Der Freistädter Künstler Prof. Herbert Wagner

Zum 80. Geburtstag des Freistädter Maler Prof. Herbert Wagner war ein Band der Freistädter Geschichtsblätter seinem Leben und Werk gewidmet, dessen Text ich /Andrea Fröhlich/ verfasst habe.

Wagner, zwischen Dokumentation, Tilgung und Ergänzung
Viele der Motive, sowohl Landschaften als auch architektonische Bildinhalte, sind dokumentarisch angelegte. Wagner spricht davon, dass er den topographischen Gegebenheiten einer Landschaft gerecht werden will. Er sei „dem Augeneindruck verpflichtet.“ Und „bei allen Versuchen Momente und Stimmungen in einem Bild zu erfasse, ist es mir wichtig, dass die Szenerie weitgehend meiner Wahrnehmung der Wirklichkeit gerecht wird. Selbst wenn ich es mir vornehmen, nicht so im naturgetreuen Detail verhaftet zu sein, zieht es mich dahin.“ In einem Nebensatz fügt er hinzu „viele werden sagen, das ist eine Schwäche.“ Ich würde die Aussage von Wagner, dass es eine Schwäche ist, realistisch zu malen, nicht unterschreiben. Vielmehr ist es eine Haltung, eine Entscheidung, eine bestimmte Schulung und Gewohnheit, in der man „groß“ geworden ist. Es ist eine der Möglichkeiten, sich mit der Welt auseinander zu setzen und zu versuchen ihr habhaft zu werden. Genau das meint Wagner wohl auch, wenn er sagt, er will erfahren, dass er ein Motiv bewältigen kann. In einem der Gespräche sagte Wagner so auch selbst: „Ich bin ja nicht nur einfach in meiner naturalistischen Malweise hängen geblieben. Es ist eine Entscheidung.“
An sonnigen Tagen kann man Herbert Wagner immer wieder antreffen: im Stadtgraben, bei einer der Ruinen in der näheren Umgebung, irgendwo mitten in der Landschaft, fast möchte man sagen, mitten im Nichts. Er kennt die topografischen Besonderheiten der Gegend; er weiß, welche Ecken ihn interessieren; er weiß um den Einfall des Lichtes im Laufe des Tages und die Dinge, die er nicht ins Bild bringen will. Er weiß, was er sucht.
Über lange Zeit bestand die zentrale Aufgabe der bildenden Kunst in der Nachahmung des Sichtbaren gesehen. Mimesis, ein Begriff der bereits von den antiken Griechen verwendet worden ist, gilt als die Übertragung der sichtbaren Welt in ein Motiv auf einen Bildträger mittels Farbe und Form. „Die Landschaftsmalerei ist Ende des 19. Jahrhunderts an einem Punkt ihrer Entwicklung angelangt, an dem das Abbildhafte, Mimetische endgültig den Primat als Richtschnur und Bewertungsgrundlage verlor.“ Heute kann man eigentlich nur mehr von einer, wenn man so will, „eingreifenden Mimesis“ sprechen. Von eine Nachahmung also, die eine mehr oder wenige umfassende Schnittmenge zwischen dem Augeneindruck und der Bildkonstruktion, präsentiert. Da es nun mal eine faktische Unmöglichkeit ist, das Reale, Sichtbaren auf die Leinwand 1: 1 zu übertragen, bedarf es – im wahrsten Sinn des Wortes – Methoden einer künstlerischen Übersetzung. Ein Bild ist immer ein Bild. Ein Bild ist nie 1:1 die Welt. Ein Bild braucht Entscheidungen, braucht perspektivisches abstrahieren von dreidimensionaler Wirklichkeit auf zweidimensionale Fläche. Ein Bild zeigt uns vor allem die Entscheidungen, die der Künstler getroffen hat. Was wurde weggelassen, was wurde ausgewählt?

Textauszug aus: Freistädter Geschichtsblätter Nr. 16, 2011