke?

Irgendwo in einer der Ortschaften kam uns eine Radlerin entgegen. Aus Frankreich war sie über Nordeuropa bis in die Ukraine geradelt und jetzt auf dem Rückweg. Hundert Kilometer sei sie heute schon gefahren, wollte noch zwanzig weiter. Dort habe sie auf Google Maps einen Wald gesehen in dem sie ihr Zelt aufstellen werde. Bei einem Kloster werde sie vorher noch Wasser holen. In zwei Tagen werden wir ja dann in Tulcea sein, meinte sie. Lustig. Wir glauben, wir werden in 8, 9 Tagen in Tulcea sein.
Sieben Radfahrer und Radfahrerinnen habe sie in den letzten zwei Tagen getroffen, dass sei ihr zu viel, sie werde diese Eurovelo 6 Route wieder verlassen.

Auf den letzten zwanzig Kilometern vor der Stadt und der Stadteinfahrt war richtig heftiger Verkehr. Es fuhren sehr viele LKWs und die Fahrbahn war zum Rand hin stark geworfen, bzw. hatte eine tiefe Spurrinne mit Wulst zum Asphaltrand hin. Wir versuchten den asphaltieren Gehweg zu benutzen. Der war holprig, immer wieder unterbrochen und für den Anhänger zudem zu schmal. Wir versuchten den Pferdefuhrwerk-Weg, den es ein Stück parallel zur Straße gab, aber auch das war sehr holprig und ich fürchtete die Stacheln der Akazien. An diesem kurzen Stück hatten wir unsere zweite Begegnung mit einem Radreisende. Der Mann war vor zwei Monaten in Regensburg gestartet und ebenfalls ans Schwarze Meer unterwegs.

Willkommen in Călărași! Es gab online zwei Hotels. Wir fuhren zum nähest gelegenen auf unserer Strecke. Hotel Hestia. 53€ für die Nacht, mit Frühstück. Da bleiben wir. Das Hotel Hestia wirkt alt und gediegen, wurde aber erst 2012 eröffnet. Die Hotels. Pippilotta freut sich immer sichtlich und hörbar über die Ankunft im Hotel, im Zimmer, und liebt es, gleich Mal Probe zu liegen und die Dusche und Seifen und Shampoos, falls vorhanden, zu testen.

Nachdem wir von zehn bis sechs Uhr unterwegs gewesen sind, gingen und fuhren wir nicht mehr weit. Im hoteleigenen Restaurant gab es super Abendessen und als Nachtisch noch eine Portion Spielplatz gleich nebenan im Parcul Dumbrava.

Pippilotta wollte nach dem Wippen noch Rutschen und nach dem Rutschen noch Schaukeln. Johannes und ich freuten uns bereits auf eine hoffentlich gute Nacht. Blöd nur, dass die Balkontür kein Moskitonetz hatte und wir im geschlossenen Raum schlafen mussten, wollten wir eine gelsenfreie Nacht haben. Darauf steh ich wirklich nicht. Aber wir haben es ausprobiert: Auch bis in den fünften Stock kommen die Gelsen.

57. Tag, 7. August
Călărași – Dervent Mānāstirea, 32 km

Können sich Gelsen im Kondenswasser von Klimaanlagen vermehren? Trotz einiger erwischter Tiere und geschlossener Balkontüren surrte es immer und immer wieder und die Nacht war unruhig. Da halfen auch die vier Sterne des Hotel Hestia nicht.

Wir setzten mit der Fähre von Călărași hinüber ans andere Ufer, außerhalb der Stadt Silistra. Silistra liegt in Bulgarien, direkt am Stadtrand verläuft die Grenze. Die Anlegestellen der Fähren sind alle auf rumänischer Seite. Nachdem die Donau für 605 Kilometer die Grenze zwischen Bulgarien und Rumänien bildete, läuft sie ab Stromkilometer 376 durch Rumänien.

Eigentlich mussten wir nicht nach Silistra, also nach Bulgarien, aber Scal und Thilo hatten dort die Nacht verbracht und wir nutzten die Möglichkeit, die beiden zu treffen.
Kaum waren wir von der Fähre runter, war alles voll geparkter LKWs. Es gab ein elektronisches Problem bei der Grenzabfertigung. Es unklar, wie lange es dauern würde. Die Bulgaren. Irgendwie scheinen sie auf europäischer Ebene das zu sein, was die Burgenländer für Österreich und die Mühlviertler für Oberösterreich sind.
OK. Erst Mal schauen, zum Beispiel welches „Essen“ wir griffbereit haben. Ah – Pippilottas Lieblibgsknapperei: Stinka-Käseringerl! Damit haben wir es in jeder Situation lustig.


Es ging dann doch relativ rasch weiter und wir radelten nach Silistra rein um Thilo und Scal zu suchen. Auf einer alten, liegen gelassenen Schwimm-Plattform hatten es sich die beiden gemütlich eingerichtet. Pippilotta erkundete mit Scal den Zeltplatz und das Kanu, hatte endlich wieder Mal fremde Flip Flops, die sie ausprobieren konnte und wir tauschen uns über die unterschiedlichen Erfahrungen zu Land und zu Wasser aus. Unser Radweg führt bis ins Delta selten direkt am Wasser. Wir hoffen, die beiden aber dann im Delta nochmals zu sehen.

Das letzte Mal auf dem Weg ans schwarze Meer überquerten wir, wieder raus aus Bulgarien nach Rumänien, eine Ländergrenze. Ab Silistra verläuft jetzt die Donau nicht mehr in einem einzigen Flussbett, sondern beginnt sich in mehrere Arme aufzuteilen, die bei Brāila nochmals zusammen fließen.

Unser Tagesziel war das Dervent Kloster (Mānāstirea). Dort soll es eine Art Herberge geben. Die online Recherche war nicht ganz eindeutig, aber falls es nicht möglich sein sollte, wollten wir zelten.
Nach der intensiven Spielzeit mit Scal schlief Pippi im Anhänger. Wir deckten uns im Dorf Ostrov mit Lebensmittel ein. Das Magazin Mixta war ungewöhnlich gut bestückt, drum herum alles sehr sauber und eine Frau schenkte uns sonnengereifte Weintrauben aus dem Garten.

Ab jetzt geht es wieder los mit den Steigungen – man beachte die Ergänzung am Schild. Man könnte meinen, jetzt in Richtung Delta kann es nur mehr flach sein. Dem ist nicht so. Die Donau biegt sich ab hier rund 100 km (eine Geographin würde das sicher nicht so schreiben) nach Norden, eben wegen der Hügel, die sich hier erheben. Das Gebiet neben des linken Donauufers ist komplett flach. Das Gebiet rechts, die Dobrudscha (Dobrugea) ist sehr hügelig.

Schneller als ich dachte, erreichten wir das Dervent Kloster. Pippilotta war schon aufgeregt. In unseren Susanne-Rotraut-Berner-Wimmelbüchern gibt es die Nonne Martha, eine Figur, die einen Pinguin-Luftballon findet.
Zwei Mönche in dunklem, schwerem Gewand, standen außerhalb der Mauern und winkten uns sofort hinein. Wortlos war klar, dass wir für eine Nacht hier schlafen wollen. Wortlos verstanden wir, dass es diese Möglichkeit gibt. Der Herr, der mit uns kommunizierte sprach deutsch und englisch, rumänisch sowieso. Wie im Mittelalter, dachte ich mir, in den Klöstern ist das Wissen verdichtet. Ein Security werde uns dann zeigen, wo wir die Räder parken können und wo unser Schlafraum ist. Aber in, der Mönch blickte auf seine Armbanduhr, in sieben Minuten müssen wir Essen.
Wir gingen dorthin, wo der Mönch uns den Speisesaal gedeutet hatte. Woher wir kämen, fragte ein anderer Mönch, der dort sahs. Österreich? Ah. Heil! sagte er und lachte.
Punkt 18 Uhr läutete ein fescher junger Mönch, dunkler Vollbart, dichtes langes, zusammen gebundenes Wuschelhaar, die Glocke. Rund 30 Leute waren zum Abendessen im Speisesaal. Nicht alle kamen pünktlich. Auch eine Nonne kam zum Abendessen. An zwei Tischen saßen rund 12, 13 Mönche. An drei anderen Tischen saßen andere Menschen: zwei junge Frauen mit Kindern, ältere schick, gekleidete Frauen mit Kopftüchern, einige Frauen, die ich treffender mit der Bezeichnung „alte Mutterl“ beschreibe und ein Mann, von dem Johannes meinte, er sei ein Novize. Die Mönche waren zwar tendenziell älteren Semesters, aber es waren durchaus auch junge dabei.
Wir bekamen Plätze zugeteilt. Ein ganzes Sortiment an Nirosta-Geschirr stand auf den Tischen. Keiner sprach. Schon lange waren wir nicht mehr so damit beschäftigt zu beobachten, wie die anderen tun, um uns adäquat zu verhalten. Pippi, nicht sprechen! Der Mönch, der uns am Tor empfangen hatte, las einen Text. Solange die Geschichte dauert, muss man zuhören und darf nix sagen. Schweigend ließ sie sich von mir mit Kartoffeln füttern und starrte auf den großen streng blickenden Jesus neben ihr an der Wand.
Das Essen war vegetarisch und schmeckte: Gemüsesuppe, Erbseneintopf, Kartoffel mit Knoblauch-Soße, Tomatensalat. Und dann stand noch eine Schüssel mit eine Art Rosen-Milch, Milch mit Geschmack am Tisch. Von der nahm keiner außer uns. Als die Vorlesung aus war, beendeten auch viele das Essen, uns wurde gedeutet, dass wir fertig essen können.
Der Security zeigte uns wie vereinbart den Platz für die Räder und das Zimmer. Schade, dass er außer einzelnen Worten kein Englisch sprach und keine unserer vielen Fragen zum Kloster beantwortet werden.

Wir spazierten herum. Der Klostergarten war sehr schön, und in der Gegend hier sicher eine Besonderheit. Jemand schien eine Leidenschaft für Kakteen zu haben, ein anderer für Skulpturen. Hunde und Katzen lagen unter den blühenden Stauden. Haselnüsse fanden wir, und der Security machte uns verständlich, dass wir auch zum Pfauengehege, ihre Rufe hatten wir bereits während des Essens gehört, gehen dürfen.


Es ist ein sehr lebendiges Kloster, vielen unterschiedlichen Menschen, die aus sehr unterschiedlichen Gründen dort zu sein schienen.

58. Tag, 8. August
Dervent Mānāstirea – Ion Corvin, 38 km

Gelsenfrei, Hundegebellfrei und ruhig war die Nacht im Kloster. Kurz nach sieben Uhr wurden die Arbeiten an der Kirchenbaustelle mit schwerem Gerät aufgenommen. Und erst um acht Uhr, als wir soeben dabei waren die Schoko-Cornflakes (es gab im letzten Magazin Mixta nur diese Sorte) läuteten das erste Mal die Kirchenglocken.
Wir schoben die Räder durch das Gelände, am Dach saß ein Mönch mit Notebook und Smartphone, wir pflückten noch einige Haselnüsse und verabschiedeten uns von diesem besonderen Platz.

Entlang der heutigen Strecke lagen drei Dörfer. In jedem legten wir eine Rast ein. Geschenkt bekamen wir eine Banane, ein kleines Mineral, zwei Liter Fanta inkl. Trinkbecher und eine Gelee-Schlange.

Es war ein heißer Tag, und die Strecke hügelig, 170 Meter war die höchste Stelle, 20 Meter die tiefste.

Wir  fanden ein Hufeisen und nicht allzu lange danach noch ein halbes.
Wir kamen zu einer Autopanne zurecht, ein Plattfuß. Johannes hatte passendes Werkzeug dabei, aber die Schraubmuttern waren so stark „ognudld“, das der Mann sie trotzdem nicht auf bekam.
Wir schlugen die ersten fast reifen Walnüsse auf.
Wir sahen neben der Straße wilde Hanfpflanzen wachsen. Immer wieder, und sehr viele davon.



Wir spielen immer und immer wieder „Karpaten-bär‘. Das geht so: Ich habe die Rolle der kleinen Mia (aus den Pauli-Büchern, für alle die sich mit Kinderliteratur beschäftigen) und jedesmal wenn ich ein Pferd stehen sehe, rufe ich „Oh, ich sehe schon wieder einen Karpaten-Bär!) Vom Sitz hinter höre ich Gekuddere (ist das ein Wort?) und die Aufklärung, dass es doch ein Pferd ist.

Johannes blieb vor mir auf der Straße stehen. An so einer unübersichtlichen Stelle? Eine Schildkröte hatte sich auf die Straße verirrt und aus Furcht bereits in ihren Panzer verkrochen. Zum Glück war sie noch heil und ganz! Sie wurde von Johannes weit in den Wald hinein getragen.

Beim kleine Ort Ion Corvin, unser Tagesziel, teilt sich die Straße: Constanta oder Tulcea. Erstes klingt für uns nicht attraktiv. Es wäre zwar deutlich näher, in weniger als 90 km wären wir am Schwarzen Meer und auch von dort kann man die Küste rauf zum Delta fahren. Wir wollen aber noch ein paar Tage im Landesinneren bleiben und damit auch an der Donau.

La Taruzula. Würde die Unterkunft online auffindbar und bewertbar sein, würde meine Rezension so lauten: Kein Warmwasser, halbwegs sauber,
fiktiver, überteuerten Preis für das Essen, das man sich nicht aussuchen kann. Für Vegetarierinnen: Pommes und Tomaten-Gurkensalat. Ein Grillfleisch-Stück und Pommes für Johannes. Nicht empfehlenswert.
Weit und breit gibt es nichts anderes. Alleine wegen der Dusche, selbst wenn sie kalt ist, entschieden wir uns doch für das Zimmer.
Zwei Hündinnen und Welpen laufen herum. Wir weichen ihnen großräumig aus. Als ein junger Mann mit der Moskitogiftspritze am Rücken kommt, ist unsere Zeit im freien für diesen Abend beendet.

Seit Beginn der Reise beschäftigt mich immer wieder die Frage, wie Ästhetik und Geschmack entsteht. Wie man überhaupt SO eine Tapete entwerfen und produzieren kann! Und solche Bodenfliesen!

59. Tag, 9. August
Ion Corvin – Cernavodã, 41 km

Noch nie konnte ich Zynismus, Ironie und Sarkasmus präzise unterscheiden, aber irgendetwas davon hilft uns mit den unzähligen Missständen hier, oder dem was uns als solches erscheint, zurecht zu kommen.


So bemerkte ich, dass das Leben als Schäfer auch nicht mehr so beschaulich ist, wie es einmal war: In Ion Corvin sah ich einen Schäfer, der neben dem Schafehüten auch noch für die Müllverbrennung zuständig war.
Einer der Männer vor dem Magazin Mixta in Ion Corvin trank eine Cola, kein Bier. Das ist sozusagen die gesunde Jause, meinte Johannes. In Garten eines Schulgebäudes fraßen Gänse: Tiergestützte Pädagogik, meinte Johannes.

In der Gegend durch die wir heute fuhren, schienen mir die Lebensbedingungen für Mensch und Tier besonders miserabel. So viele Pferdefuhrwerke, so viele armselige Hütten und vor allem die Menschen, denen man ihren harten Alltag ansieht. Das erste Mal bettelte heute eine Mutter mit ihnen zwei kleinen Kindern als wir an ihr vorbei radelten. In Turnu Māgurele ist Johannes auch schon angesprochen worden, aber das schien nicht aus großer Not heraus zu sein. Und in Nikopol interessierten sich zwei Burschen besonders für unsere Fahrräder, wollten wissen, was die einzelnen Teile kosten und fragten, ob sie das Licht haben könnten. Das war anders als hier jetzt. Wir sahen eine alte Frau an einem Lehmofen im Hof hantieren. Wir sahen Kinder, die Doppelliter Bier und Zigaretten heimtrugen. Wir sahen ein Paar auf der Straße sehr grobes Heu wenden. Wir erleben im Hof eines Magazin Mixta einen alkolosierten Vater und seinen ungefähr zehn jährigen Sohn. Gegen die alkoholgetränkten Gastfreundschaft, mit der wir immer konfrontiert sind, kann man sich nur schwer schützen.
Die Magazin Mixta. Sie strengen uns jetzt schon etwas an. Beinahe vor jedem Laden sitzen dort die Alkoholiker zusammen. Und immer sind sie es, die uns etwas erzählen wollen, die Pippilotta etwas schenken/kaufen und sie vielleicht auch noch angreift wollen, die uns erklären wollen, was wir auf unserer Radkarte sehen und wie wir nach Tulcea kommen. Da haben wir manchmal ganz schön zu tun, dass die Pause auch Pausencharakter hat. Johannes kommt da immer zum Zug. Ich werde von den Männern weniger direkt angesprochen. Johannes könnte Arbeitsstunden schreiben, es ist genau sein Klientel, mit dem wir oft mehrfach täglich in Kontakt sind.

Das mit den Wegerklärungen, die wir bekommen, finde ich spannend. Man sieht oft richtig, dass die Leute noch nie eine Karte ihrer Gegend angeschaut haben. Wozu den auch, sie kennen sich aus. Und man sieht auch, dass es ihnen komplett fremd ist, was wir hier machen. Daß wir nicht zufällig hier gelandet sind, dass wir seit bald 2000 km die Karte lesen, dass wir wissen, wie weit es noch bis zum Schwarzen Meer ist, scheint nicht allen bewusst zu sein.

Wir sahen heute Zisel, auf einem trockenen Steppenhang, zu weit weg um sie mit meinem Handy fotografieren zu können. Und viele Bienenfresser fliegen, diese Vögel mit türkisblauen Bauchfedern, bei denen Bienen nur weit hinten am Speiseplan stehen. Aber vor allem sahen wir viele Nutztiere: Ziegen und Schafe, Hühner und Trudhühner. Gänse, denen vermutlich kürzlich die Daunen gerupft wurden, sahen wir heute zum ersten Mal. Wir sahen einen Vater mit Sohn Ziegen und Schafe hüten. Der Bursche fragte uns um Zigaretten.

Wir sahen, dass viele der Pferdefuhrwerke schon zeitig am Morgen beladen waren, entweder mit Holz oder Futterpflanzen. Gras kann man dazu kaum sagen. Meist sind es sehr lange Pflanzen, wie sie irgendwo in den sumpfigen Streifen entlang von Gewässer oder am Straßenrand abgemäht worden sind. Im Laufe des Tages wird es derzeit so heiß, dass an Arbeit im Freien nicht zu denken ist.

Ion Corvin – Foriile – Aliman – Vlahii – Rasova – Chochirleni – Cernavodã. Die Dörfer hier entlang der linken Donauseite sind nicht so strukturiert an der Durchzugsstraße ausgerichtet wie wir es von Turnu Māgurele bis Călărași erlebt haben. Es sind alleinstehende Häuser in besserem oder schlechterem Zustand, mit viel An- und Zu- und Nebenbauten für Tiere, Holz und Heu.

Die Straßen sind zum Glück weitgehend in sehr gutem Zustand, deutlich besser als wir es in Serbien und Bulgarien erlebt haben, aber die Steigungen hier sind heftig, vor allem auch in Kombination mit der Hitze. Den Anhänger mit Gepäck bergauf zu ziehen ist eine Plagerei. Ion Corvin liegt auf 70 m dann ging es innerhalb von gut einem Kilometer hinauf auf 145. Bergauf und bergab, immer wieder. Wir schoben viel, freuten uns über die schöne Landschaft, die zum Teil sogar wenig vermüllt war und wussten, es wird wieder bergab gehen.


Gegenüber vom km 314 Schild, in Rasova, es liegt am Hauptarm der Donau, rasteten wir. Bier und Chips und Wasser, das gibt des finstere Magazin Mixta eines mürrischen dicken Mannes her.

Bergab ging es dann nach Cernavodã, ein sehr reicher Ort. Hier steht das einzige Kernkraftwerk Rumäniens. Drei der fünf Reaktoren werden derzeit betrieben, angeblich wird viel Strom in andere Balkanländer exportiert.

In Cernavoda buchten wir bereits gestern das besser bewertete der zwei Hotels der Stadt: Hotel Hollywood. Als wir ankamen, stellte sich heraus, dass abends und in der Nacht eine 18. Geburtstagsfeier sein würde. Kostenlos könnten wir die Buchung stornieren. Das andere Hotel ist rund 6, 7 Kilometer weit weg. Hm. Wir entschließen uns zu bleiben.
Bei uns kann man so gut wie in jeder x-beliebigen Pension für eine Nacht bleiben und man weiß, es wird sauber sein, die Bettwäsche frisch und die Vermieterin freundlich. Hier fanden wir bisher keine Bed and Breakfast, keine Privatunterkünfte wie bei uns. Außer bei Gabriele. Hier muss man im besten Hotel der Stadt wohnen und auch dort im Restaurant essen, will man es für unsere Vorstellungen „normal“ haben. Tourismus wird einfach noch nicht so verstanden wir „bei uns“.
Der Spaziergang durch die Stadt war interessant. Dass es hier angeblich, mehr finanzielle Ressourcen als anderswo geben soll, war nicht zu sehen. Im Restaurant bettelte ein Roma-Bursche zum Zaun herein. Traurig war sein Blick.

Die Party im Saal unter uns dauerte wie angekündigt bis drei, vier Uhr in der Früh. Wir waren erschöpft und schliefen trotz kontinuierlichem Sound aus dem Bass Booster relativ gut.

60. Tag, 10. August
Cernavodã – Hârsova, 59 km (mit dem Taxi)

Vom heutigen Tag gibt es zwei Bildrätsel: Was spielte Pippi hier?


Der Gastgarten des Hotel Hollywood war aufwändig gestaltete. (Im Vordergrund: das Affengehege von Schönbrunn, bewohnt von den beiden Kerlen, die gestern Abend auf unseren Mojito-Gläsern saßen.) Wir haben dort gestern zu Abend gegessen und frühstückzen heute wieder im Freien. Um diese Tageszeit war es noch angenehm kühl: 24 Grad.

Gestern Abend noch halfen uns die sehr kompetenten Kellnerinnen ein großes Taxi zu organisieren. Dass es bis Hârasova keine Unterkunft gibt, dass die angekündigte Temperatur zwischen 12 und 16 Uhr 32 Grad beträgt und die Aussicht auf die zahlreichen Steigerung, die auf unserer Karte eingezeichnet sind, lassen uns in ein Taxi investieren.
Pünktlich wurden wir mit einem passenden privaten Lieferwagen abgeholt und freuten uns, dass unser Fahrer etwas englisch sprach und nicht in einer Kühltruhe fahren wollte. Manche Ladenbesitzer hier scheinen einen richtigen Klimaanlagen-Fetisch zu haben. Er zum Glück nicht.

Wir sahen den Mann aus Bayern am Straßenrand sitzen, wir sahen, dass es heftige Steigungen gab, wir sahern eine Haselnuss-Plantage, sahen Zeltplätze an der Donau, die hier aufgrund der Teilung in zwei Arme richtig gemütlich wirkte. Unser Fahrer erzählte, dass er mit dem Wagen auch schon in Österreich gewesen sei. Dass Österreich gut ist, dass es so zivilisiert ist, dass hier zu viele Alkohol trinken. Wir berichteten von unserem Magazin Mixta Erfahrungen. Und als in einem Dorf ein Mann am Straßenrand entlang torkelte, sagte er „Magazin Mixta“.
Das Einhorn und Pippilotta freuten sich ebenfalls über die Fahrt. Und der Fahrer war beeindruckt vom kontinuierlichen Geschichten erzählen und sprechen von Pippi.
In Hâsova soll es zwei oder drei Unterkünfe geben. Erst fragen wir nach der Donau und kommen direkt in ein Roma-Wohngebiet. Ich sah, wie eine ältere Frau einen Stein aufhob und nach zwei davon rennenden Kindern schleuderte. Ein kleiner Bursche und ein Mädel, er vielleicht vier, sie vielleicht acht, kamen und begleiteten uns ein Stück wortlos schauend. Eine Truppe Kinder verfolgte uns, ein älterer Bursche fragte um Geld und packte den Wagen. Zum Glück ging es da Grad bergab und wir „entwischen“ ohne uns mit ihnen auseinander setzen zu müssen.
Am höchsten Platz des Ortes stand eine helle Kirche mit mehreren golden Zwiebeltürmen. Wieder dachte ich „Wie im Mittelalter: die Menschen in den armseligen Hütten, die Kirche glänzend und alle Ressourcen besitzend“.

Portul Dunarii. Die Unterkunft, die wir angedacht hatten, war eine Baustelle und überhaupt hätten sie eine quasi private Feier und die bereits fertigen Zimmer seien belegt. Dan aus Sibiu, der Besitzer des Hotel, vermittelt uns an einen Nachbarn und Freund, Laurentiu, Unternehmer in Hashovo, Fischhandel, Unterkunft, Restaurant. Im La Cherhana Laurentiu, unmittelbar am der Donau bekamen wir für 150 Lei = 30 € ein Zimmer. Super Ausblick auf die Donau, Bad am Gang, ein Aufenthaltsraum mit Diskolicht und andere besondere Gestaltungselemente:

Wir freuten uns über den Penny-Markt und den sauberen Spielplatz im Ortszentrum. Und jeder etwas größe Ort scheint ein Kulturzentrum zu haben. Dort gibt es eine Toilette. Pippilotta war heute fasziniert von den vier Männern, die dort an einem Tisch Rummy spielten. Erst schauten wir eine Weile zu, dann lud einer der Männer uns wortlos ein die Spielsteine an einem anderen Tisch zu nutzen. Die Situation war sehr besonders: der desolate Saal, die vielen Spieltisch, einige mit Schach, die anderen mit Rummy-Steinen, einem Tisch die vier schweigend spielenden Männer und dann Pippi, die lang und ausführlich mit den Steinen spielte und all ihr Tun kommentierte.


Heransprechende Hunde gab es heute auch erstmal. Davon radeln funktioniert nicht gut weil es ihren Jagdinstinkt weckt. Besser ist es mit den Rädern langsamer zu werden, einen Stein aufzuheben, oder zumindest so zu tun als ob, dann verzogen sich die Hunde rasch.

Abends waren wir an der Donau, bei Stromkilometer 253 (!) und einen fanden richtig schönen und sauberen Bereich. Ein paar Menschen fischten, am Ufer gegenüber waren einige Zelte, ziemlich viele Menschen und orientalisch klingende Trommeln klangen zu uns herüber. Im Wasser war außer uns niemand. Endlich, sagte Pippilotta und pritschelte und plantschte.



Am Abend hatten wir keine Party im Haus, dafür die Nachbarn im Garten. Die Musik war sehr angenehm, rumänische Volksmusik oder Folklore, vermutlich. Schön jedenfalls, auch als wir zu späterer Stunde den Alkoholpegel des Sängers schon hören konnte.

Pippilotta spielte „Die Hexe arbeitet im Garten“ und „Ein Frachtschiff, das mit einem starken Seil verankert ist.‘

61. Tag, 11. August
Hârsova – Ostrov/Frecãtei, 37 km

Die Strecke war super. Es gab zwar immer wieder Steigungen, aber keine, die erwähnenswert wären.
Es ging weitergehend flach dahin. Die Ortschaften durch die wir kamen, hatten ihre Magazin Mixta, ihre alkoholisierten Männer, ihre geparkten Pferdefuhrwerke, ihre rostigen alten Ortsschilder neben den neuen, großen in den Farben der rumänischen Flagge.

Das fällt uns immer wieder auf: wenn etwas neues gemacht wird, räumt das alte keiner weg. Verbeulte, rostige Ortsschilder neben neuen pompösen Ortseinfahrtsinszenierungen, alte löchrige Mistkübel neben neueren Kontainern, Telegrafenmasten ohne Kabel entlang der aktuellen mit Kabel, alte Straßenabgrenzungen hinter den neuen Leitplanken, ehemalige Ställe, Hallen, Fabriken, Häuser neben den neuen Gebäuden.

Wir rasteten in Gârliciu und dann im Schatten einer großen Pappel neben der Landstraße. Dort sahen wir wieder Zisel. Ich versuchte sie zu fotografieren, es klappte wieder nicht.

Heute sahen wir relativ viele Herden: viele davon waren gemischt; Schafe und Ziegen und ein Esel, der die Dinge des Hirten trägt. Vor allem aber sind viele Hunde dabei. Die Hirten haben nicht einen Hirtenhund, sondern drei oder vier oder gestern zählten wir sieben. Die meiste Herden waren weit genug weg von der Straße sodass sich die Hunden nicht die Mühe machten uns zu vertreiben. Aber wir wissen jetzt auch, wie man mit ihnen umgeht, wenn Hunde wild bellend auf uns los stürmen: stehen bleiben, so tun als ob man sich nach einem Stein bücken würde und schon machen sie kehrt. Weder Stock noch Pfefferspray haben wir bisher gebraucht. Die Hunde, die plötzlich hinter Zäunen zu bellen beginnen, die haben uns deutlich öfter erschreckt.


Die Dobrudscha. Hier erleben wir Rumänien anders als auf der anderen Seite vor Călărași / Silistra. Männer und Frauen verbringen hier ihre Zeit offenbar sehr getrennt, haben noch etablierte Regelungen, wer welche Arbeiten verrichtet. Im öffentlichen Raum sind es so gut wie immer die Männer, die zusammen sind. Auch bei den Gruppen Jugendlicher fällt es auf, dass man viel mehr die Burschen sieht, im Park, beim Schwimmen an der Fähre gestern, als die Mädels oder halt gemischte Gruppen. Hier wird jetzt gebettelt. Und für Dinge, die keinen offiziell ausgewiesenen Preis haben, zahlen wir deutlich mehr als ortsüblich wäre. Dann kommt hinzu, dass hier so gut wie keiner irgendwelche Fremdsprachen kann. Auch das sich nicht verständlich machen können, sich nicht austauschen können, ist anstrengend. Auch Leute wie der Laurentiu in Hârsova, der ein Guesthouse, ein Fischrestaurant und einen Fischhandel hat, kommen über einzelne englischen Worte nicht hinaus. Und selbst mit den Kriecherl ist es hier jetzt aus und vorbei.

Halb vier Uhr. Rund einen Kilometer vor der Ortschaft Ostrov (die dritte, die auf unserem Weg so heißt) suchten wir am Donauarm (=Bratul) Mãcin einen Platz zum Campen. Nachdem es zwischen Ostrov und Frecãtei eine Fähre gab und das gegenüber liegende Ufer deutlich besser aussah setzten wir über. Die Burschen, die grad am Schwimmen waren, wollten zwar helfen, sprachen aber allesamt kein Englisch. Das es das gibt, das kann ich immer wieder nicht glauben. Ich erwarte eh keine Nativspeaker-Level, aber ein paar Brocken, die es einem ermöglichen sich mit Menschen von anderswo etwas zu verständigen, das muss doch drin sein in einem Land, dass seit 15 Jahren in der EU ist und in dem es eine Schulpflicht von acht Jahren gibt, denk ich mir.

Niegens stand ein Preis für die Fähre. Es war zwar an der Straße ein Schild, aber das war ausgebleicht. Der Typ ließ uns keine Chance vorher nach dem Preis zu fragen und verlangte 20 Lei, was zwar nur rund fünf Euro sind, aber ich schätze das dreifache vom Normalpreis.


Das Überschwemmungsgebiet in das wir am linken Ufer kamen, eignet sich super zum Zelten. Es war weit und breit niemand da, es war flach und ohne Gestrüpp, es lag direkt am Wasser, es wird von niemandem genutzt und war Folge dessen nicht vermüllt. Wir verbrachten einen so angenehmen, entspannten Abend wie schon länger nicht mehr. Kein dreckiges Klo über das wir uns ärgern hätten müssen, keine überhöhten Preis für Pommes und Salat, niemand der uns anschnorrt, keine kläffenden Hunde, keine Weichspüler-getränkte Bettwäsche, ausreichend Platz und Sand zum Spielen, angenehm flaches Wasser zum Wäsche waschen und pritscheln und Wind, der uns einen gelsenfreien Abend beschert. Es ging der Mond auf, schien ins Zelt herein scheint, der Wind raschelte in den Pappeln und die Zikaden sangen ihr Lied. So fein!


62. Tag, 12. August
Ostrov / Frecãtei – Greci, 50 km

So eine ruhige Nacht hatten wir schon lange nicht mehr gehabt. Nicht einmal das Kläffen der Dorfhunde ist bis ins Überschwemmungsgebiet, bis unter die Pappeln, durchgedrungen.


An der Fähre von Frecãtei retour nach Ostrov trafen wir zwei Imker, die englisch konnten. Es geht nichts über eine gemeinsame Sprache!
Am Anhänger hatten sie zahlreiche Stöcke, die sie zu einem neuen Platz bringen wollten, aber die Fuhre war in der sandigen Auffahrt der Fähre stecken geblieben. Sie warteten auf einen Traktor, der sie herausziehen sollte. Sie erkundigten sich nach den Erlebnissen auf Rumäniens Straßen, ich erkundigte mich nach dem Preis für die Fähre. 30 Lei haben sie bezahlt, sagten sie, weil er für den Anhänger extra verlangte und sie wussten auch, dass Pferdefuhrwerke 5 Lei kosten. Aha. Der Fährmann bekam von Johannes heute nur 10 Lei. Sein Gesichtsausdruck war gestern bei den 20 Lei nicht weniger mürrisch als heute.

Jeden Tag war es jetzt heiß, aber heute Montag schien die Hitze besonders stechend. Wir fuhren schon am Vormittag mit nassen Kopfbedeckungen.

Die Landschaft ist ein Gemisch aus Steppe und, vor allem dort wo bewässert wird, Landwirtschaft. Wobei wir uns immer wieder fragten, was mit diesen vertrockneten Sonnenblumen und dem Mais noch zu machen ist.

Habe ich schon geschrieben, dass die Straßen in Rumänien in super Zustand sind? Heute führen wir mehrere Kilometer durch die erste Schottertrasse, eine Baustelle vor Cerna, die auf den Belag wartet.

Unterwegs auf offener Landstraße sehen wir wie mindestens fünfzig Menschen im Schatten von Bäumen und unter zwei, drei Lastwägen Mittagspause machen. Was sie dort ernteten, ist uns ein Rätsel. Weit und breit gab es nur abgeerntete Felder, die vertrockneten Sonnenblumen und den dürren Mais.
Unsere Mittagspause an der Ortseinfahrt von Cerna war von einer Geräuschkulisse geprägt, wie es sie bei uns in der Gegend nicht mehr gibt: Hinter der Hofmauer an der wir saßen, hörten wir links Hühner gackern und von rechts das Grunzen von Schweinen. Wir sind damit beschäftigt dem schlafenden Kind die beißenden Fliegen vom Leib zu halten.



Wir sahen Schafherden, auch zwei, drei große Gruppen von Kühen, die alle so weit weg waren, dass sich die dazugehörigen Hütehunde nicht für uns interessierten. Im wieder sieht man auch die Unterstände der Tiere und Hütten der Hirten für die Nacht. Es sind wirklich wilde Baracken. Von idyllischem Schäfer-Dasein kann da keine Rede sein.

Ein immer wieder Unterwegs-Spiel von Pippilotta und mir ging so, dass ich und das Fahrrad zum Pferd wurde und sie mich an den Zügeln, am Gewand, hielt. Besonders amüsierte es sie, wenn dass Pferd dann Pferdeäpfel ließ.

Es scheint hier so, dass von der EU-Mitgliedschaft einige wenige Familien der Grußgrundbesitzer profitieren. Immer wieder sahen wir die Schilder, die bei Förderprojekten aufgestellt werden und Männer in teuren Pickups vorbei fahren.

Die Dobrudscha ist dünn besiedelt, die Ortschaften liegen weit auseinander. Wir machen in jeder eine Pause bei einem der Magazin Mixta. Cola, Radler, Perla-Wasser, Eis, Chips oder Cracker. Sowohl die Auswahl in den Läden als auch die unsere ist immer ähnlich.
Heute trafen wir bei den Sitzplätzen der Märkte allerdings niemanden. Vielleicht war es heute sogar dafür zu heiß. Aber im Schatten vor einem Laden sahen wir eine Radlerin sitzen, die wir bald darauf hinter uns her strampeln sahen.


Endlich! Irgendwann kam die Abzweigung in Richtung Greci und bald dann auch die Einfahrt zum Turtle Camping. Pippilotta freundete sich mit Noi, der Radlerin aus Thailand an und hilft ihr beim Zeltaufbau. Dann ist sie damit beschäftigt die Streunerkatzen zu vertreiben und kleine leckere Pfirsiche, die bereits am Baum zu Dörrobst geworden sind, zu essen.

Der Platz von Adrian dem Besitzer, hatte eine sehr gute Infrastruktur: Schatten, Sanitäranlagen, Sitzmöglichkeiten, Küchebund Äpfel und Zwetschgen, die man sich nehmen darf. Eh normal für einen Campingplatz, könnte man meinen. Aber hier ist es alles andere als normal. Es gibt so gut wie keine Campingplätze, alleine schon darüber sind wir froh. Und, dass dann noch alles in gutem Zustand ist, man Adrian an verschiedenen Stellen hantieren sieht, macht ein gutes Gefühl. Pippilotta entdeckte im hinteren Bereich des Gartens neben dem Gehege der Hühner das kleine Haus und das Gehege der Zwerghühner. Ob wir dann solche auch haben können, wenn wir wieder zu Hause sind. Von Adrian bekommt sie ein Ei geschenkt. Sofort will sie davon eine Eierspeise haben. Jetzt. OK. Jetzt. Nach dem anstrengenden Radtag, den sie suverän gemeistert hat, sie war den letzten Teil der Strecke, die einzige von uns drei, die es noch vergnüglich hatte, ist man gerne bereit ihr jeden ihrer Wünsche promt zu erfüllen.


</

Johannes fuhr einkaufen, kochte uns Linseneintopf, wir bauten das Zelt auf und sprachen mit Noi. Seit zehn Jahren mache sie ein oder zwei Mal im Jahr eine einmonatige Radtour. Die meisten davon waren in Asien, aber sie radelte auch schon in Norwegen und Frankreich und jetzt hat sie ein Monat Zeit für Rumänien.

Wir fallen müde und zufrieden ins Zelt.

63. Tag, 13. August
Greci – Brăila, 33 km

Der Campingplatz hatte nur einen Hund, der im Hühnergehege lebt. Im Zwinger am Nachbargrundstück sah ich vier. In der Nacht wunderten wir uns wieder, dass dieses für uns unvorstellbar unruhige, endlose Kläffen und Bellen, Jaulen und Heulen in der Nacht, hier niemanden auf die Nerven geht.

Noi aus Nan in Nordthailand fuhr in voller Montur in Richtung Karpaten davon. Wir waren noch im Dorf Greci. Seit langem wieder war es ein Ort, an dem es so etwas wie Urlaubsgefühl und andere Touristen gab. Ein Mann zeigte uns das Ferienappartement, dass er gerade Haus seiner Großmutter macht. Die Küche ist fertig. Jetzt arbeiten sie an der Veranda.
Wir trafen ein Paar aus Berlin, das mit dem Bus sechs Wochen unterwegs ist. Nach Rumänien geht es bei ihnen weiter nach Montenegro und Kroatien. Auf Kaffee und Kuchen saßen wir an der Stiege des Magazin Mixta, das auch Mehlspeisen hatte um unsere Reiseerlebnisse auszutauschen.

Unsere Strecke heute nach Brăila führte entlang der stark befahrenen Transitroute. Wir waren immer wieder froh über das Bankett: Hallo Donauradweg!


Drei Fähren parallel setzen am Ende dieser Straße laufend nach Brâila über. Für die LKWs hieß es trotzdem lange warten. Für uns zum Glück nicht. Bei der Hitze waren wir froh, möglichst rasch weiter zu kommen – ins gekühlte Hotel. Übrigens: Für die Fähre bezahlten wir vier Lei.

Im Hotel Belvedere wollten wir zwei Nächte bleiben, auch wenn es wieder kein Moskitonetz am Fenster gab. Und – wir hatten scheinbar eine Glückssträhne – es war Stadtfest: Zilele Brāila. Die Bühne für die Konzerte befand sich unmittelbar unterhalb des Hotels, unter unserem Fenster. Nach dem 18er Geburtstagsfest in Cernavoda und dem 25-Jahre-Fussballfreundschaftsfest in Hâsova bekamen wir wieder nächtliche musikalische Beschallung.
Der Ausblick vom Badfenster könnte nicht schöner sein. Aber auch vom großen Zimmerfenster ist die Donau zu sehen.

Scal und Thilo waren auch in der Stadt angekommen. Wir verbrachten gemeinsam Zeit am Stadtfest/Kirtag/Jahrmarkt. Ich habe den Eindruck, es gibt genau die gleichen Produkte an den Standl wie bei so einer Veranstaltung bei uns: Langos, leuchtende LED-Luftballone, batteriebetriebene Plüschhunde, Spiralchips und Würstel, Luftballon-Tiere, Bier und Limo und jede Menge Popcorn mit unterschiedlichen Geschmäckern. Die kleinen frittierten Mini-Fische gibt es bei uns nicht. Heute ist auch noch Markt. Ich werde genau auf die möglichen Unterschiede achten.

64. Tag, 14. August

Brāila

Die Frühstücksterrasse des Hotel Belvedere hat wirklich den Namen verdient! Und es gab ein Buffet. Wir freuten uns, dass wir uns was aussuchen konnten.
Und dann, dann hatten wir vorgehabt gleich ins Freibad zu gehen, schliefen aber alle drei nochmals ein. Das kommt nicht oft vor und zeugt davon, dass wir jetzt schon etwas „hergeschunden“ sind vom Unterwegs sein.

Nach zwölf Uhr waren wir dann doch irgendwann soweit: Es ging auf ins Freibad. Der gut genährte Mann, der am Eingang saß, sprach kein Englisch, der Baywatch-Typ mit dem Geld in der Hand auch nicht, ein anderer half aus. Wir müssten auf die Toiletten die Flip Flops anziehen (und nicht barfuß gehen). Ok, das machen wir ohnehin freiwillig, kein Problem. Wir dürften nicht vom Beckenrand springen. Jaaa, dass wissen wir auch. Wir dürften keine mitgebrachten Speisen und Getränke konsumieren. Wir nicken, darauf hatte uns der Mann gestern bereits hingewiesen und wir hatten nichts mit. Und wir bräuchten Badebekleidung. Welch Überraschung! Die hatten wir bereits an. Ja, auch das Kind hat eine Badehose. Ok. 25 Lei (gut 5 €) pro Person, das Kind zahle nichts. OK. Ein anderer junger Mann brachte uns ins Areal und wies uns zwei Liegestühle mit Tischerl zu. Geschafft. Jetzt stand dem kühlen Nass nichts mehr im Wege. Freibäder und deren Benutzung sind offensichtlich alles andere als selbstverständlich hier!
Wir verbrachten einen klassischen Freibadnachmittag und die Bewegung im Wasser war ein guter Ausgleich zum Radeln.


Abends waren wir nochmals „vorm Haus“ beim Zilele Brāila. Ein Rummel war das, wie beim Urfahraner Jahrmarkt. Zu Hause machen wir da einen großen Bogen drumherum.


Die Unterschiede fallen nicht ins Gewicht: Das Bier wird draußen getrunken und nicht im Bierzelt. Bei dem konstanten Sommerwetter braucht es keine Zelte. Es gibt weniger Vergnügungspark-Geräte, dafür die Konzertbühne. Die Baumstamm-Mehlspeise ist dreimal so lange wie bei uns und die Auswahl an Essen für Vegetarierinnen geht über Pommes und Langos nicht hinaus. Egal, da schlecken wir lieber noch ein Eis. Pippilotta, dass können wir mit Sicherheit sagen, hat viel gelernt auf dieser Reise. Großes Tüteneis zu schlecken ohne hinterher arg viel zu picken, gehört definitiv auch dazu. Ins Hotel will sie nach dem Eis immer noch nicht. Wir einigen uns darauf, dass sie nach dem Zähneputzen noch vom Fenster aus zugucken darf.

65. Tag, 15. August

Brăila – Luncavița, 54 km

Brăila liegt bei Stromkilometer 170. Von hier radelten wir heute los, zuerst 20 km in Richtung Galați. Das erste Mal auf unserer Reise hatten wir richtig starken Gegenwind. Die Böen waren so heftig, dass wir anfangs nicht wussten, wie wir bei den Bedingungen je Galați erreichen könnten. Die Entspannung der Schultermuskulatur vom gestrigen Schwimmen war beim Widerstand leisten gegen den Wind rasch dahin. Wir haben inzwischen einige mühsame, verkehrsreiche Streckenabschnitte hinter uns, aber heute mit den drehenden Windböen war es richtig wild und auch gefährlich. Zwar war rechts neben der Sperrlinie etwas Aspalt, vermutlich ist die Idee von Pannenstreifen damit verbunde, aber immer wieder wucherte das Grünzeug von jenseits der Leitplanke darüber hinweg, zum Teil bis auf die Fahrbahn. Für Johannes mit dem Anhänger war es noch anstrengender als für mich. Er braucht mehr Platz und der Wind hat mehr Angriffsfläche. Die Streckenführung war sehr gerade, die Autos mit hoher Geschwindigkeit unterwegs. Besonders arg waren die, die mir von vorne während ihrer Überholmanöver entgegen kamen und spät bemerkten, dass außer Ihnen auch noch jemand da war.
Die Skyline von Galați war bald nach Brăila zu sehen: links große rostfarbene Industrie, rechts davon unzählige Plattenbauten. Nur langsam rückte die Stadt näher, jeden Meter mussten wir uns richtig erarbeiten.

Wir kamen gesund und erleichtert in Galați an.
Bei der Stadteinfahrt kamen wir an einem Fabriksgelände vorbei. Wir sahen große Hallen, aus denen Geräusche drangen, es schepperte und knatterte. Ob das der starke Wind war, der an den Blechen riß, der in die Rohre fuhr, der durch die Löcher pfiff? Oder war die Anlage tatsächlich noch in Betrieb?

Irgendwann waren wir im Ortszentrum. Wir hatten geplant den Botanischen Garten anzuschauen und dort Pause zu machen. Dafür brauchten wir eine Jause. Wir halten nach einem Geschäft Ausschau, nach einem guten. Am Lidl radeln wir vorbei. Da gehe ich in Österreich nicht hin, hier also auch nicht. Dann kam nichts mehr, nur Wohnhäuser. Und ein McDonald. OK.

Ich gab die Idee von der Jause im Schatten schöner Pflanzen auf. Wir aßen und fuhren zur Fähre. Das zehnte und letzte Mal auf unserer Reise überquerten wir die Donau mit einer Fähre.
Von Sulina am Schwarzen Meer bis Galați wird die Donau in Meilen gemessen. Galați liegt somit bei Stromkilometer 150 und Meile 80.
Wir wollen eine Pause am Wasser machen. Eigentlich hätten wir es schon wissen müssen, dass das Ufer mit hoher Wahrscheinlichkeit kein gemütlicher Platz zum Verweilen sein würde.

Der Gegenwind war am Nachmittag kein Thema mehr. Wir radelten ja ab der Fähre nicht mehr nach Norden, sondern nach Osten. Die Donau macht hier geradezu einen Knick.
Die Dörfer waren wieder entlang der Straße ausgerichtet und Tulcea rückt näher.
Pippilotta will seit langem nicht mehr im Anhänger fahren. Wenn sie im Sitz einschläft, bleiben wir für eine Schlafpause stehen. So auch heute.


Bei drei Frauen am Straßenrand kaufen wir unterwegs Weintrauben. Johannes rundet den Betrag auf, vier Lei scheint ihm wenig, Pippilotta bekommt eine Honigmelone geschenkt.

Die Donau begrenzt hier in der Gegend ein weiteres Land: Moldawien. Die Grenze ist nur sehr kurz und es kursieren unterschiedliche Angaben darüber, wie lange sie tatsächlich ist: ein paar hundert Meter, oder doch ein paar Kilometer? Nach Moldawien einzureisen und das dortige Donauufer zu sehen, wurde von Nick Thorpe und Karl-Markus Gauss als schwieriges bzw. unmögliches Unterfangen beschrieben. Wir hatten es nicht vor, mussten aber schmunzeln, dass Moldawien zu uns kommt:


Wir wollten bis Luncavița, in die dortige Pension Silva. Zwei Pensionen gab es dort und wir hatten in der mit den besseren online-Rezensionen ein Zimmer reserviert. Die Pension Silva war auf Google Maps nicht ganz an der Durchfahrtsstraße, aber im südlichen Ortsteil eingetragen. Wenn wir die Online-Info richtig verstanden hatten, gab es dort kein Restaurant, aber eine Küche, die man nutzen kann. Wir kauften im Magazin Mixta noch Gemüse ein. Johannes wurde von einem Mann angesprochen. Ja, die Pension Silva, die ist da sieben, acht Kilometer außerhalb. Wie? Außerhalb. Am Wald. Wir fragten einen zweiten jungen Mann. Ja, da außerhalb, sechs, sieben Kilometer. Es gehe flach dahin. Na super, jetzt war ich das erste Mal seit Wochen zu ungenau bei der Zimmersuche gewesen. Blöd. Anfangs hatten wir ja überhaupt nie etwas reserviert, in letzter Zeit doch meistens.
Was tun wir? Zur nicht sauber beschriebenen an der Durchfahrtsstraße gehen? Einen Platz für das Zelt suchen oder radeln? OK. Wir radelten weiter. Gleich, bald Pippilotta sind wir da!
Raus aus Luncavița trieb ein Hirte soeben seine Herde über die Straße. Unzählige Hunde waren mit ihm unterwegs.

Die paar Kilometer ging es durch schöne Landschaft und rechts neben der Straße fanden wir die Pension. Ein Pferd! Ein Kätzchen! Ein Motorrad-Laufrad! Schon ist die Zusatzstrecke vergessen. Es war außer anderen Gästen keiner da. Hm. Das Zimmer, duschen und essen wäre jetzt dann super. Eine der Frauen kontaktierte für uns den Besitzer. Ich kochte. Die Gemüsepfanne schmeckt wie zu Hause.
Dann kam die zuständige Dame. 120 Lei. Wir bekamen noch Polsterbezüge und Handtücher und dass was mich so irritierte, dass wir keinerlei „einführende Infos“ zum Haus, zur Küchenbenützung bekommen hatten, war für sie offensichtlich kein Problem. Sobald ich das WLAN-Passwort hatte, wollte ich wissen, ob ich tatsächlich falsch recherchiert hatte. Die Pinnenadel der Pensuinea Silvia ist sechs Kilometer entfernt von ihrem tatsächlich Standort in Google Maps verortet. Die Pinnenadel steckt direkt im Ort Luncavița, die Pension ist anderswo.
Johannes wurde von den anderen Gästen, eine Familie aus Constanta, noch auf Raki und Gulasch eingeladen. Pippilotta und ich schliefen bald.

Bei zimnizea erreicht die Donau ihren südlichsten Punkt.

66. Tag, 16. August
Luncavița – Somovo, 48 km

Ana, die Mama des Betreibers der Pension Silva, hatten wir gestern Abend gefragt, ob es ein Frühstück gäbe. Nein, gibt es nicht. Ok, viel hatten wir nicht dabei, aber für ein kleines Frühstück findet sich in der Schwarzen Kuchl immer etwas und bis zum Magazin Mixta in Luncavița ist es ja nicht weit
Als wir in die Küche kamen, schnitt Ana gerade die Tomaten auf. Sie mache uns ein Frühstück, der Kaffee sei schon fertig, und es gibt Tomaten, Käse, Brot und Butter, und wenn wir wollen, würde sie Omletts für uns machen. Und Kakao für Pippi, und Kekse für Pippi gäbe es auch! Woh. Wenn man Pippilotta zu Frühstück mit etwas locken kann, dann mit Eier. Herrlich schmeckte Anas Frühstück. Pippilotta quickt derzeit immer lautstark, wenn sie sich über etwas freut. Und über die Omlett-Eierspeise freute sie sich hörbar!
Das, was wir nicht aufaßen, bekamen wir als Jause verpackt. Nein, bezahlt wollte sie es nicht haben, das ist von ihr, sagte sie, und bekreuzigte sich, was soviel bedeutete wie dass es von wo anders bezahlt werden würde. Danke!
Wir packten unsere Sachen, Pippilotta fuhr nochmals mit dem Motorrad und los ging es. Es ist unsere letzte ganze Tagesetappe bevor wir Tulcea und damit den Rand des Delta erreichen! Dann geht es nur noch mit dem Boot weiter zum Schwarzen Meer.

Auf der Straße retour nach Luncavița begegneten wir zwei Schäfern. Der mit den vielen Hunden von gestern war nicht dabei.

Die Straßenführung, es war die E87 auf der wir radelten, war sehr naturnah. Bergauf und bergab, Schlenker nach rechts und wieder retour. Hier gibt’s noch keine Begradigungen, Aufschüttungen, hohe Brücken, die Talsenken überspannen und dergleichen. Nochmals radelten wir von Ortschaft zu Ortschaft.

Zwei Radler aus Bayern trafen wir. An den Packtaschen hatten sie bayrische Flaggen aufgenäht, und an ihren Gepäcksträgern flatterten vier im Wind. Ihre Funktions-T-Shirts trugen die Aufschrift Bayern 1. In Donau-Eschingen seien sie gestartet und rund 100 km fahren sie pro Tag. Wie es uns mit den Hunden gehe, wollten sie wissen. Sie hätten schon richtige Attacken gehabt, Brot runter werfen wäre eine gute Taktik, aber eigentlich hätte er lieber einen Revolver dabei gehabt, meinte einer von ihnen. Dass unsere Methode, stehen bleiben und einen fiktiven Stein hoch heben, funktioniere, konnten sie sich schwer vorstellen. Dann stellte sich heraus, dass sie irgendwann vor Jahren in Donau-Eschingen gestartet waren und sie die Strecke in Etappen von jeweils zwei Wochen machten. Heuer war der letzte Abschnitt dran, von Bukarest bis nach Constanta. Wir wünschten ihnen noch eine gute Brotzeit und radelten weiter.
Kurz vor zwölf blieben wir bei einem Magazin Mixta stehen. Wie so oft sitzt die Besitzerin mit ein paar Männern, die wie so oft ein Bier vor sich stehen haben, vor dem Laden zusammen. Die Auswahl im Laden ist wie so oft die gleiche, unsere ebenfalls. Jetzt wird es allerdings nicht mehr oft sein, dass wir überlegen ob wir Chips oder Cracker zum Mittagessen nehmen. Als die Frau um zwölf den Laden zusperrte, blieben die Männer trotzdem da. Offenbar gan es keinen Grund heim zu gehen. Und allzulange wird es nicht dauern bis die Frau fürs nächste Bier wieder aufsperren wird.

Wir rasteten im Schatten einer großen Linde ziemlich direkt an der Straße. Hier kommen keine Schaf- und Ziegenherden vorbei. Einen guten Platz für die Isomatte zu finden, ist dann gleich wieder etwas schwieriger. Schatten, keine Hunde, wenig Müll, kein Gestrüpp aus stacheligen Stauden – die Kombination gilt es erst Mal zu finden, und dass dann noch zeitnah zum Einschlafen!

Beim Blick über die Schulter sah ich, dass neben Johannes ein Radfahrer ist. Wir lernten Silvio kennen. Vier Monate habe er Zeit um auf einer Strecke von 10 000 Kilometer alle rumänischen Städte und Ortschaften zu Durchradeln. Im Oktober werde er seine Tour beenden, sagte der siebzehnjährige Pfadfinder mit Tuch um den Hals. Wenn er nicht radelt, dann gehe er in die Schule, erzählte er und gab uns Sticker mit seinen Facebook-Seite.

Nach Landschaft wurde karger und trockener. Dass da Kühe überhaupt noch satt werden! Eine saftige Weide ist das hier nicht.
Irgendwann sah ich, dass mich das ukrainische Mobilfunknetz willkommen hieß. Irgendwann sagte Pippilotta, dass sie jetzt nicht mehr will. Irgendwann begrüßte uns ein Biosphärenreservat-Schild.

In Somova brauchten wir erst noch eine Trinkpause bevor wir uns auf die Suche nach dem Guesthouse machen.
Im Gastgarten des Magazin Mixta trafen wir nochmals Silvio, der eine Tafel Schokolade verspeiste. Bei 100 km am Tag, braucht es einiges an Kalorien.
Das Geschäft war deutlich größer als die meisten Magazin Mixta es sind, und hatte ein schönes Mixta-Sortiment. Und es bietet sich die Gelegenheit es zu fotografieren.

Ich hatte versucht, das Verada Tour Guesthouse zu kontaktieren, ein Zimmer zu buchen, hatte allerdings keine Antwort erhalten. Wir wollten die sehr gut bewertete Unterkunft suchen und fragen. Dass in Schotterstraßen hinter der asphaltieren Durchfahrtsstraße überhaupt noch etwas kommt außer Wohnhütten in schlechtem Zustand, können wir uns schwer vorstellen. Schilder gibt es selten. Drei Männer auf der Straße deuten uns das richtige Gartentor. Da wären wir. Die Frau sagt, sie wisse von einer Reservierung nichts, aber ihr Mann sei in zehn Minuten da, wir sollen reinkommen und auf ihn warten. Pippilotta bekam ein Schälchen mit Baklava hingestellt, die Frau brachte gekühltes Mineralwasser und Gläser mit Zitrone drin. Der Platz ist eine Oase, ein richtiger Garten. Pippilotta flitze den Katzen nach, die Frau flitze zwischen den Gebäuden herum, ich schaute mich unauffällig um, ob es einen Platz für das Zelt gäbe, falls … Da kam der Mann, legerer Business-Looks, flotter Schritt. Er habe mir geantwortet, sie seien voll und für eine Nacht nähmen sie keine Gäste. Er habe uns schon ein Zimmer organisiert, bei Bekannten von ihm. Das Zimmer wäre in Tulcea, so weit kommen wir heute nicht mehr. Es sind 13 km, so weit kämen wir, notfalls. Lieber will ich dableiben. Wir hätten ein Zelt, wir könnten mit dem Kind nicht mehr so weit, wir wären auch morgen früh gleich wieder weg. OK. Wir können zelten. Richtig erfreut war er nicht darüber, wenn wundert es: nach der Arbeit (vier Boote hat er in Tulcea für Delta-Touren) heim zur nächsten Arbeit und dann noch Extra-Gäste im Garten. Er schwang sich in Freizeitkostüm mit Kochschürze drüber. Zwei Gäste waren zum Abendessen mit ihnen angemeldet. Gemeinsam mit seiner Frau, die ständig geschäftig war, bereitete er ein Abendessen zu. Wir können ihr Bad mitbenutzen, die Frau zeigte es uns.
Ob wir hungrig sind, wurden wir gefragt, sie stelle uns was auf den Tisch. Kaltes Bratl, Kartoffel, Kartoffelpüree, Kraut-Karotten-Salat, Gemüse, Brot.
Hinter dem Haus baut Johannes das Zelt auf. Pippilotta ist im Garten unterwegs, findet reife Feigen, Pfirsiche, Birnen und altes Katzenkacki – wir gehen duschen.


Während Marcel Mocanu, unser Gastgeber, mit dem Mörser Knoblauch und Öl bearbeitet, informiert er mich über das Delta, kontaktiert den Campingplatz in Murhigol und beantwortet mehrere Anrufe, während ich auf unserer Delta-Karte starre. Wir dachten, wir haben einen Plan fürs Delta, aber mit den Infos von Herrn Mocanu scheint es hat nicht so sinnvoll sich gleich in Murhigol auf den Campingplatz zu setzen.
Morgen radeln wir jedenfalls bis nach Tulcea! Damit endet grundsätzlich die mit dem Rad zu bewältigende Strecke. Ja, tatsächlich! Im Delta gibt es primär Wasserstraße und wie die wenigen festen Straßen mit dem Rad erreichbar sind, erschloß sich mir bisher nicht. Wir werden sehen.

67. Tag, 17. August
Somova – Tulcea, 15 km

Selbst die Katzen von Herrn und Frau Mocanu, die das Varada Tour Gästehaus in Somova betreiben, wissen wie man mit Touris umgeht und blieben vor dem Zelt sitzen.
Wir bekamen ein Frühstück zubereitet, durften uns noch Pfirsiche und Feigen, für die das Attribut sonnengereifte tatsächlich zutrifft, pflücken und verabschiedeten uns. Raus ging es aus der Schotterstraße, wieder auf die E 87. Die heutige Strecke von Somova bis Tulcea war leicht zu bewältigen. Schon kurz nach Somova sahen wir die Industrieanlagen, die Tulcea vorgelagert sind.
Beim großen blauen Ortsschild wollten wir ein Familienfoto machen. Ich positionierte das Rad damit man Pippilotta gut sehen kann, wollte soeben Johannes sagen, dass da zwei Männer sind, die wir wegen e Foto fragen könnte. „Da speibt grad einer.“ sagte Johannes und trat in die Pedale.

Wir sind in Tulcea. Von hier sind es 80 km bis Sulina ans Schwarze Meer. Von hier aus gibt es vor allem Wasserstraßen. Von Tulcea wurde immer wieder geschrieben und gesagt, dass es keine schöne Stadt sein soll. Hässlicher als andere erschien sie mir jetzt auch nicht. Trotzdem wundert man sich, dass nicht einmal an einem Ort, an dem so viele Gäste, Fremde, Touristen verkehren, mehr investiert wird. In einem die wenigen Restaurants an der Esplanade gibt es nicht einmal eine englische Speisekarte. Der Belag der Esplanade ist mehr als renovierungsbedürftig. Wir sind in Tulcea. Unsere Eis-Saison neigt sich dem Ende zu! Wir trafen nochmals die zwei Bayern, die von ihrer miserablen Unterkunft der letzten Nacht erzählten.
Pippilotta fütterte den Hausen, dessen Pendant wir im Nationalparkhaus in Orth an der Donau gesehen haben.


Wir suchten uns das Tulcea Delta Camp. Dass es kein schöner Campingplatz sein wird, zeigten die Online-Fotos. Aber, dass er auf einer ehemaligen Müllhalde errichtet wurde, stand nirgends.
Zuallererst suchte ich die Stelle auf der wir das Zelt aufstellen wollten nach Müll, vor allem nach Scherben ab. Die Sanitäranlagen und der Aufenthaltsbereich mit Küche sind sauber und nett gestaltet. Zur Freude von Pippilotta gibt es junge Kätzchen, die sich von ihr bespielen lassen. „Ich muss genau schauen ob sie Flöhe hat, nein, keine Flöhe.“

Wir kochen, spielen mit den Katzen, lassen uns vom Pferd beschnuppern, das auf der anderen Seite des Zaunes weidet, schauen, was von unserem Gewand und den Sachen ausgedient hat. Bluse und T-Shirt sind ausgebliechen, die Nähte lösen sich auf, Pippilottas Helm war es irgendwann zu heiß geworden, aus ihrer Sitzauflage bröselt der Schaumstoff.

Wir sind in Tulcea. Gut 2000 Donaukilometer liegen hinter uns. Wir hatten keinen Unfall und wir haben keinen Unfall verursacht. Wir kamen an allen Hunden heil vorbei. Die Räder und der Anhänger haben gut durchgehalten. Bis auf die zwei Platten am Anhänger hatten wir keine Reparaturen zu machen.
Zwanzig Tage radelten wir durch Rumänien und davor acht durch Bulgarien. In Serbien waren es achtzehn Tage, fünfzehn in Ungarn und fünf in der Slowakei. Begonnen haben wir mit sechs Radltagen in Österreich.

Nach einigen Stunden am Campingplatz, der sich im Laufe des Nachmittags gut füllte, waren wir bereit für die Stadt. Die Esplanade wurde gut genutzt. Pippilotta rutschte und sprang. Wir trafen den Mann aus Deutschland wieder, den wir neben der Straße vor Cernavoda kennengelernt hatten. Auch er war heute angekommen.
Nachdem es kaum Gastronomie gibt, entschieden wir uns für das Restaurant des Hotel Delta. Der Ausblick auf die Esplanade, die abendliche Atmosphäre, die einlaufenden Boote, vom ersten Stock aus war alles gut zu genießen. Die Dämmerung schluckte die desolaten Hausfassaden.



Eine Nacht im Hotel Delta würde 65 € kosten. Am Campingplatz zahlen wir 12€.
Von den bisher 67 Nächten verbrachten wir 30 im Zelt und 37 in Zimmern. Die Zimmer waren sehr unterschiedlich. Auf das Zelt konnten wir uns immer verlassen. Das roch immer gut, hatte nie Flöhe, jede Gelse war leicht zu erwischen und mindestens so viel Platz wie zu dritt in einem Doppelbett hatten wir auch. Vielleicht hätten wir einige Male mutiger sein können, uns einen Platz im Gelände suchen sollen. Vielleicht.

Rosa und Flo werden voraussichtlich morgen in Tulcea eintreffen. Scal und Thilo ebenfalls.