Mit dem Rad von Linz zum Donaudelta

„Wir radeln ans Schwarze Meer“. Seit einigen Monaten lautet so unsere Antwort auf die Frage, was wir heuer im Sommer, im Urlaub, machen werden. Wie oft sagen die Reaktionen der Menschen wenig über unser Vorhaben und viel über ihre eigenen Vorstellung von Sommer und Urlaub, vom Leben überhaupt, aus. Wir machen das, was laut „Internet“ jährlich rund 600 andere Menschen auch machen: Richtung Osten radeln wir entlang des Eurovelo 6 bis ins Donaudelta. Mitte Juni geht unsere Reise in Linz los. Gegen Mitte August wollen wir das Donaudelta erreichen. Zu dritt sind wir unterwegs: Vater, Mutter, Kind.

1. Tag, 12. Juni

Urfahr – Au an der Donau, ca. 34 km

Am Donauradweg, so wie man ihn landläufig kennt: asphaltiert, unmittelbar in Sichtweite des Flusses, flach und gut ausgeschildert, starteten wir heute Mittag unsere Reise von Urfahr beim Ars Electronica Center.

Dass unsere erste Tagesetappe von sommerlicher Schwüle und kontinuierlichem Gegenwind geprägt war, sieht man vor allem daran, dass wir uns bereits für den schicken Campingplatz in Au an der Donau entschieden.

In den letzten Tagen, mit jedem Mal erzählen, wurden für mich in meinem Kopf die Gelsenschwärme lästiger, die Steigungen stärker, das Sitzfleisch wunder und die Infrastruktur dürftiger. Wie gut, dass es jetzt los geht und damit die Herausforderungen bewältigbar werden!

2. Tag, 13. Juni

Au an der Donau – Pöchlarn, ca. 59 km

Länger als erwartet saßen wir heute auf unseren Rädern: Die Fähre mit der wir vom rechten Ufer zum Campingplatz in Marbach übersetzt wollten, verkehrt seit rund zwanzig Jahren nicht mehr. Auf unserer Karte, deutlich jüngeren Datums, ist sie dennoch verzeichnet. Beim Naturfreunde-Haus in Pöchlarn haben wir dann erschöpft und erleichtert unser Zelt aufgeschlagen.

Von km 2107 bis 2044 radelten wir. Vermutlich waren es mit all dem Gekurve und Zickizacki des Radweges deutlich mehr als 63 km.

Dass rund 300 000 Menschen jährlich am Streckenabschnitt Passau – Wien radeln, war gestern wie heute verständlich: so gut wie nur asphaltierte, über weite Strecken eigene Trassen durch pitoreske Kulturlandschaft mit der Donau fast kontinuierlich im Blickfeld. Wir wissen, so bequem wird es nicht immer weiter gehen.

3. Tag, 14. Juni

Pöchlarn – Rossatz, ca. 37 km

Mit einem Verpackfehler starteten wir in den Tag: Wir waren bereits ein Stück geradelt und keiner wußte wo sich die Radkarte befindet. (Andrea glaubt, Johannes wäre dafür zuständig gewesen.)

Aber noch ist alles perfekt ausgeschildert und wir fanden unseren Weg auch ohne die Karte. Überhaupt war wieder ein Bilderbuchtag an dem die Donauradtouristik Österreich ihr Fotos hätte machen können!

Der zweite Fehler: Bei der Mittagsrast kommen wir drauf, dass das Geschirr mit der Pasta und der Mozzarella noch in Pöchlarn im Kühlschrank stehen. (Johannes glaubt, Andrea wäre dafür zuständig gewesen.)

In Rossatz campen wir weder wild oder privat. Der Platz ist einfach so voll, dass wir auf der Reservewiese einquartiert wurden. Zwei Zelte kamen noch hinzu: Kanadier kamen noch hinzu: Zion, sechs Jahre alt, mit Eltern und Großeltern. Die fünf haben 110 Tage Zeit, sind in Amsterdam gestartet radeln jetzt so weit sie kommen Richtung Schwarzes Meer.

Sehr fein ist es hier. Dass der Badeplatz derzeit überschwemmt ist, stört uns nicht weiters. Ganz andere Fragen beschäftigen uns: Was passiert mit kontinuierlich überbelasteter Gesäßmuskulatur? Bekommt man eine Art Hornhaut? Sitzschwielen wie ein Pavian? Oder sterben an diesen Stellen die Nerven ab?

4. Tag, 15. Juni

Rossatz – Tulln, ca. 54 km

Wetterbericht, nachträglich: Hochsommerliche Schwüle gepaart mit leichtem aber kontinuierlichem Ostwind prägen den gesamten Tag.

Die gesamte Strecke, rund 52 km, radelten wir auf der weniger frequentierten, rechten Donauseite und passierten gegenüber von Krems die km 2000 Markierung. Jeder Donaukilometer ist für die Schifffahrt mit einem großen Schild gekennzeichnet.

Heute waren es nicht mehr die hübschen, kleinteiligen und gepflegten, gelegentlich geradezu kitschigen, niederösterreichischen Touristengebiete durch die wir kamen, sondern vielmehr dieses bizarre Gemenge aus Au und Industrie. Unter anderem führt der Eurovelo 6 am nicht fertig gestellten AKW Zwentendorf vorbei.

Diese Augebiete hier waren mir irgendwie, wie soll ich sagen, irgendwie verdächtig. Das, was wie unberührte Natur daher kommt, wie ein intaktes Ökosystem, schien eher das zu sein, was übrig bleibt zwischen den Wasserkraftwerken und den Hochwasserschutzanlagen, den Autobahnzubringern und den Flächen der Agrarindustrie, den Industriegebieten, den städtischen Speckgürteln und dem Donauradweg. Über allem hinweg war immer wieder das Sirrten der Hochspannungsleitungen zu hören.

Dennoch freuten wir uns über die Stockenten und die Schwäne, die nur für sich sind, anders als über die, die an der Gmundener Seepromenade oder sonst wo um Futter betteln.

Nachdem wir am Vormittag flott voran kamen, wir bereits am frühen Nachmittag am Campingplatz in Tulln eintrafen, war ausgiebig Zeit für das Tullner Aubad.

5. Tag, 16. Juni

Tulln – Wien, ca. 41 km

Heute hatten wir quasi klassisches Sonntagsprogramm. Familienbesuch bekamen wir von Rosa und Andrea am Campingplatz in Tulln: Noch ein gemeinsames Eis im Aubad und ein letzter Drücker für lange Zeit.

Auch das Wetter war uns wohl gesonnen. Zum ersten Mal hatten wir kontinuierlich hilfreichen Rückenwind und segelten nur so dahin am Donaudamm.

Einen feinen Zwischenstopp machten wir bei einer Freundin im Strombad Kritzendorf. Das ganze Gebiet von Tulln bis herein nach Wien schien eine bunte Kleingartenanlage zu sein und es verbreitete sommerliches Wohlgefühl zwischen den vielfältigen schmucken Plätzen hindurch zu radeln.

Dann verließen wir die Donau, nahmen den Radweg entlang des Donaukanals und tauchten in den urbanen Radverkehr ein.

Bei Freunden können wir übernachten, freuen uns über Moussaka zum gemeinsamen Abendessen, ein vorbereitetes Bett und die frische Wäsche aus der Maschine.

6. Tag, 17. Juni

Wien – Petronell-Carnuntum, ca. 44 km

Flott kommen wir aus Wien hinaus und machen eine machen eine Rast bei Hermi’s Radlertreff am Radlertreffweg.

Ein Tiersuchbild. Östlich raus aus Wien ging es entlang des Nationalpark Donauauen. Seit Tagen wünsche ich mir, dass sich von all den besonderen Tieren, die in österreichischen Aulandschaften leben, welche zeigen: ein Biber oder eine Bisamratte, ein Eisvogel oder eine Zauneidechse, ein Fischotter oder eine Würfelnatter. Hm. Leider nix. Ein Naturschutzgebiet ist eben kein Zoo. Gelegentlich lässt sich ein Reiher, wie auf dem Foto, blicken.

In Orth an der Donau besuchen wir das Nationalpark-Zentrum. Endlich: Gehege mit Europäischen Sumpfschildkröten in allen Größen, einem geschäftiges Ziesel, dass sich der Platz mit Zwergschafen teilt, eine rastende Ringelnatter und jede Menge Fische, die vom Unterwasserraum aus beobachtet werden können.

Bei Orth setzen wir mit der Fähre nach Haslau-Maria Ellend über.

Würden wir nicht empfehlen. Aus unbekannten Gründen wird man kontinuierlich umgeleitet, fährt oder schiebt auf Schotterpisten mit zum Teil arg großem Bruchstein. Johannes hatte es mit dem Anhänger heute das erste Mal richtig schwer. Windparks und Agrarindustrie. Das einzig wirklich originelle entlang der Strecke war die Dorfplatzgestaltung in Scharndorf.

Endlich am Zeltplatz in Petronell-Carnuntum. Zur täglichen Sonnenschutzcreme, kommt jetzt nach dem Duschen das Sportgel mit japanischem Minzöl und unverzichtbar, der Gelsenspray, der zur Freude von Leonie „Anti Brumm“ heißt. Nach dem leckeren Linseneintopf verschanze ich mich mit Kind im Zelt und beobachten mit gemischten Gefühlen die zig Gelsen, die außen aus am Netz lauern. Wie werden wir das mit dem Zähneputzen heute machen?

Als Johannes von seiner Erkundungstour in den Ort mit einer Pizza im Karton zurück kam, freuen wir uns alle drei. Ausnahmsweise essen wir „im Bett“.

7. Tag, 18. Juni

Petronell-Carnuntum – Šamorin/Cilistov, ca. 47 km

Geschätzte 250 hungrige Gelsen lauern früh morgens im Vorzelt. Wie froh sind wir um unsere klar definierte begrenzte Behausung.

Seit unserem Start sind uns Grenzen primär in Form von Schildern links und rechts des Radweges begegnet: Gemeindegrenzen, Fischereirevier, Schilder, die Privatraum von öffentlichem abgrenzen, die Grenze zwischen Oberösterreicher und Niederösterreich war gekennzeichnet und Naturschutzgebiet sind von solchen abgegrenzt, in denen die Natur anscheinend nicht extra zu schützen ist. Heute Mittag passierten wir die erste Staatsgrenze, die am Radweg nicht einmal mit einem Schild markiert ist.

Richtig gut begrenzte ist dafür der Caravan Stellplatz Cilistov bei Šamorin den wir abends nach einem guten heißen Radtag erreichen.

Gleich nach dem Start in der Früh entdecken wir in Bad Deutsch-Altenburg das derzeit geschlossene Privatmuseum von Herr Henein, dem ehemaligen Apotheker des Ortes. Da bleibt nur zu hoffen, dass bald noch jemand so fasziniert ist von seiner Skulpturenwelt wie wir, sie schützt und der Öffentlichkeit zugänglich macht. Wer war schon bei der Weltmaschine von Franz Gsellmann?

Aus Bratislava raus fanden wir unseren Eurovelo 6 mit der Kombination von analoger Karte, der maps.me-App und der Hilfe von Menschen. Wir wollen so lange wie möglich in der Slowakei bleiben und fahren somit am linken Donauufer.

Fasziniert waren wir als die Donau zum Vodné dielo Gabčíkovo, dem breiten Zuleitungskanal des Kraftwerks Gabčíkovo wurde.

Zeit zum Wäsche waschen und für Vogelbeobachtung:

8. Tag, 19. Juni

Cilistov – Narad, 29 km

Der Platz bei den Schwänen am Stauseestrand war so vergnüglich, dass wir dort am Vormittag noch einige Zeit mit Pritscheln, Lesen und Frösche schauen verbringen.

Dann geht’s dahin, schnurgerade immer am Damm entlang, quasi der Highway 46 für Radfahrerinnen und Radfahrer in der Slowakei.

In Horny Bar machen wir Mittagspause.

Das Einhorn hat viel Arbeit mit dem Ausbrüten unserer Weintrauben. Noch im Ort erwischt uns der erste Regen. Wir stellen uns unter. Bei der Weiterfahrt am Damm werden wir dann doch ziemlich nass. Damit kämen wir noch zurecht, aber dann kommen die Mücken. Jede Fahrtunterbrechung bringt eine Gelsenattacke mit sich. Der Ausdruck ist absolut gerechtfertigt. Noch nie haben wir solche Schwärme von Gelsen erlebt. Man überlegt es sich dreimal ob man tatsächlich schon dringend Pipi muss. Zum Glück bietet der Anhänger fürs Kind einen Schutzraum. Dann sind die Worte „Penzion Platan 4 km“ am Asphalt aufgespürt und wir biegen nach Narad ab. Eine gute Entscheidung. Nach dem Verwalten unseres Equipment und einem Abendessen im Restaurant, wo es erstmals Fischsuppe gibt – verbringen wir den Abend so gut wie gelsenfrei im Indoor-Pool. Die „kleinen Therme“, wie Leonie sie nennt, ist genau das richtige nach gut einer Woche unterwegs sein.

9. Tag, 20. Juni

Narad – Komárom, 47 km

Wieder sehen wir Kormorane. Hier als Foto wären sie nur als Suchbild tauglich.

Im Gegensatz zu gestern treffen wir heute doch wieder ein paar andere Radtouristen. Sie bekommen von unserer Tour erzählt: „Wir fahren bis ans Schwarze Meer. Das dauert schon noch a bisserl. Und das Schwarze Meer ist gar nicht schwarz. Das ist nur so ein Name.“ Im Gegenzug dafür gibt es einen Keks.

Zwischen Cicov und Malé Kosihy fahren wir durch die Dörfer. Einen perfekten Rastplatz finden wir in Malé Kosihy: ein Tisch zum Kaffee kochen, ein Weichselbaum mit ganz niedrigen Ästen und reifen Früchten und ein Spielplatz mit Geräten, die es bei uns so nicht mehr gibt.

Heute fahren wir die erste lange Schottertrasse. Um nicht ständig in losem Schotter zu driften, suchen wir konzentriert nach den härtesten Fahrspuren. Wir kommen voran, wenn auch deutlich langsamer.

Gemeinsam sind wir unterwegs. Dennoch ist jeder viel Zeit des Tages mit sich selbst beschäftigt. Unser Kind will meist im Anhänger sein und wir radeln mit Mal mehr, mit Mal gar keinem Abstand dahin.

Heiß ist es, Schatten gibt keinen. Beim Campingplatz in Vel’ky Lel rasten wir zwar, entscheiden uns aber dann fürs weiter radeln. Wir landen zu guter Letzt unerwartet in Ungarn, am Solaris Campingplatz in Komárom und treffen unsere kanadischen Freunde wieder, die heute früh in Bratislava starteten: 120 km!

Der Campingplatz schließt direkt an eine große Badeanlage an. Wir freuen uns noch eine Zeitlang im Wasser zu sein. Es gibt hier Dinge, die so bei uns nicht mehr zu finden sind, zum Beispiel einen Klopapierspender mit metallener Ablagerille für Zigaretten. Es irritiert uns auch, dass wir aus einem Becken für Kinder bis 12 Jahre verwiesen werden, obwohl wir die einzigen noch anwesenden mit Kind sind. Leonie darf als Nichtschwimmerin nicht rein und ich bin halt definitiv über zwölf. Vorschrift ist Vorschrift.

Erst wundern wir uns noch, dass ein kleiner Doppeldecker soo niedrig über städtischem Gebiet fliegen darf, dann realisieren wir, dass wir soeben mit Gelsenvernichtungsmittel besprüht werden. Dennoch treibt uns die Unzahl der kleinen Plagegeister zeitig ins Zelt.

Wie immer schreibe ich in der Nacht. Soeben hörte ich etwas rascheln:

Endlich ein besonderes Tier aus der Nähe.

10. Tag, 21. Juni

Komárom – Štúrovo, 54 km

Bei Stromkilometer 1767 starten wir den Tag. Gestern habe ich noch die Eurovelo 6 App heruntergeladen. Vielleicht ist sie hilfreich, gerade bei der Durchfahrt der Städte. Grundsätzlich ist der Weg nach wie vor gut beschildert.

Nach dem nächtlichen Igel gab es auf der heutigen Strecke besonders viele Tiere. Hier die Suchbilder:

Die myriaden von Gelsenlarven, die aus dieser Art von Gewässer schlüpfen werden, sind nicht zu sehen. Kontinuierlich begleiten derartige Nebenarme, Entlastungsgerinne und Auen die Donau und uns.

Wir radelten sehr flott dahin während unser Mädel seine Vormittagsrast machte. Glücklicherweise ging es noch bis Cenkov auf Asphalt dahin.

Mit einem Mal schien dann der Eurovelo 6 von der Natur verschluckt worden zu sein. Wir fuhren ein Stück auf der Landstraße, bogen wieder in Richtung Radweg ab, waren aber bald wieder retour auf der Landstraße:

Auf die Schotterpiste von rund 10 km die danach folgte, brannte brütend heiß die Sonne und der Weg war nur gut konzentriert und mit viel Trinkwasser zu bewältigen. In Moca und Obed machten wir jeweils Pause direkt bei den dortigen Supermärkte. Da sind wir immer ein Hingucker für die Einheimischen. Eine solche Art von Picknick, noch dazu mit Kind, haben sie wohl noch selten gesehen.

Bereits um vier kamen wir in Šturovo zum Campingplatz, wobei das hier der falsche Ausdruck ist. Wir campen direkt im Vadas Thermal Resort & Waterpark, dem größten Outdoor-Wasserspektakel der Slowakei. Wir legen einen Tag Pause ein und bleiben zwei Nächte.

11. Tag, 22. Juni

Šturovo, Esztergom

Wir verbringen den Tag im Badewasser und in Esztergom. Den Abend und die Nacht dann mit Regenwasser.

Ja, wir essen nicht nur bei Lieferanteneingängen von Geschäften sondern auch ganz schick wie heute in Esztergom im Primás Pince, in den Gewölben unterhalb des Vorplatz der Basilika. Statt dem auch sehr schmackhaften Campingplatz-Menü „Couscous mit Gemüse“ kam heute Salat mit Bratkäse, Morchelsuppe und Mangaliza-Braten auf den Tisch.

Wir erklommen mit Kind am Arm die 400 Stufen der Basilika. Vom unteren Rand der Kuppel, die wir sogar direkt vom Zelt aus sehen können, überblickten wir ein Stück der Donau. von Westen kamen wir, nach Osten wollen wir.

12. Tag, 23. Juni

Šturovo – Nagymaros, ca. 30 km

In der Nacht habe ich mir noch nicht vorstellen können, wie es bei dem Regen mit all dem nassen Zeug gehen wird. Es geht ganz einfach: eine Packtasche leer räumen, alles was nass ist rein, schauen, dass man selbst und das Kind trocken bleibt, das Zelt vom Spritzdreck reinigen, ebenfalls nass verpacken, auf die Getreideflocken zum Frühstück verzichten und vom Campingplatz-Bäcker ausreichend leckere Mehlspeisen besorgen. Fertig.

Zumindest vorerst jedenfalls. Wir hatten Glück, es regnete im Laufe des Tages nicht mehr und wir nahmen uns in Nagymaros ausreichend Zeit die Sachen zu trocknen.

Nach 172 Donaukilometern in der Slowakei passieren wir die zweite Staatsgrenze. Die DUNAJ wird zur DUNA. 417 km fließt sie durch Ungarn.

Die Strecke via Esztergom war überraschend schön, abwechslungsreich und gut beschildert. Eine Stelle gab es, die eine Art „Zikaden-Grenze“ zu sein scheint: Mit einem Mal prägte ihr Zirpen, der Sound von Sommer im Süden, die Klangkulisse.

Bei Szob setzten wir mit der Fähre wieder ans linke Ufer über, fanden bei Zebegeny einen schicken Rastplatz direkt am Radweg.

Nach zwei Nächten im Varnas Resort ist der Campingplatz in Nagymaros eine Wohltat: Ganz hinten eine Familie im Dauercampingwagen, unweit von uns ein Paar, das sich im Bus vergnügt, wir und aus. Und anstatt slowakischer Pop-Volksmusik begleitet von gröllenden Betrunkenen, gibt es hier nächtliches Hundegebell und Froschkonzert. Gut, Züge rattern recht nahe vorbei, aber so genau wollen wir da jetzt nicht sein. Vor allem ist der Platz auch einfach schön. Ein kleiner Motorboot-Hafen trennt uns von der Donau und am gegenüber liegenden Ufer erheben sich die Burgruine Visegrád.

13. Tag, 24. Juni

Nagymaros – Szentendre, 33 km

Den Weg konzentriert im Auge zu behalten war heute dringend notwendig. Zwar ist die Route über weite Strecken asphaltiert, aber von Querrillen und Längsrillen, Niveauunterschiede von Ausbesserungsarbeit, Aufwölbungen über Baumwurzeln, unerklärlichen Löchern, Schotter und Schlamm vom letzten Regenschütter, bis hin zu weit in die Fahrbahn hängende Brennessel und Äste war alles zu haben. Wenn man sich dann die Fahrbahn mit dem regulären Verkehr teilt, der rechte Meter der Fahrbahn und das breite Bankette aber in derart miserablem Zustand sind, der sie schier nicht befahrbar sind, wird’s richtig ein Nervenkitzel.

In Vác machten wir eine längere Pause und setzten mit der Fähre wieder an rechte Ufer über.

Auf der Höhe von Stromkilometer 1667, wir radeln am rechten Nebenarm, entschieden wir uns für den Pap-Sziget Campingplatz. Er liegt auf der Insel, die Szentendre vorgelagert ist. Mit altem Baumbestand, Wohnkabinen auf Stelzen, einem kühlen Schwimmbecken direkt an der Donau und nächtlichem Multikanal-Froschkonzert ist der Platz absolut empfehlenswert.

Ob viel der Anstrengungen, die unsere Reise mit sich bringt, in dem Blog-Texten unter gehen, wurde ich gefragt.
Ja und nein. Von der Kraft her geht es sich mit den Kilometern die wir fahren locker aus. Konfliktreich war unsere Beziehung sowieso noch nie, Leonie war rasch an den Rhythmus unserer Reisetage gewöhnt, ihr Anhänger taugt ihr ie Campingplätze und das Zelt als Zuhause ebenfalls. bereite sich auf Johannes ein zu lassen als zu Hause. Es ist relativ klar, wem was wichtig ist, und wer folge dessen was entscheidet. Einerseits bringt unsere Art des unterwegs seins das Gefühl von Freiheit mit sich. Andererseits braucht es einiges an Disziplin und Struktur: Räder im Auge behalten und warten. Hinzu kommt, dass man ständig spontan auf das reagieren muss, was man vorfindet, an Infrastruktur, an Lebensmittel in der Packtasche mit der imaginären Aufschrift „Küche“, und das alles in Kombination mit dem übergeordneten Ziel, den Eurovelo 6 ans Schwarze Meer zu radeln. Die Gelsen sind eine kontinuierliche Plage (der erste Spray ist schon aus), die Streckenabschnitte ohne Asphalt sind mühsamer als man meinen könnte, im Zelt auf/ab- bauen sind wir schon routiniert und eine ziemlich gleichbleibend Packordnung
sich auch etabliert. All das ist mit den Bedarfen von Leonie abzustimmen.

14. Tag, 25. Juni

Szentendre – Budapest, ca. 28 km

Während links und rechts von mir noch geschlafen wird, klettere ich möglichst geräuschlos aus dem Zelt um einige Runden im kühlen Becken mit Donaublick zu schwimmen. Herrlich!
Wieder packen wir unseren Hausstand. Heute geht es in die Hauptstadt. Wir haben nicht vor uns Budapest zu widmen, sondern gleich im Süden der Stadt einen Campingplatz zu suchen. Um wieder Mal in Budapest zu sein, kommen wir lieber mit dem Zug, in Ruhe. Ja wirklich was anschauen geht sich für mich, für uns nicht aus. Nicht, dass wir uns nicht die Zeit dafür nehmen könnten, das ist nicht das Thema. Aber viel anders braucht Aufmerksamkeit und Zeit: Leonie und wir als kleine Familie, das Equipment (Wäsche waschen, Räder warten, …), die Route für den nächsten Tag anschauen, Essen organisieren, Hygiene und den Blogbeitrag schreiben. Und überhaupt entwickelt sich durch das Dahinradeln eine Dynamik, die nicht wegen jedem Museum, jeder Kirche, jeder Skulptur im öffentlichen Raum unterbrochen werden will.
Wir radeln in Richtung Budapest, eigentlich eine kurze Strecke. Aber es ist mühsam.

Von der Unbequemlichkeitsfähigkeit sprach Clemens Sedmak bei einem Vortrag den ich kürzlich hörte.
Die Strecke heute war mühsam und miserabel. Zum Teil ist es zwar aspaltiert, aber in so arg Zustand, das man lieber den Sandstreifen links und rechts der Fahrbahn nimmt, den sich die Radlerinnen und Radler hier schon ausgefahren haben.

Für Johannes mit dem Anhänger ist es extra anstrengend zu manövrieren. Auch wenn Leonie bei mir im Sitz ist, hat Johannes deutlich mehr Gewicht als ich. Ich habe nur eine Packtasche oder Leonie. Alles andere ist im Anhänger bzw. in Johannes Packtaschen. Ich habe zwar am Vorderrad einen Gepäckträger, aber der ist so wie er jetzt ist nicht nutzbar. Das Gewicht der Packtaschen sind so hoch, dass das Rad sehr instabil wird und sie schlenkern gefährlich nahe zu den Speichen. Also – Johannes hat eine schwere Fuhr.

Nein, wir haben uns nicht verfahren. Das ist die offizielle Eurovelo 6 Route. Und wir sind auch nicht irgendwo im ungarischen Hinterland, sondern rund 15 km außerhalb von Budapest. Ich kann mir vorstellen, dass so manche Budapesterin, so mancher Budapest von den den knapp 1,8 Millionen, raus radeln würde. Vorausgesetzt es ist vergnüglich.

Wir erreichen die Stadt, wir finden ein Gasthaus mit Blick aufs Parlament, wir finden den Campingplatz Haller und sind froh gut angekommen zu sein.

Unsere Unbequemlichkeitsfähigkeit wurde heute gut gefordert und gefördert. Bei Sedmak ging es um die Fähigkeit eigenen Bedürfnisse zugunsten anderer zurück zu stellen und war eigentlich nur ein Nebenaspekte in seinem Vortrag. Mich beschäftigt das Wort seither.

15. Tag, 26. Juni

Budapest – Ráckeve, 54 km

Raus aus der Stadt war noch anstrengend als rein. Wir fanden zwar die Eurovelo Route rasch, wollten dann aber möglichst wenig durch den starken Verkehr der nördlichen Csepel Insel fahren. Bis uns das gelang, war es mühsam. Am Ráckevei Duna Arm ist es angenehm und interessant. Wie an den meisten österreichischen Seen reiht sich hier Häuschen an Häuschen. Es gibt alte, verfallende, hübsche und eigenwillige, solche die zu verkaufen sind und andere, die eben erst frisch renoviert wurden.

Nachdem wir, weil wir möglichst nah am Wasser bleiben wollten, den Weg verloren hatten, zwischenzeitlich auf recht unwegsamem Gelände unterwegs waren, fanden wir eine kleine Schenke mit Zugang zum Kanal. Ausgesprochen idyllisch war dort der Blick aufs Wasser.

Irgendwann kamen wir aufgrund der Hitze und des schon langen Tages ziemlich erschöpft beim Tor des Campingplatzes in Ráckeve an. Die dortige Rezeption war um halb fünf bereits geschlossen. Wir fuhren zu angeschlossen Therme. Dort konnten wir auch für den Campingplatz einchecken. Wir sahen bereits die Menschen im Wasser pritscheln und konnten es auch nicht mehr erwarten ins kühlende Nass zu kommen. Zurück zum Campingplatz. Der Chip öffnet das Tor nicht. Zwei Mal radeln wir noch zur Rezeption bis sich endlich das Tor öffnet.

Johannes baut das Zelt auf, Leonie und ich gehen gleich zum kühlen Becken. Auf Thermalwasser mit 36 Grad haben wir momentan keine Lust. Bis zum zusperren verbringen wir die Zeit im Wasser. Und dann ist Johannes Brille weg. Auf dem Handtuch Beckenrand hatte er sie abgelegt. Oh shit! Er fragt bei der Rezeption, er redet mit den Bademeistern. So was blödes aber auch. Sie ist nicht mehr auffindbar.
Zurück beim Zelt müssen wir feststellen, dass die Wiesenflächen besprenkelt werden. Von vorne und von hinten hat unser Zelt Spritzwasser abbekommen. Zum Glück hatte Johannes nicht nur das Zelt aufgestellt, sondern auch alle unsere Sachen rein geräumt!
Wir jausnen noch und schlafen bei lautstarkem Froschkonzert erschöpft ein.

16. Tag, 27. Juni

Ráckeve – Dömsöd, ca. 15 km

Der Tag begann damit, dass ich eine Invasion schwarzer kleiner Ameisen von und aus unserer „Rauchkuchl“, wie wir die schwarze Packtasche mit unseren Küchenutensilien und Nahrungsmitteln nennen, beseitigte. Dann kam noch von Johannes die Vermutung, dass die weißen Rückstände der Sprenkelanlagen-Wassertropfen am Zelt von einem Insektengift stammen. Eigentlich kann man nur so schnell wie möglich weg wollen von diesem Platz. Aber mit Leonie war ausgemacht, dass wir nochmals schwimmen gehen und Johannes wollte wegen der verschwundenen Brille noch zu den Bademeistern.
Leonie war gerade bei der brütenden Stockente, als ich Johannes zum Bademeister kommen sah. Allein wie er Johannes begrüßte, ließ mich wissen, dass sie die Brille doch tatsächlich wieder gefunden haben! Hurra! Ich hatte es nicht geglaubt. Johannes hatte die Vermutung, dass irgendein „blöder Bub“ aus Jux und Tollerei sich die Brille geschnappt hatte. Die Bademeister fanden sie in der Früh unweit des Haupteingangs. Was für eine Erleichterung.

Nach einer Tagesetappe rein nach Budapest und einer raus waren wir heute froh wieder ländlicher und ruhigere Gegenden zu erreichen. So gut wie die gesamte Strecke führte durch kleine Wohnstraßen entlang des Ráckevei (Soroksári) Duna, einem schmalen Arm links des Hauptstroms. Ein Häuschen reihte sich ans andere, von jedem Haus führt ein Steg durchs Schilf zum Wasser. Schöne Gegend, entspannte sommerliche Atmosphäre, kaum kläffende Köter hinter den Gartenzäunen, nur selten ein Auto und ausreichend Beschilderung. Perfekt, wenn nicht wieder der Belag bzw. überhaupt die Fahrbahn in derart miserablem Zustand wäre: Löcher, Fehlstellen, seitliche Abbrüche. Man muss sich so aufs Fahren konzentrieren, besonders mit dem Anhänger. Bereits bei Dömsöd beschließen wir Pause zu machen. Beim Restaurant Neptun wollen wir was trinken und vielleicht eine Weile im Wasser pritscheln. Dann beschließen wir spontan für eine Nacht zu bleiben. Das Schild vorm Haus: „camping and rooms‘ klingt genau nach. Schließlich sind wir nicht auf der Flucht, sagt Johannes. Eine gute Entscheidung. Wir verbringen den Nachmittag im Wasser: Muscheln tauchen, pritscheln, alte Blattreste als Tattoo auf die Haut picken und schauen was wir vom Grund so alles herauffischen können.


Dem Einhorn die Libellen zeigen.

17. Tag, 28. Juni
Dömsöd – Dunaföldvár, ca. 40 km


Wenn es heiß, dass es ab neun Uhr Frühstück gibt, ist man es in Österreich gewöhnt, schon ab acht Geschirrgeklapper vermengt mit anderen Küchengeräuschen zu hören. Wir waren bereits alle drei eine Runde schwimmen, sind startklar und rufen uns Billard-Grundkenntnisse in Erinnerung bis die Wirtsleute deutlich nach neun eintreffen.
Nach einem geschmackvollen ungarischen Frühstück verabschieden wir uns vom absolut empfehlenswerten Gasthaus Neptun, südlich von Dömsöd.

Wie gestern geht die Fahrt weiter durch die hübsche Gegend, die entspannte Atmosphäre, immer am Weg zwischen kleinen Häuschen und ihrem Donauzugang. Mit dem Ende des Ráckevei Duna Arm endet das auch und nicht immer ist klar wo der offizielle Eurovelo 6 verläuft, ob diese Trasse für uns mit Anhänger auch fahrbar ist, oder wir auf einer anderen Route besser aufgehoben sind.

Auf der Eurovelo Karte sind für viele Streckenabschnitt Alternativen zur Hauptroute vorgeschlagen. Nicht immer stimmen die Fahrbahnangaben mit dem was wir vorfindet überein. Da gibt’s erfreuliche Überraschungen und mühsame. Nach dem Versuch bei Tass die asphaltierte Bundesstraße zu nehmen, sind wir so schnell wie möglich wieder retour. Zu eng, zu schnell, zu viele vorbei ratternde LKWS, zu flott die Autos, zu schlecht der rechte Fahrbahnbereich. Einige Meter hinter mir höre ich Johannes fluchen, direkt hinter meinem Rücken singt Leonie: „der Donaufisch, der Donaufisch, der ist ein Frosch und geht mit meiner Laterne, bumm bumm labumm.“

Wir nehmen bei wie nächste Gelegenheit den Damm, den Wiesenweg. Kilometerweit geht es dahin. Das Gras ist kurzgefressen, vermutlich von Schafen, der Untergrund ist unerwartet fest und wir kommen gut voran.

In Dunavecse gibt’s Mittagsjause und, da es sich quasi als Shopping-Parasies erweist, bekommt Leonie eine neue (Ersatz) Hose. Eine blaue Camouflage war das bestmögliche was wir bekommen konnten.

Das letzte Teilstück für den Tag ist erfreulich gut. Wir radeln auf asphaltierten Radwegen, nach doch einiger Zeit, nach Dunaföldvár zur inzwischen richtig breuten Donau. Am Campingplatz, mit rund 10€ der günstigste, aber auch schon halbwegs in die Jahre gekommene, sind nur zwei, drei andere Reisende.


Nach dem gestrigen Rasttag und dem nicht ganz so arg heißen Tag haben wir heute die rund 40 km gut geschafft, sind nicht so erschöpft wie wir es schon waren. Wir gehen ins Freibad, bummeln durch den Ort und erproben alle Geräte am Spielplatz.


Offenbar aus einem großen Schwemmholz wurde dieses wilde Wesen geschaffen.

18. Tag, 29. Juni

Dunaföldvár – Kalocsa, ca. 60 km

„Wir können ja im Paprikamuseum in Kalocsa als Infotrainer arbeiten, wenn wir uns noch einlesen.“ sagte Johannes als ich bei zwei Banken mit jeweils zwei vschiedenen Bankomatkarten heute Früh kein Geld abheben konnte. Johannes ist für Bargeld in der Hosentasche. Ich sagte immer, dass wir ja eh einfach was abheben können, dass das praktischer ist und sicherer. Funktioniert offensichtlich nicht immer. Keine Sorgen, das ist kein Aufruf für einen Western Union Geldtransfer! Aber irritierend ist es allemal, wenn man an sein Geld nicht wie gewohnt rankommt.

Die heutige Strecke hielt einige positive Überraschungen für uns bereit, auch wenn der asphaltierte Damm bei Harta zwar in der Karte eingezeichnet ist, in der Realität aber einfach endet.


Das führte uns die offizielle gute Beschilderung durch mehrere kleine Dörfer. Interessant einen Eindruck vom Dorfleben zu erhaschen.

Eigentlich hatten wir in der Früh als unserer Tagesetappe den Szeliditópart Campingplatz etwas abseits der Donau in einem Naturreservat festgelegt. Als wir dann in der Nähe eine riesiges Plakat sahen, dass den Platz bewirbt und dann noch junge Männer, die in Wochenend-Partystimmung dorthin unterwegs waren, war klar, das wir dort keine ruhige Nacht haben werden.

Grund genug erst Mal Mittagspause zu machen. Wir fanden in Ordas direkt an der Donau, direkt bei km 1538, den idealen Platz dafür.

Eine Frau fotografiert uns und sagte uns auch, dass es in Kalocsa einen Campingplatz gibt. Perfekt. Eine gute, noch machbare Distanz. Auf der Karte ist er zwar nicht eingezeichnet, aber dieses Thema kennen wir jetzt schon.

Leonies Geduld wird immer wieder hart geprüft: Schon in der Früh war der Campingplatz-Wirt nicht da, als sie dringend ihr Eis wollte, dann sperrte uns vor der Nase, wir stellten gerade noch unsere Räder ab, in Dunapataj das Geschäft zu. Die sechs Frauen, die aus dem Laden kamen, die ihre Arbeit fürs Wochenende beendeten, haben vermutlich noch so einen lautstarken Kommentar zu ihren Öffnungszeiten erlebt. Wieder kein Eis. Endlich: In Géderlak gibt es eine Kneipe an der Durchfahrtsstraße.

Nach Kalocsa gibt es zwar einen richtigen Radler-Highway mit mittlerer Leitlinie, aber wie sich herausstellt, keinen Campingplatz. Wir checken in der Penzio Alice ein. Auch wenn wir es im Zelt immer sehr fein haben, freuen wir uns alle drei. Dank an die Dame mit der Falschinformation!

19. Tag, 30. Juni

Kalocsa – Baja, ca. 53 km

Die Nacht im Zimmer war erholsam, der Start in den Tag ziemlich holprig. Nachdem wir unsere Getränke bereits getrunken hatten und das weitere Frühstück nach rund einer halben Stunde immer noch nicht da war, machten wir uns ohne Essen auf den Weg. Zum Glück hatte ein Bäcker entlang der Straße offen. Das Paprika Museum wollten wir vor der Weiterfahrt anschauen. Es scheint jedoch seit längerem in Umbau zu sein.

Dann nahmen wir den kürzeste Weg zum Donaudamm. Leider war er auch der schlechteste.

Dafür sah ich eine Frau am Feld, hinunter gebückt zu ihren Pflanzen. Zwischen all den schier endlosen Feldern, mit riesigen Maschinen bearbeiten, ist diese so alte menschlichen Tätigkeit inzwischen wieder zur Ausnahme geworden. Das kultivieren von Land als Kulturtechnik scheint vom Aussterben bedroht zu sein.

Und dann ging es dahin und dahin. Dahin auf dem Damm, erst auf Schotterpiste bis Fajsz und dann Asphalt. Kaum blieben wir stehen, kaum war der Fahrtwind weg, waren die Gelsen da. Die Mittagsjausenpause fiel sehr kurz aus. Kein Dorf, also auch keine Kneipe. Keine schattigen Rastplätze. Keine Donau in Sichtweite.

Wir radeln und radelten. Und dann, rund 8 km vor Baja, kam doch eine Gaststätte. Schicker Landhaus-Stil, schwere Mercedes davor geparkt. Rév Csárda, ein mehrfach ausgezeichneter Gourmettempel. Das hatten wir nicht erwartet. Leonie war erst arg enttäuscht weil es kein Eis gab, aber konnte sich dann auch für die Pasta und vor allem die Desserts begeistern.

Jetzt waren die verbleibenden Kilometer bis Baja leicht zu schaffen!


Der Campingplatz liegt auf der „Donauinsel“, wir blicken wieder direkt auf das Wasser, gehen baden, kochen uns einen Gemüse-Linsen-Eintopf und gehen dann endlich auf ein Eis ins Stadtzentrum.

20. Tag, 1. Juli

Baja – Dunafalva, 25 km (+15 km extra nach Vaskút)

Kopfsteinpflaster ist wirklich schön, aber wenn man mit dem Fahrrad unterwegs ist, ist man einfach nur froh wenn man wieder auf Asphalt kommt. Und so radeln wir entlang der Fahrradwege munter und fit aus Baja raus. Was für ein Radweg! Breiter als viele die wir schon hatten, beschattet und mit super Fahrbahn. Als wir einen Ort namens Vaskút erreichen, wissen wir, dass wir falsch sind. Es gibt keine Verbindungsstraße Richtung Dunafalva. Wieder zurück in Baja suchen wir nach der richtigen Straße und finden einen Mann am Moped, der vor uns her fährt und uns zur richtigen Straße bringt.

Dann geht’s wieder am Damm dahin.


So drückend heiß wie heute war es noch nie. Kein Schatten, ewig weit kein Dorf. Wir radeln bis Dunafalva und fallen dort überhitzt und durstig ins Wirtshaus ein.

Eis und Wasser, Bier mit Wasser und Chips und noch ein Eis und noch ein Zitronenwasser. Wir kommen wieder auf normale Betriebstemperatur.
Online las ich vom Zöbart Camping in Dunafalva, einfach, aber direkt an der Donau. Der Wirt sagte uns, dass dieser Platz geschlossen ist. Auch im Ort gegenüber ist auf unserer Huber-Radkarte ein Campingplatz eingezeichnet. Der Wirt sagt, dass es den auch nicht gibt. Im Laden neben dem Dorfwirt decken wir uns mit Lebensmittel ein und finden an der Donau gleich bei der Rampe der Fähre einen Platz für eine Pause mit Jause.

Wir baden und pritscheln in der Donau, auch wenn es dafür fast zu heiß ist, in der Sonne. Entweder wir radeln bis Mohacs. Laut Wirt soll es dort einen Campingplatz geben. Weder auf den Karten noch online finden wir einen. Oder wir zelten einfach so. Wir entscheiden uns für letzteres. Die Anlegestelle der Fähre ist relativ frequentierten. Johannes fragt einen Mann nach dem Campingplatz, den es hier geben soll. Der Mann spricht wie viele hier deutsch und sagt mit ausladender Armbewegung: „Kein Campingplatz, aber überall Camping.“ Er sagt Johannes auch noch, dass das hier sein Grund ist und wir campen können. So schlafen wir hier zwischen Damm und Donau das erste Mal außerhalb einer schützenden Struktur.

Soeben haben wir beschlossen morgen für zwei Nächte in Mohacs in einer Pension oder einem Hotel zu bleiben.

21 Tag, 2. Juli

Dunafalva – Mohács, 15 km


Deutschsprachige Ortsschilder, als Zeichen der hier ansässigen, sog. Donauschwaben, sind hier zu finden.

Der jetzt schon allen bekannte Donaudamm.

Wir starteten etwas früher als üblich, kamen am Damm rasch vorwärts. Ja, der Donaudamm – sehr, sehr viele Kilometer durch die Pannonische Tiefebene sieht er so aus. Überall wird gut geschaut, dass er nicht zuwuchert, viele Kilometer lange liegen Heuballen zum Abholen bereit. Er bietet eine eigentlich ideale Grundstruktur für einen Radweg, mit einer gewissen Aussicht auf das umliegende Land, aber eben Schattenlos.
Bald erreichten wir das Ufer gegenüber von Mohács. So wie in Dunafalva gibt es auch hier keine Brücke sondern eine Fähre.

Kaum ausgestiegen wurden wir auf deutsch angesprochen ob wir Hilfe brauchen. Herr Fleischmann, dessen Großeltern Schwaben waren, fuhr mit seinem Rad vor uns her um uns den Weg zum Hotel zu zeigen, dass online passend für uns schien. Erst kaufen wir allerdings eine große Ständer-Luftpumpe im gut bestückten Fahrradgeschäft von Fleischmanns Sohn. Johannes will sich nicht weiter auf die vorhandene Luftpumpen-Infrastruktur verlassen.

Der Hausbesitzer der Penzió Pegasus, ebenfalls mit deutschem Familienhintergrund, ist gerade beschäftigt, kann uns dann aber gleich ein freies Zimmer zeigen. Selbstgefangen ist der rund acht Kilo schwere Donaufisch.

Hier wollen wir zwei Nächte bleiben: Hier gibt es eine Waschmaschine und ein Pool, hier gibt ein Moskitonetz vor der Balkontür, ein geräumiges Bad, drei Betten und im Ort sicherlich gute Gasthäuser.

Mit der nächsten Tagesetappe liegen 417 Stromkilometer in Ungarn hinter uns und 450 in Serbien vor uns. Vor drei Wochen starteten wir in Linz bei km 2135, Mohács liegt bei km 1446. Geradelt sind wir deutlich mehr als die Differenz von 698 km.

Immer wieder, seit Komárom, sind wir von den abendlichen Anti-Gelsen-Manövern irritiert. War es in Komárom ein Flugzeug, dass Insektengift versprühte, sehen wir wie unweit der Penzion mit einer Vorrichtung an einem Auto irgendein Mittel versprüht wird und sich als große Nebelwolken zwischen den Büschen und Bäumen verbreitet. Was versprühen sie? Wie arg viele wären die Gelsen ohne diese Intervention?

22. Tag, 3. Juli

Mohács


Das Zelt bleibt heute verpackt.

Wir verbringen einen Tag im gemütlichen, grünen Mohács, in dem alle Menschen mit denen wir uns Gespräch kommen, deutsche Wurzeln haben, und das mit der Lage bei Stromkilometer 1445/1446 ziemlich exakt an der Hälfte der Donau liegt.

Wir setzten uns an den gedeckten Frühstückstisch. Wir baden im Pool. Wir machen aufgrund der mittäglichen Hitze eine ausgedehnte Siesta. Johannes wartet unsere Fahrräder.


Wir gestalten und schreiben Karten für liebe Menschen.


Wir besuchen den Mohácsi Lovasclub, einen gepflegten Reiterhof gleich nebenan und Leonie reitet.


Wir pritscheln. Bisher hatte jede ungarische Stadt eine dieser öffentliche Kühl-Sprühpassage.


Wir freuen uns über andere Bewegung als in die Pedale zu treten.


Wie meistens will das Einhorn auch am Eis schlecken und sich im Dreck wälzen: „Es will ein Bazenlüpel sein!“ Nur selten lässt es sich daran hindern und muss dementsprechend oft in die Dusche.

Wir adaptieren das Langarm-Shirt dem Wetter entsprechend.

Und dann richten wir abends noch unser Equipment damit wir morgen früh zügig nach dem Frühstück aufbrechen können. Es geht, retour über die Donau, nach Serbien.

23. Tag, 4. Juli

Mohács – Bezdan, ca. 38 km

Noch im Halbschlaf dachte ich, der Wind raschelt in den Bäumen. Dann war es doch Regen, der auf das Blechdach tropfte. Ich war froh, dass wir entschieden trotzdem weiter zu radeln. Nach zwei Nächten wollten wir beide dringend weiter reisen. Wir verpackten das Equipment möglichst regentauglich und los ging’s. Erst noch Trinkwasser einkaufen und die Post aufgeben und dann ab zur Fähre.

Vom linken Ufer auf der Höhe von Mohács radelten wir in einem Zug die knapp 30 km bis zur Serbischen Grenze durch, am bereits bekannten, bestens asphaltierten Damm sehr flott dahin. Leonie schlief. Wir radelten. Es regnete, Mal mehr, Mal weniger.

Wir begegnete unserer erstes Schafherde mit Schäfer und zum Glück friedlichem Schäferhund.
Wir begegnete zig ungarischen Soldaten und Polizisten, die über einen Streckenabschnitt von 15 km an der Grenze zu Kroatien patrouillieten. Eine absolut surreale Situation: Geschätzt 50, 60 Mann, rund alle drei-, vierhundert Meter am Güterweg zwischen den Feldern stehend, ins Handy schauend oder mit irgendwelchen Snacks beschäftigt. Die Bedrohung ist im Kopf. Aus den Feldern Kroatiens kommt sie jedenfalls nicht. Wir begegneten einem Fuchs, der zwischen den Grenzwachen umher irrte als ob er nicht genau wüsste, in welches Feld er laufen darf, ohne sich strafbar zu machen.
Mit Johannes, quasi als Tempomacher, passierten wir kurz nach Mittag bereit die Grenze nach Serbien.


Wir stellen uns unter und machten eine kleine Jausenpause. Leonie erfindet sich wie oft ein Rollenspiel: „Die Oma zupft das Unkraut aus, weil das ärgert sie so.“

Ein großes Schild begrüßt hier die Eurovelo 6 Reisenden und verrät uns, dass die Donau 588 km durch Serbien läuft und die Hauptroute des Radweges 665 km beträgt. Los geht’s: Wir radeln weiter bis Bezdan und machen Pause im Anna Caffe & Rooms, einer Lokalität ganz unerwarteter Art: eine Mischung aus Wiener Kaffeehaus mit chilliger Hotel-Lounge Wir trocknen uns, trinken Limo und Kaffee, essen Dobostorte und spielen mit dem vorhandenen Kinderspielzeug. Sehr gemütlich ist es hier.

Johannes fragt wie viel die Zimmer kosten. Ohne es gesehen zu haben, beschließen wir zu bleiben. Die paar Kilometer bis Backi Monostor, das wir als Tagesziel angedacht hatten, können wir morgen auch radeln. Wenn es nicht mehr regnet.
Das Zimmer ist superschön, unterm Dach mit Galerie, eingepasst zwischen Dachbalken. Zum Wohlfühlen.

24. Tag, 5. Juli

Bezdan – Campingplatz Budzak (vor Apatin), 41 km

Nach der Nacht im wirklich super Zimmer in Bezdan, im Anna Caffe & Rooms, erwartete uns es ein fulminantes Frühstück. Also, wer in die Nähe von Bezdan kommt, diese Pension ist absolut empfehlenswert!

Heute scheint wieder die Sonne, die Route ist gut beschildert, meist relativ gut aspaltiert und die Straßen auf denen sie führt, wenig bis mäßig befahren.

Wenn Leonie schläft, radeln wir viele Kilometer sehr zügig dahin. Wenn sie munter ist, gibt’s viele Gründe zum Stehen bleiben: umsitzen vom Anhänger in den Sitz oder umgekehrt, Pippi machen, eine kleine Jause, ein Gehege mit Ziegen, Durst oder das Einhorn, das seinen Sichheitsgurt, an dem es um Leonies Hals hängt, verwurstelt hat.

Das reife-Kischen-Gebiet haben wir bereits hinter uns. Jetzt gibt es täglich frische Kriecherl, die wir entlang des Weges finden und die uns manchmal regelrecht in den Mund hängen. Ich reichte dann Leonie bei der Weiterfahrt ein Kriecherl von meinem Korb nach hinten und keine Minute später spürte ihre Hände am Rücken: „Ich wische mir meine Hände in dein Tucherl.“ Das Laiberl ist sowieso abends zum Waschen.

An einem Bahnübergang kommen wir neben einem Auto zu stehen. Johannes zeigt auf die Nummertafel, ein Linzer Kennzeichen, und sagt zum Fahrer, der zum offenen Fenster raus schaut: „Da sind wir auch gestartet.“ Es dauert etwas bis der junge Mann, im Auto sitzen mehrere Familienmitglieder, versteht, dass wir von Linz mit dem Fahrrad her geradelt sind. Dann fragt er „Wie viele Stunden habt ihr gebraucht?“

Gegen drei Uhr erreichen wir den gut gepflegten Campingplatz „Budzak“, unweit des Radweges, rund acht Kilometer vor Apatin. Der Besitzer arbeitet gerade mit der Motorsense, und wenn er dann fertig ist, erzählt er in einer Mischung aus deutsch und englisch, kommt das Spritzmittel für die Gelsen. Ob das eine beruhigende Information sein hätte sollen? Trotz seiner Maßnahmen stechen uns im Laufe des Abends mehr als genug Viecher. Es ist wirklich eine Plagerei mit ihnen. Ob das irgendwann anders wird im Laufe der nächsten Wochen? Und ob wir, wenn es keine Gelsen gibt, immer in einer besprühen Umgebung sitzen? Wenn die Spritzerei auch weniger Gelsen macht, ein gutes Gefühl macht sie jedenfalls nicht.

Johannes schaut kontinuierlich darauf, dass es unseren Rädern gut geht. Heute früh machte irgendwas an meinem Rad „miau, miau, … miau, miau, …“. Zwei Mal musste ich stehen bleiben, dann hat er das Geräusch-verursachende Teil gefunden und geölt. Am Nachmittag gab es dann am Campingplatz ein umfassendes Service. Danke!

Online las ich irgendwo, dass der Campingplatz rund 5€ koste. Vielleicht für eine Person. Für uns drei kostet er unwesentlich weniger als das tolle Zimmer vergangene Nacht, nämlich rund 25 €.

25. Tag, 6. Juli

Campingplatz Budzak (vor Apatin) – Bogojevo Štrand, 42 km

Zuallererst zwei Tiersuchbilder. Zudem sahen wir heute im Lauf des Tages zahlreiche Reiher, mehrere dahin staksende Störche und zwei auffliegende Schwarzstörche.

Es dauert immer bis wir in der Früh reisefertig sind. Dass der Start in den Tag angenehm verläuft, ist eine Herausforderung. Nicht alle drei sind wir Morgenmenschen: Es gilt unterschiedlichste Bedarfe ineinandergreifend zu berücksichtigen: noch liegen bleiben wollen, Kaffee herrichten und frühstücken, packen und Zelt abbauen und Morgenhygiene.

In Apatin sehen wir endlich wieder Mal die Donau. Der Weg verläuft über weite Strecken weit weg davon.
Wir kaufen Lebensmittel ein, essen ein zweites, „richtiges“ Frühstück und radeln los, immer den Schildern nach.

Großindustrielle Agrarwirtschaft gleicht sich bisher überall. Östlich von Wien, südlich von Budapest und jetzt westlichen von Novi Sad: die menschenleeren flachen Felder, der gleiche Düngemittelgeruch und die gleichen Marken der immens großen Bearbeitungsmaschinen. Hier dehnen sich Mais-, Getreide- und vor allem Fisolenfelder bis an alle umliegenden Horizonte aus.

Heiß ist es. Wir überlegen, ob wir doch besser die Alternativroute durch die Dörfer hätten nehmen sollen. Vielleicht wäre es dort schattiger. Kürzer wäre sie alle Mal. Jetzt gibt es kein zurück mehr. Wir radeln und kommen ins Naturschutzgebiet Obere Donau, dass an dieser Stelle mit einem massiven Zaun begrenzt ist. Bald wissen wir warum: eine Wildschweinrotte quert vor uns die Straße. Zwei ausgewachsene Tiere und hinten drein der Nachwuchs. „Endlich Wildschweine gesehen.“ höre ich hinter meinem Rücken. Wir bleiben kurz stehen, trinken und sehen ein Stück weiter bereits die nächste Familie im Gestrüpp verschwinden.

Die nächsten Kilometer halten wir nach ihnen Ausschau. Es sind noch einige, die wir zu Gesicht bekommen. Kleine und größere, alleine und im Verbund. Es wirkt so, als ob sie überrascht sind, dass sie nicht die einzigen hier sind. So sehr wir uns über sie gefreut haben, wir sind froh, dass sie nicht neugierig darauf sind wer hier vorbei kommt, sondern im flotten Schweinsgalopp vor uns Reißaus nehmen.

Der Blick vom Damm in die Aulandschaft ist beeindruckend. Rechts des Dammes dehnt sich, wie gesagt das Naturschutzgebiet Obere Donau aus. Das Hochwasser der letzten Wochen hinterließ Algenteppiche, die sich jetzt wie Fetzen eines dicken Stoffes über die Äste spannen.

„Naturdarm müsste es heißen“, sagt Johannes, fährt noch ein paar Meter und steigt ab. Wir schieben den Anhänger mit dem schlafenden Kind.

Irgendwann geht ein Weg rechts runter: Sonta Dunav, der Platz eines Vereins. Fischer, vielleicht. Für eine Pause Schatten werden wir freundlich aufgenommen. Danach geht’s die verbleibenden Kilometer wieder leichter dahin, wenn auch auf Bruchschotter, der auf die Aspaltdecke wartet (!).

Badesee. Gastronomie. Wochenende. Nie wissen wir, welche Art von Campingplatz uns erwartet. Hier ist gar kein Campingplatz, aber vom Betreiber und seinem Onkel werden wir eingeladen das Zelt aufzustellen wo wir wollen.
Leonie stürzt sich ins Wasser. Endlich. Und in den Sand.

26. Tag, 7. Juli

Štrand Bogojevo – Vajaska, 45 km

In den letzten Nächten hörten wir aus der Ferne die Hunde der umliegenden Dörfer und Häuser gegeneinander anbellen. Heute lagen wir erstmals Mitten drin im Kläffen und Bellen, im Jaulen und Knurren. Es störte die Nachtruhe erheblich. Kaum sind die einen ruhig, legen die anderen los.
Das würde bei uns nicht (mehr) gehen. Es würde einfach, glaube ich, zu viele Menschen nerven.

Ganz naiv dachte ich, hinter Wien wird alles anders. Erst wurde nur wenige anders. Und wann genau etwas anders wurde, lässt sich meist nicht sagen. Die meisten Veränderungen schleichen sich ein, still und unauffällig. Nur mache „ersten Male“ erlebten wir bewusst: die erste Schotterpiste, die erste Gelseninvasion, der erste Reiher, der erste türkische Kaffee, das erste Pferdefuhrwerk und das erste Mal wild campen. Den erste herrenlosen Hund, wo sahen wir ihn? Wann wurde aus ihm eine sich selbst überlassene Meute?
Leonie wachte trotzdem munter auf: „Baden gehen will ich. Es ist wieder Tag.“ Sie pritschelte. Wir packten wieder unseren Hausstand zusammen.

Die Nacht verbrachte Jana aus Regensburg neben uns in ihrem –Zelt. Sie ist von zu Hause aus zu Fuß unterwegs, ebenfalls ans Schwarze Meer. Das ist allerdings nicht ihr Ziel. Sie will auf dem Landweg nach Indien um dort eine Yoga-Ausbildung zu machen. Ein beeindruckendes Vorhaben. Sie ist bereits weg als wir aus dem Zelt krabbeln.

Sonntag. Wir radelten zwischen großen Felder hindurch. Es fuhren die Mähdrescher. Heiß war es. Arg heiß. Wir radelten. Johannes hatte heute etwas frei. Für ein paar Kilometer fuhr ich sein Rad und zog den Anhänger mit Leonie.

Ziva. Zwischen großen verlassen Gebäuden, Stallruinen, die irgendwann ein landwirtschaftlicher Betrieb waren, rasteten wir lange und ausgiebig bis die Kraft der Sonne nachließ und der leichte Wind kühler wehte.
Auf der Karte war in 10 km ein Badeteich mit dem Namen Provala eingezeichnet. Wir brauchten dringend eine Kühlung und gingen davon aus, dass wir dort einfach wieder unser Zelt aufstellen können.

Wir sahen, dass sich ein Gewitter zusammen braut. Und, als wir zum See kamen, war da nicht nur ein Campingplatz sondern auch ein „Burghotel“: Backi Dvor Jezero Provela. Das, was in Bogojevo eine Baustelle ist, ist hier fertig gestellt. Für 37€ gibt’s das Zimmer. Wir überlegten nicht lange. Johannes, der unsere Sachen versorgte, die Räder in einer Garage unterstellen konnte, kam bereits ganz durchnässt ins Zimmer. Ein richtiges Sommergewitter inklusive Hagel zog über uns hinweg. Gut im trockenen Zimmer zu sitzen. Und den Badesee können wir hoffentlich morgen früh noch nutzen: „Baden gehen will ich. Es ist wieder Tag.“

27. Tag, 8. Juli

Vajaska/Provala – Bač, 12 km

Der Platz mit dem Burg-Gebäude ist nach dem gestrigen heftigen Sommergewitter wie frisch gewaschen und leer, weil heute Montag ist.
Wir verbrachren den Vormittag mit baden. Wie am Bogojevo Štrand ist auch hier der Boden sandig als ob es Meeresstrand wäre. Was gibt es hier zu sehen? Kaulquappen? Nein. Ganz unerschrockene Fischkinder. In größeren und kleineren Schwärmen sind sie um uns herum im seichten Wasser unterwegs. Am liebsten wollen sie sich unter unseren Fußsohlen verstecken.

Die heißesten Stunden des Tages verbrachten wir unter den Bäumen am See. Dann erst radelten wir die paar Kilometer nach Bač.
Anderen Radreisenden sind wir jetzt seit drei Tagen nicht mehr begegnet. Zuletzt kam uns eine Familie aus Frankreich, ich schätze der Bursche war ungefähr neun, zehn, entgegen. Sie sind im April in Rom gestartet und radeln jetzt auf dem Eurovelo 6 nach Hause, wofür sie noch rund zwei Monate brauchen werden.
Unseren kanadischen Bekannten ist es ab Budapest zu heiß geworden. Sie radeln inzwischen noch bis Ende des Monats in Irland.

Dafür begegnen wir anderen Menschen. Interessierten, hilfsbereiten, aufmerksamen, unkomplizierten.

Heute ist der erste absolute Stimmungstiefpunk unserer Reise. Nach vier Wochen reden wir das erste Mal von frühzeitiger Heimfahrt. Es scheint die Grenze unserer Unbequemlichkeitsfähigkeit erreicht. Die Hitze zu den Mittagsstunden, die Gelsen an den Abenden, die unattraktiven Zickizacki-Strecken der letzten Tage, die uns das Gefühl gibt, nicht weiter zu kommen und der Umstand, das Leonie seit ein paar Tagen nicht mehr im Anhänger sitzen. Dann fehlt ihr der Schlaf, was auch nicht förderlich ist für unser aller Gelassenheit.

Wir radeln in Bač ein. Die Ruine der Festung Bač aus dem 14. Jahrhundert schaut schön aus, wir haben dafür aber grad gar keine Nerven. Die online gesuchte Pension Jakić schaut geschlossen aus. Auch das noch. Einen offiziellen Campingplatz gibt es hier nicht.
Wir reden gar nix mehr. Stehen vorm Supermarkt rum. Der Besitzer der Kneipe daneben kommt und fragt was wir brauchen. Wie so viele Menschen hier spricht er etwas deutsch. Das andere Hotel im Ortszentrum hat geschlossen. Irgendwas gibt es zwei, drei Kilometer weiter außerhalb. Und er kennt jemand mit zwei Zimmer zum Vermieten. Wäre auch eine Möglichkeit. Dann gibt es die Idee auf seiner Wiese neben dem Supermarkt und der Kneipe zu campen. Wir lassen uns dort erstmal nieder, kaufen hoffnungsvoll Erdbeersaft und eine Melone. Die gibt es so gut wie immer nur als ganzes. Sie kommen aus der Gegend.

Wir essen die saftige Melone. Wo könnten wir aufs Klo gehen, wenn wir hier Campen? Der Mann wird die Kneipe nicht ja auch Mal zusperren.
Es dauert nicht lange, beginnen sechs Burschen neben uns, auf einem Betonfeld mit zwei kleinen Fussballtoren, zu Spielen und Rangeln Sie sind erst zurückhaltend und werden dann neugierig. Sie stellen Fragen. Auf serbisch. Einer spricht etwas mehr Englisch als die anderen. Endlich kommt mein „Ohne Wörter Wörterbuch“, mit vielen Bildchen drin, zum Einsatz. Wir schaffen es ihnen in Grundzügen von unserer Reise zu erzählen. Ihre unbeschwerte Neugier rettet vorerst unsere Stimmung. Ein 18 jähriger kommt dazu. Er kann auch nicht mehr Englisch als die anderen. Die Nachbarsfamilie von gegenüber kommt, fragt was wir brauchen.

Johannes spricht mit ihnen. Ich schneide für die Burschen die zweite Hälfte der Melone auf.
Die Nachbarn wissen, dass bei der Pension durchaus Zimmer vermietet werden. Wir packen unsere Jausensachen ein und verabschieden uns von den Burschen. Der ältere lässt es sich nicht nehmen und begleitet uns.

Frau Jakić ist Schwabendeutsche. Aus Ulm stammen ihre Vorfahren. Für 20€ vermietet sie uns ein Zimmer und erzählt, dass die Nachbarin in Linz lebt, jetzt aber gerade auf Familienbesuch da ist.

Als wir uns dann erneut zum Supermarkt auf machen, treffen wir sie tatsächlich. Sie geht auch noch einkaufen. Die hilfreichen Nachbarn grüßen über den Zaun, die Burschen winken vom Fussballspielen herüber. Bač ist super.

28. Tag, 9. Juli

Bač – Gložan, 41 km

Heute sah unsere Welt komplett anders aus. Als ob irgendein Schalter umgelegt worden wäre. Nach einem improvisierten Frühstück mit leckerem Tomaten-Weißer Käse-Salat im Zimmer und einer ordentlichen Portion Himbeeren, auf die wir von den Nachbarn auf ihr Feld eingeladen worden waren, radelten wir los.
Nachdem es jetzt zwei Nächte geregnet hat, scheuten wir den Dammweg, der auf der Karte nicht durchgehend als aspaltiert eingezeichnet ist. Auf Gatschwegen feststecken, die dort möglicherweise sind, können wir verzichten. Zudem ist der Dammweg doppelt so lange wie die direkte Straßenverbindung. Wir radeln einfach auf der Bundesstraße bis Bačka Palanka, 24 km. Am Vormittag ist nur wenig Verkehr.

Mit Trick und Geschick fuhr Leonie dann doch im Anhänger – und schlief! Es geht nix über ein ausgeschlafenes Kind!
In Bačka Palanka radelten wir zur Donau und zum Tikvara See, der direkt daneben liegt. Die Gemüseschnitzel, den Panierten Käse und den Šopska Salat können wir im dortigen Dunav Čarda Restoran sehr empfehlen. Während wir auf das Essen warten, hat Leonie viel zu tun: Die Hufe vom Dinosaurier müssen ausgeputzt werden:

Immer wieder springen neben uns Fische an die Wasseroberfläche als wir dann im See baden. Am Wochenende wuselt es hier vermutlich, heute sind kaum Menschen da. Komisch war uns, dass dann ein Traktor mit einem Scheibengrubber kam und den gesamten Sandstrand zu einem Feld machte. Gut, dass wir da schon am aufbrechen waren.


Nachdem wir bis Mittag so vergnügt unterwegs waren, entschieden wir, dass wir weiterradeln wollen und nicht wie gestern besprochen ein paar Tage Pause in Bačka Palanka machen. Das erste Mal buchten wir im voraus (also ein paar Stunden im voraus) ein Zimmer für die Nacht. Das Ethno & Coffee House Tulip in Gložan schaut entzückend aus, die Strecke bis dorthin für den späteren Nachmittag gut machbar.

Aus Bačka Palanka rausfahrend kamen wir wieder an einem dieser gigantischen Silo-Komplexe vorbei. In vielen Orten stehen sie. Was genau darin gelagert wird, wissen wir nicht. Mais? Getreide? Alles mögliche, das hier auf den Feldern wächst vermutlich.
Die Strecke zwischen Bačka Palanka und Gložan ist mühsam: Obwohl es die Hauptroute des Donauradweges ist, ging es auf stark befahrener Bundesstraße dahin. Das Sommergewitter mit Hagel war in dieser Gegend am ärgsten. Vom Mais und von den Sonnenblumen auf den Feldern ist nicht mehr viel übrig.

Beim Supermarkt in Gložan überlegte Johannes, was er noch fürs Abendessen einkaufen will. Dann entschieden wir uns doch für die Zucchini, die wir seit Tagen im Gepäck haben.

Beim Ethno & Coffee House Tulip arbeitet Pavel gerade im Garten. Auch hier hat der Hagel einiges an Schaden angerichtet. Seine Frau Tatiana und er haben aus dem Haus, dass seiner Großmutter gehörte, eine idyllische Insel für Gäste gemacht. Liebevoll ist das Zimmer und der Garten gestaltet. Eine kleine Vase mit frischen Blümchen steht im Fensterbrett.

Leonie wird von Pavel eingeladen mit zum Marillenbaum zu kommen. Sie schmecken ihr so, dass sie auf den Zucchini zum Abendessen gut verzichten kann.
Es war ein vergnüglich er Tag. So kann es weiter gehen.

29. Tag, 10. Juli

Gložan – Novi Sad, 7 km

Am Morgen regnete es. Aber wie die vergangenen zwei Tage hört es auch heute im Laufe des Vormittags auf.

Marillen und Nektarinen, Paprika und Tomaten kommen aus dem eigenen Garten, Wurst und Speck von den eigenen Schweinen, Hühner haben sie auch. Bier braut Pavel auch. Den gestern geressten Marillenaft für das Frühstück hat er zu Hause vergessen. Er bereitet frischen Marillen-Smoothie für uns zu.
Neben dem Frühstücksraum ist der ehemalige zentrale Wohnraum des Hauses zugänglich. Er ist in seiner historischen Form belassen, mit dem ehemaligen Mobiliar, einem gemauerten Ofen und Textilien ausgestattet.
Pavel und seine Familie haben slowakische Pässe. Sie könnten überall hin gehen. Sie haben ganz bewusst entschieden zu bleiben, das Haus der Großmutter zu renovieren, sich möglichst autark mit Lebensmittel zu versorgen und zudem Gäste an ihren Platz willkommen zu heißen.

Es war schon späterer Vormittag als wir uns verabschiedeten. Der Dammweg nach Novi Sad wurde im letzten Jahr durchgehend asphaltiert, versicherte uns Pavel und so schlugen wir den Weg dorthin ein.

Wir radelten wieder an einer Schafherde vorbei, nach dem Hirtenhund Ausschau haltend. Ich frage die Schäferin: „Wuff Wuff?“ Sie muss lachen, sagt etwas das ich als „kein Hund“ interpretiere und tippt sich auf die Brust „Wuff Wuff“.

Wir radelten am flachen Damm zügig dahin. Leonie schlief, heute zugedeckt, im Anhänger. In der Ferne vom gegenüberliegenden Ufer an, reihten sich Hügel an Hügel. Dort würde ich nicht gerne radeln wollen.

Dass die Schäferin keinen Hund hatte, wunderte uns wirklich. Überall gibt es hier Hunde. Einige sah ich mitten am Feld, so wie man bei uns manchmal Rehe sieht. Hinter jedem Gartentor wacht mindestens ein Hund, auf den Straßen laufen sie herum, mache sind an der Leine, die meisten gehen selbständig Gassi.

Firmengelände werden von Hunden bewacht und auch einfach irgendwo liegen sie zum Schlafen. Die frei laufendem bellen nicht und kümmern sich nicht extra um die Menschen. Am unangenehmsten sind die, die hinter den hohen Zäunen und Mauern lauern und völlig unerwartet zu kläffen beginnen, sich mit ganzem Gewicht gegen den Zaun fallen lassen. Solche erschrecken uns immer wieder Mal.

Um zwei Uhr waren wir in Novi Sad. Auf einem Schiffsrestaurant gab es leckere Toasts. Danach war das Hostel Varadinn rasch gefunden. Es war kühl heute, wir genossen unser Zimmer, wenn auch Johannes sagte, dass es wie ein Puppenhaus ist. Sogar Leonie ist schon zweimal wo dagegen gerannt. Auch sie hatte wohl nicht damit gerechnet, dass sie so wenig Bewegungsspielraum hat.
Nach einer ausgedehnten Pause besteigen wir den Hügel auf dem die historisch wichtige Festung Petrovaradin liegt. Was für tolle Panoramen: die Stadt, die Donau, das Abendrot.



30. Tag, 11. Juni

Novi Sad – Stari Slankamen, 42 km

Wir schwammen noch eine Runde im Pool bevor wir aus Novi Sad raus radeltn. Es ging zehn Kilometer auf der Transitstraße in Richtung Belgrad dahin. Dass sie, die Serben, einem da als RadlerInnen überhaupt fahren lassen, ist wild, sowohl für uns als auch für die Auto- und LKWfahrerInnen. Leonie war bester Laune und erfand sich Geschichten. Heute hörte ich etwas von Babyautos, die in Mäuselöcher hinein fahren und irgendjemand bekam mehrfach gesagt, dass er kein dreckiges Badewasser trinken darf. Gelegentlich stand ich auf dem auf um mich etwas zu dehnen. Da saß ich auf einmal sehr weich. Leonie kudderte. Sie hatte mir das Einhorn untergeschoben. Ich weiche einem Aspaltloch aus, links von mir rattert ein LKW mit Anhänger vorbei. Johannes und ich waren erleichtert, als wir links abbiegen konnten. Anfangs fuhren auch auf dieser Schotterstraße noch einige LKWs. Als sie dann nach dem Gelände einer Baufirma noch immer an uns vorbei wollten, waren wir irritiert. Da stellten wir fest, dass wir direkt in einem Baustellengelände radeltrn. Ja, auch die lokale Bevölkerung fährt hier entlang. Zum zweiten Mal wunderten wir uns, dass sie da überhaupt jemand fahren lassen. Die Bahnstrecke Belgrad – Novi Sad wird zweigleisig ausgebaut. Knapp 10 km geht’s entlang der Strecke dahin: Baufahrzeuge, grüßende Arbeiter, Schotterpiste, beeindruckende Gerüstkonstruktionen. Vom Kindersitze hörte ich nichts mehr. Auch Leonie scheint beeindruckt gewesen zu sein. „Servus!“ rief jemand zu uns her. Dass passiert uns immer wieder, das wir gleich auf deutsch angesprochen werden. Die Menschen hier wissen, dass die RadelfahrerInnen mit hoher Wahrscheinlichkeit aus einem deutschsprachigen Land kommen. Das ist mir jetzt immer mehr bewusst geworden, dass vermutlich eher Menschen mit gut gesichertem und sehr bequemem Lebensalltag derart unbequeme Reisen machen. Viele hier finden es zwar irgendwie „cool“, bezeugen uns ihre Sympathie mit Hupen und nach oben gestreckten Daumen. Die meisten können sich aber bei einem durchschnittlichen Einkommen von 300, 400 Euro vermutlich grad Mal den Alltag leisten.


Endlich erreichten wir das Ende der Großbaustelle. Und da kamen unsere ersten Steigungen! Wir strampelten hinauf nach Cortanovci und machten eine ausgiebige Mittagspause. Bisher war es, so unglaublich mir das auch scheint, tatsächlich flach dahin gegangen. Nur der Bühel in Schönbühel, irgendwo in NÖ fällt mir wieder ein.
Mitten im Ort an einer Kreuzung machten wir Mittagspause. Wir waren froh, die zwei Streckenabschnitt geschafft zu haben und etwas auf der Decke zu rasten. Leonie hingegen war gut ausgeruht, wollte Kunststücke machen.


In Beška sahen wir ein Schild, das uns bewusst macht, dass das Donauwasser ab hier 333 km weniger Strecke bis zum Schwarzen Meer vor sich als wir. Beška liegt auf der Höhe von Stromkilometer 1247.

Zum Glück geht’s dann auf weniger befahrenen Landstraßen gut dahin. In den Dörfern sehen wir immer wieder Menschen die Melonen verkaufen. Wir können sie nur kurz vor einer geplanten Rast kaufen. So eine Kugel will keiner von uns lange mittransportieren.

Nachdem Leonie schlief, radeltn wir durch bis Stari Slankamen. Noch nicht Mal ganz im Ort angekommen, wurden wir von einem Auto aus angesprochen, ob wir ein Zimmer suchen. Wir nahmen das angebotene Zimmer und beobachteten, wie so weitere Gäste für die Nacht organisiert wurden. Es gibt eine weitere Pension, mit möglicherweise attraktiveren Zimmern, hier. Da muss man schon schauen, wie man ein Geschäft macht.

Der sog. Strand ist arg verdreckt, voller Scherben und Müll. Mit dem ersehnten Pritscheln wird’s nix, aber eine Schlangenhaut finden wir.

Dann hängen, wie die meisten anderen hier auch, beim Wirt an der Kreuzung, der zugleich auch ein Geschäft hat, herum. Wir schauten den Menschen zu, die hier offensichtlich in der riesigen Reha-Anstalt für Probleme mit dem Bewegungsapparat untergebracht sind. Wir schauten den hunderten von Schwalben zu, die unter den Dachvorsprüngen der Anstalt seit Generationen ihre Nester bauen und den Dorfhunden, die sich vor uns balgen und rangeln. Stari Slankamen. Der Ort hätte mit seiner geschützten Lage an der Donau Potential für Tourismus, wirkt aber alles in allem vernachlässigt und skurril.

31. Tag, 12. Juli

Stari Slankamen – Skorenovac
28 km geradelte
76 km mit dem Auto gefahren

Bei den Reisevorbereitungen lasen wir immer wieder von den abenteuerlichen Fahrradbedingungen durch Belgrad. Keine Radwege, rücksichtslose AutofahrerInnen und nur eine einzige Bücke, eine Autobahnbrücke, aus der Stadt hinaus. Belgrad mit knapp 1,4 Millionen EinwohnerInnen und die rund 25 km durch die Stadt wollten wir uns nicht antun. Seit Tagen überlegten wir, welche Möglichkeiten es gibt, mit den Fahrrädern und dem Kinder-Anhänger auf die andere Seite von Belgrad zu kommen: Linenschiff? Zug? Taxi?

Unser geschäftstüchtige Vermieter aus Stari Slankamen brachte uns heute Vormittag mit dem Auto, bzw. mit zwei Autos, die rund 76 km nach Pančevo nordöstlich von Belgrad. Im Lieferwagen fuhr unser Equipment, im Audi fuhren wir. Ich war froh, dass der ein Board-Klo hat und wir nicht jedes Mal stehen bleiben mussten, wenn das Einhorn Kacki machen musste!

In Pančevo angekommen machten wir gleich Mal Mittagspause an der Temsch. Leonie nutzte die Gelegenheit und lies sich von den jungen Frauen, die auf der Bank neben uns mit Nagellack hantieren, ihre Nägel anpinseln.

Der Weg aus der Stadt raus verlief zum Teil auf der stark befahrenen Straße, zum Teil auf eigenem Aspaltweg, der jedoch mühsam war, weil sehr holprig, eng mit Randsteinen alle paar Meter. Dann kam auch noch ein Radweg-Schild, dass darauf hinwies, dass eine gewisse Zeit im Jahr die Bäume entlang des Weges ihre Stacheln abwerfen, die auch für gute Radreifen zum Problem werden können. OK, wir benutzten die Fahrbahn.
In Starčevo hatten wir dann dennoch unseren ersten Platten, am Anhänger. Vorbei war es vorerst mit dem Leonies beginnendem Mittagsschlaf.

Ohne viel murren und knurren wechselte Johannes den Schlauch und zur Sicherheit auch den Mantel. Er hatte beides auf Reserve für uns eingepackt. Es dauerte nicht lange und wir waren wieder fahrbereit. Johannes hielt Ausschau nach einem Geschäft indem er Pickzeug oder einen neues Ersatzschlauch bekommen kann. Wir blieben gleich noch im Ort bei einem Laden, der von außen wie ein Mini-Lagerhaus wirkte, stehen. Der Verkäufer sprach etwas deutsch, holte aber dann doch die Töchter der Familie, von denen die größere, Anja, super englisch sprach. Bald hatte Johannes Pickzeug (Kleber mit acht Pickerl, ein Stück Schleifpapier wird auch noch wo runter geschnitten) in der Hand. Im Laden gab es alles was man so braucht für kleinere Arbeiten an Haus und Hof. Nein, zahlen müssen wir es nicht. Ob wir was zum Trinken wollen, ob wir uns reinsetzen wollen, wurden wir gefragt. Wir saßen bei Anja, Tijana und ihrer Mutter Milena hinter dem Geschäft, quasi im „Sozialraum“. Die Familie hat eine Landwirtschaft, Sonnenblumen-, und Maisfelder. Hier sitzen die Arbeiter vor und nach der Arbeit und in den Pausen zusammen, erklärte uns Anja. Ihr Vater, der dann mit zwei Arbeiter kam, erzählte, dass er als Kind sieben Mal in Eferding war, zu Besuch bei seiner Oma und ihrer Schwester. Wir erzählten von unserer Reise und freuen uns Anja und ihre Familie kennengelernt zu haben. Danke für das Pickzeug und die Gastfreundschaft!

Leonie schlief mit einer geschenkten Familienpackung Kekse unterm Arm im Anhänger mit dem neuen Reifen ein. Wir radelten so flott wir konnten. In Skorenovac ist ein Campingplatz eingezeichnet. Mal sehen ob es ihn gibt.

KeinCampingplatz ist wie der andere. Der hier wurde bei einem privaten Wohnhaus, das offensichtlich derzeit keiner gebraucht, installiert. Es hängt ein Schild vor dem Tor. Wenn man bei der Nummer anruft, kommt jemand und lässt einen rein. Mischi, falls wir den Namen richtig verstanden haben, zeigte uns den Platz und die großzügige Sanitäranlage. Lautstark wurden wir von zwei Esel, die ihr Gehege mit zwei Schafen teilen, begrüßt. In einem größeren Käfig kletterte ein Sittich den Ast rauf und runter und ein Schäferhund umschlich uns aus einiger Entfernung.

Nach vielen Tagen bauten wir wieder unser Zelt auf und gingen Abendessen ins Gasthaus, das der gleichen Familie gehört. Der Tisch wurde gedeckt, wir bestellten Getränke. Die Speisekarte? Es gäbe keine Speisekarte, das Essen sei in einer Minute auf dem Tisch, machte mir der junge und bemühte Bursche verständlich. Es brachte ihn auch nicht weiter aus dem Konzept, als ich ihm sagte, dass ich aber Vegetarierin sei. Zwischen Küche, einem Freund am Tisch, der ihm mit englischem Vokabular aushalf, und mir, flitze er hin und her um die Angelegenheit zu regeln. Erst bekamen wir zwei Schüssel mit Suppe, eine mit, eine ohne Fleisch, dafür mit Fisolen. Für Johannes gab es dann Gefüllte Paprika und für mich Omlett mit Käse. Alles schmeckte uns. Zur Frühstücksüberraschung kommen wir wieder!

32. Tag, 13. Juli

Skorenovac – Ram, 46 km

Wieder war die Nachtruhe vom unruhigen Gebell der Hunde durchzogen. Zudem knappern, scharren und treten die zwei Esel immer wieder gut hörbar. Kurz nach halb drei, das war heute früh meine Blog-Schreibzeit, krähten das erste Mal die Hähne. Das fand sogar ich früh!



Jeder Campingplatz ist anders. Bei diesem sind nicht nur die Tiere besonders, sondern auch die Sanitäranlagen.

Immer wieder werden wir von Menschen gefragt, wie es für das Kind ist, so eine Reise zu machen.
Wenn wir Leonie fragen, sagte sie „Gut.“ oder „Die Gelsen sind ungut.“ oder „Normal.“ „Es ist ein kleines Abenteuer.“, Hat sie auch schon gesagt.
Am Vormittag lässt sie nach wie vor gerne in den Sitz heben und den Helm aufsetzen, fragt, wie der nächste Ort heißt und ob man dort baden kann. Und ob es dort ein Eis zu Kaufen gibt. Seit unserem zwei arg anstrengenden Hitzetagen entlang der so unattraktiven Strecke, ist unsere allgemeine Stimmung wieder sehr fein und vergnüglich. Es ist
derzeit nicht so heiß, die Strecke ist abwechslungsreich. An das Fahren auf Landstraßen haben wir uns gewöhnt. Es gibt weniger Gelsen, oder vielleicht haben wir uns auch an sie gewöhnt. Die größte Herausforderung ist grad unsere Pippilotta zum Mittagsschlaf im Anhänger zu verführen.


Bei der Fahrt aus Skorenovac öffnete gerade der Schmied seine Werkstatt. Wir blieben stehen. Er zeigte uns seine Hufeisen. Leonie bekam ein Glas Kuhmilch. Ja, sie haben selbst eine Kuh, vielleicht auch mehrere. Das erfragen wir mangels gemeinsamer Sprache nicht. Dann bringt die Frau ein sehr großes Stück Frischkäse, ebenfalls selbstgemacht. Es ist ebenfalls ein Geschenk für uns.


Plötzlich änderte sich die Landschaft. Weg waren die feuchten Auen, die nicht überblickbaren Felder, die schier endlose Ebene.
Die Autos mit rumänisch Kennzeichen werden immer mehr. Und auch erstaunlich viele mit deutschen und österreichischen fahren an uns vorbei. Alles Menschen, die auf Familien- und Verwandtenbesuch hier her fahren.


Nach der vielen Landstraße heute, entschieden wir uns dafür, den Dammweg zu nehmen. Er führt entlang des Dunav-Tisa-Kanal nach Stara Palanka, dass am linken Donauufer bereits am der Grenze zu Rumänien liegt. Es ging auf dem harten Feldweg relativ gut dahin. Wieder sahen wir einige Reiher und kamen durch eine große Kuhherde mit Hirten. Auch seine Hunde waren wie alle bisher sehr ruhig und zurückhaltend.

In Stara Palanka erreichten wir zufällig gerade die Fähre, die alle zwei Stunden fährt. Wir hatten mittags gar nicht gedacht, dass wir heute noch so weit kommen. Einige andere Radreisende, auch Jasmin aus Luxemburg, die wir in Tulln kennengelernt haben, trafen wir hier wieder.

Nach dem es in Ram keine offizielle Möglichkeit zum Übernachten gibt, fragten wir den Wirten gleich bei der Anlegestelle. Mit den Händen deutete er mir ein Zelt und zeigte mir ein Stück Wiese zwischen Gasthaus, Donauufer und dem Weg zum Gasthaus-Klo. Perfekt!

Nach einem Abendessen im Gasthaus, Fisch für Leonie, der Kartoffel-Beilagensalat für Johannes und Salat mit Brot (der blieb mir ganz für mich), gingen wir rauf zur frisch revitalisierten Ruine. Was für ein Ausblick auf die Donau, die hier zu einem breiten See angewachsen ist.