ZeitGeSchichten


So einen Vorhang hatten wir auch! Und dieser Kachelofen – ganz ähnlich wie der bei meiner Oma!
Welche Geschichten kommen Ihnen in den Sinn, beim Anblick dieses Mobiliars, dieser Bodenbeläge und Wandmusterungen? Macht es Sie nachdenklich, müssen Sie schmunzeln? Was ist Ihnen vertraut und was fremd?

Das waren die Fragen, die ich mit meiner Installtion ZeitGeSchichten an die Menschen, die das Fleischanderl-Haus in Freistadt besuchten, gerichtet habe. Mit jedem Ort und jedem Ding sind unzählige Geschichten verbunden: Manche Dinge waren vor einem schon da, manche begleiten einen sehr lange, andere nur kurz; manche Orte bewohnt man, in anderen ist man zu Gast – oder man nutzt sie, als Schuhkäuferin zum Beispiel. Manchen Dingen wird musealer Wert zugesprochen, andere landen im Altstoffsammelzentrum. Zudem gibt es offizielle Geschichten und auch ganz persönliche, solche, die die Welt bewegen und andere, die einen selbst bewegen.

Die Aufforderung war folgende: „Nehmen Sie Papier und Stifte um Ihre Gedanken in Worte zu fassen und anderen Besuchern ihrer Geschichten, kurze oder lange, zu erzählen!“

Herr Konrad Fleischanderl erzählte, dass er das Haus 1975 gekauft hat. Seine Schusterwerkstatt und das Schuhgeschäft waren bis Ende Juni 2008 hier untergebracht. Die jetzt halb geräumten Zimmer, die gegen Höllplatz und Dechanthofplatz ausgerichtet sind, waren nie Teil seiner Werkstatt, auch nicht des Geschäftes. Sie wurden von Frau Maria Steininger, der ehemalige Hausbesitzerin, bewohnt. Das ist eine Geschichte des Gebäudes.
Das Eckhaus Eisengasse 11, Dechanthofgasse 2, Höllgasse 3 ist als Bürgerhaus deklariert und hatte früher die Adresse Stadt Nr. 44. Der Baukern des Gebäudes stammt aus dem 17. Jahrhundert. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde es umgestaltet. Außen ist ein steinernes Rundbogen-portal mit abgefassten Gewänden zu finden. Im Inneren birgt es Traversengewölbe und Stichkappen-gewölbe. Weiter ist eine gewendelte Steintreppe mit gusseisernem Geländer aus der Zeit um 1900 erhalten. Seit 1966 steht das Haus unter Denkmalschutz. Das ist die offizielle, baukundliche Geschichte, die das Online-Lexikon Wikipedia über das Gebäude erzählt.


Woran erinnern Sie sich, wenn sie an die späten 50er und 60er Jahre denken? An Nierentische, Petticoats, Rock`n Roll und Lilien Porzellan? Damals gab es allerdings nicht nur pastellfarbenes Geschirr, sondern auch gesamte Frontelemente der Kücheneinrichtungen in zarten gelb, flieder, erbsengrün und rosa Tönen. Das verwendetet Material für den Unterbau des Spülbeckens sind Dreischichtplatten. Darüber kamen die pastellfarbigen Resopalplatten. Resopal ist eine bestimmte Art von Schichtstoffplatten, die seit den 1930er Jahren gefertigt wird. Eine Platte besteht aus mehreren Papierbahnen, die mit Kunstharz imprägniert und unter Hitze und hohem Druck zu einer homogenen Platte gepresst sind. Die Oberfläche wird kann mit Dekorpapier ausgeführt werden, das mit einem sehr harten Harz getränkt wird. Im Fall des Spülbeckens war es der klassisch rosa Farbton der 1950er Jahre.
Die massiv gemachten Schnappverschlüsse sind aus Messing. Später wurden derartige Teile meist aus Aluminium gefertigt. An der emaillierten Spülwanne können wir sehen, dass sie jahrzehntelang verwendet worden ist. So oder so ähnlich könnte eine kurze Geschichte zur Materialkunde der Küche klingen.


Ein besonderes Element, in diesem als Küche genützten Raumteil, sind die Fliesen. Die scharfkantigen Fliesen wurden mit sog. Pressfugen und in versetzten Verband verlegt worden. Der obere Rand wird durch Formfliesen abgeschlossen. Erst ab den 1940er Jahren begann man Fliesen mit den heute nach wie vor üblichen, breiteren Fugen zu verlegen.
Neben dem Abwaschbecken befindet sich ein Stück Hartfaserplatte, vermutlich von der Firma Funder, später FunderMax, an der Wand. Diese Kachelplatten waren in der Nachkriegszeit äußerst beliebt. Funder ist ein ursprünglich 1890 gegründetes Unternehmen der Holzverarbeitenden Industrie mit Sitz in Glandorf bei Sankt Veit an der Glan, Kärnten.


Am Bodenbelag ist zu erkennen, wo einst der E-Herd gestanden ist. Mit gegenwärtigen High-Tech-Küchen kann dieses einfach eingerichtete Küchen-Eck nicht mehr mithalten. Was wir heutzutage alles glauben zu brauchen!


Diese Art des Möbels wird nicht als Sofa oder Couch bezeichnet, sondern als Bettbank. Während des Tages dient sie als Bank, die Bettwäsche ist im Fach unterhalb des Sitzpolsters verstaut. Zum Schlafengehen wird die Bank umgelegt. Die beiden Polster sind meist in unterschiedlicher Stärke ausgeführt und die Einbuchtung zwischen den beiden Wölbungen bleibt so auch in aufgeklapptem Zustand tief. Die Frage, ob es bequem und rückenschonend ist, konnte man sich lange Zeit nicht leisten.
Besonders auffallend an Bettbank ist die sehr aufwendig gearbeitete Furnier. Die gesamte Furnier ist gespiegelt aufgebracht und die Biegung der Armlehne ist in präziser Kleinarbeit verleimt worden. Stammt die Bettbank mit den walzenförmigen Fußelementen aus den 1950er Jahren? Und, wer war der Tischler der diese Arbeit ausgeführt hat?


Können Sie sich erinnern, an die Zeit, in der noch nicht jeder Artikel mit einem Barcode versehen war? Die offizielle Geschichte der Firma Anker, von der die Registrierkassen stammen, ist im Online-Lexikon Wikipedia zu finden. Sie lässt sich wie folgt zusammen-fassen. Die Anker-Werke AG war ein deutscher Hersteller von Nähmaschinen, Registrier-kassen, Buchungsmaschinen, Kleinmotorrädern und Fahrrädern mit Sitz in der Stadt Bielefeld. Gegründet 1876, als Bielefelder Nähmaschinenfabrik Carl Schmidt, wurde die Firma bald in Anker Werke umbenannt. Nach dem 2. Weltkrieg wurde 1948 mit dem Wiederaufbau begonnen, wobei die Firma sich auf die Büromaschinen- und Registrierkassen konzentrierte. 1976 endete die Geschichte der Anker-Werke AG. Die Firma meldete Konkurs an und wurde von einer britischen Firma gekauft.


Die Historie der Walzentechnik beginnt im 19. Jahrhundert. Mitte des 19. Jahrhunderts lösten diese damals neuartigen Geräte die bis dahin gebräuchlichen Schablonentechniken ab. Die Walzen gab es in tausenden von verschiedenen Mustern und Strukturen. Häufig wurden einfarbige Grundmuster mit einer mehrfarbigen Effektwalze kombiniert. Das Grundmuster lag dezent im Hintergrund, während für den Effekt kräftigere Farbakzente eingesetzt wurden. Vorläufig endete die Geschichte der Musterwalzen mit dem Siegeszug der Tapete um die Mitte des 20. Jahrhunderts. In ländlichen Gebieten war diese Form der Wandverzierung allerdings auch bis in die 1970er beliebt.


Stammt die Garderobe aus den 1950er Jahren, und sind die Beschläge aus Bakelit? Bakelit war der erste industriell produzierte Kunststoff. Mir gefällt die Garderobe. Würde sie mir gehören, ich würde sie abbeizen, aufstellen und benutzen!


Ein Aufkleber auf dem Metallrohrrahmen der Stühle verweist auf BKS Denmark. Das Internet gibt unter dieser Bezeichnung keine Auskunft über die Produktion von Sitzmöbel.
Geformte Kunststoffschalensitze gibt es seit den frühen 1960er Jahren. Bis dahin wurden gebogene Elemente bei Sitzmöbel aus schichtverleimtem Holz angefertigt.
Sind das nicht auch die Stühle, wie sie in den 1970er Jahren für die ÖTB Halle angekauft worden sind?



„Klassisch“ möchte ich zur Anmutung dieses Wohnzimmerschrank mit Glaselementen sagen. Ob er tatsächlich aus den 1940er oder gar den 1930er Jahren stammt? Dass er gar keine gerundeten Elemente aufweist, könnte darauf schließen lassen. Schlicht aber elegant, wirkt die Nuss-Furnier. Zur Datierung ist sie aber nicht hilfreich, da Nuss-Furnier war immer wieder in Mode.
Welcher Tischler – einer hier aus Freistadt? – hat diesen Schrank angefertigt?