Menschen im Portrait

Karl Pölz und die Philosophie der Mischmaschine
Karl Poelz der Erfinder (6)_kl (Foto:Flora Fellner)

Derzeit ist es wieder in Mode, kleine Werkstücke selbst zu tischlern, bei der Restaurierung der eigenen Wohnung mit Hand an zu legen und seine Messer zum Schleifen zu bringen anstatt sich gleich neue zu kaufen. Dass aber die Kreissäge, die Mischmaschine für den Mörtel und der Schleifbock auch selbst gebaut werden können, das passt kaum in unser Fertigprodukt-orientiertes Vorstellungsvermögen.

Karl Pölz weiß mit Metall umzugehen. Er ist Experte für angewandte Mechanik und hat Sinn für praktisch-innovative Lösungen. Sein Reich der selbstgemachten Maschinen und Vorrichtungen finden wir in einem unscheinbaren, inzwischen in die Jahre gekommenen Einfamilienhaus, in Freistadt.

Normalerweise stellt man sich eine Werkstatt so vor: Man kauft sich die Maschinen, dann arbeitet und werkelt man damit. In der Werkstatt von Karl Pölz ist das anders. Fast alle Gerätschaften, eine große Werkbank, ein Schrank mit Laden und unterschiedliche kleinere Werkzeuge, die hier zu finden sind, hat er selbst gefertigt: kleinere und größere Nass-Schleifböcke, ein Punktschweißgerät, zwei Mischmaschinen, zwei Kreissägen und selbst das Garagentor ̶ „elektrisch, mit 14 Kugellagern und einer Lebensdauer von 100 Jahren“ wirft Karl Pölz mit verschmitztem, stolzem Lächeln ein.
Das größte Gerät in der Werkstatt ist ein VDF-Produkt (für Nicht-Insider: VDF-steht für Vereinigte Drehbank Fabriken). Karl Pölz hat es seinem ehemaligen Arbeitgeber abgekauft, als eine neue Maschine angeschafft wurde. Die Drehbank, Baujahr 1942, damals „das Beste vom Besten“, hatte einige Bombenschäden und musste von ihm in Stand gesetzt und optimiert werden, bevor er sie in Betrieb nehmen konnte. Sie funktioniert mit Kuppelung und hat 100te von Gängen mit denen die Drehgeschwindigkeit präzise dosiert werden kann.
Fängt Karl Pölz von seinen Werkstücken und Experimenten zum Erzählen an, spricht er in einem Fachjargon, dem wir als Volkskundlerin und Kunsthistorikerin nur bedingt folgen können. Bei vielen Begriffen müssten wir nachfragen: Wir wissen weder was ein Subito, ein Schnellwechselschalter, ein Amerikaner und die Differenz von metrischem Gewinde und Zollgewinde ist.
Karl Pölz erzählt gerne von seinen Überlegungen und, wie er es nennt „Experimenten“. Ein Werkstück nach dem anderen wird vorgeführt. Bei fast jedem meint er, etwas nebenbei und doch mit stolzem Unterton „Das hier, das hat auch kein anderer Mensch!“ Mit dem Umlegen eines einzigen Hebels wird zum Beispiel ein massiver Amboss-Kasten frei im Raum beweglich und kann ohne Kraftaufwand in der Werkstatt dorthin gefahren werden, wo er gebraucht wird. Mehrmals hat Karl Pölz bereits beim Ideenwettbewerb der OÖ Rundschau mitgemacht. Zwei Ideen hatte er für kleine Wasserkraftwerke: eine Vorrichtung, die die Turbinenleistung entsprechend dem Wasserstand regelt und eine Konstruktion für den Reinigungskamm, der Blattwerk und Äste entfernt. Unter anderem hat er noch einen schwenkbaren Muli-Drehkopfaufsatz für die VDF und einen Mechanismus für ein dicht schließendes Schiebetor ̶ „das wäre für viele Landwirte brauchbar, aber es hat noch keiner nachgebaut“ so Karl Pölz ̶ entwickelt. Natürlich hat er nicht das „Rad neu erfunden“, aber kein Gerät, das bei ihm zu finden ist, ist eine Kopie eines anderen. Immer war es ihm ein Anliegen, bestehende Maschinen und Vorrichtungen zu verbessern. „Lange nachdenken und dann weniger arbeiten“ – mit diesem Ansatz baut er seine Geräte. Auch für uns als Unkundige dieser Materie wirken all seine Lösungen logisch nachvollziehbar und praktisch.
Zwei Mischmaschinen, mit Kette und Winkelantrieb, hat er auch gebaut. Denn: „Eine gescheite Mischmaschine kriegt man heutzutage nicht zu kaufen,“ so Karl Pölz. Seine hat ein Handrad mit Gegengewicht und eine dementsprechend genau ausgetüftelte Achs-Höhe, sodass auch der volle Kessel leicht manövriert werden kann und nicht einem die Misch ungewollt entgegenkommen kann. Ergonomisch einfach ist auch das Pedal zum Treten der Arretierung des Kessel zu erreichen. „So muss eine Mischmaschine zu bedienen sein!“ das weiß Karl Pölz mit Sicherheit.
Gelernt hat Karl Pölz Wagner und Karosseriebau, wobei er darauf verweist, dass es den Lehrberuf Karosseriebau damals noch gar nicht offiziell gab. Einer der ersten größeren Arbeiten in seiner Lehrfirma in Waidhofen/Ybbs ist ihm besonders in Erinnerung geblieben. Jemand, der einen Steyrer 380 LKW ohne Führerhaus gekauft hatte, wollte eine komplette Führerkabine aus Blech. Damals waren die Führerhäuser dieser LKWs aus einer Buchenholz-Grundstruktur, das komplett mit Blech überzogen wurde. Mit sog. Holzschuhnägeln ist dafür das Blech an der Rahmenkonstruktion festgenagelt worden. Dass nach zwei, drei Jahren das Buchenholz morsch wurde, war weithin bekannt. Aus diesem Grund wurde für den erwähnten Kunden ein Führerhaus, vollständig aus Blech, angefertigt. Diese umfassende Blechbiegearbeit per Hand war damals eine kostspielige Neuerung. „Aber“, so Karl Pölz, „auch heute wird in der Lehre der Karosseriespengler anfangs noch viel wie damals mit der Hand gemacht. Nur so bekomme man ein Gefühl für das Material.“ In seiner weiteren Berufslaufbahn hat er für die VOEST und bis zur Pensionierung bei den ÖBB gearbeitet.

Der Wert von Arbeit und die Kompetenz, mit einem Material umzugehen, die man nur in jahrzehntelanger Erfahrung und Einübung gewinnt, ist im Laufe unseres Besuches immer wieder Thema. Karl Pölz zeigt uns eine Kreissägen-Antriebswellen. Seine Kumpels meinten, sowas kann man überhaupt nicht selbst bauen. „Es stecken in einer Antriebswelle zwar 15 Arbeitsstunden, aber machbar ist es.“ Für die Kreissäge mit großem Tisch, schätzt er an die 120 Stunden Arbeitszeit. Die würde er auch verkaufen, meint er, auch wenn er weiß, dass er nur einen Liebhaberpreis dafür bekommen würde. Auch die Blechtüren im Untergeschoß des Hauses sind von ihm gemacht worden. Heute, so Karl Pölz, würde das keinen Sinn mehr machen, denn allein schon das Roh-Blech würde mehr kosten als eine fertige Tür im Baumarkt. Vor kurzem hatte er, wie er meinte, einen Auftrag, der für ihn Sinn machte: Einem in Freistadt gastierenden Zirkus ist ein Teil eines besonderen Kugelgelenkes von einem der Fahrzeuge gebrochen. Zum Nachbestellen gibt es diese alten Teile nicht mehr. Aber mit seinem Können und seinen Geräte konnte er innerhalb kürzester Zeit das passende Teil für den Zirkuswagen produzieren. Bezahlbar ist auch diese Arbeit im Grunde nicht, so Karl Pölz, in einem Nebensatz, bei dem er sich bereits zum nächsten Experiment wendet: eine Stiege, die zugleich Lift ist! Ein Lift, der eine Stiege ist und eine Stiege die ein Lift ist ̶ das hat uns besonders amüsiert! Mithilfe eines, für uns undurchschaubaren Mechanismus, werden während des Absenkens die Stufen zu einer Plattform und beim Hochfahren die Plattform wieder zu Stufen. Dieses Experiment brachte uns in den Keller, in dem die erweiterte Werkstatt von Karl Pölz untergebracht ist.

Hier entdecken wir neben all den beschriebenen Geräten eine weitere Leidenschaft von Karl Pölz: zwei alte PUCH in bestem Zustand. Welche Typenbezeichnung genau, vermögen wir zwei nicht zu erkennen. Die eine jedenfalls, so Karl Pölz, war das erste Motorrad mit Elektrostarter und einen versperrbaren Tankdeckel hat es auch. Für beide Motorräder hat er einen Startschlüssel aus zähem Nirosta-Stück gedreht. Die original Schlüssel waren aus weicherem Metall und die Bakelit-Knöpfe waren kaputt. Die seinen halten ewig! Auch beide Paketträger der Motorräder hat er selbst gefertigt. Auch das hat sonst keiner. Und die Metallringe, die das grüne Gang-Licht und die rote Ladekontrolllampe einfassen, hat er selbst gefräst. Da gab es zwar Teile zu kaufen, aber die schienen ihm von schlechter Qualität.

Christine Ortner: „Es war einmal das Mühlviertel“

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Als ich, Andrea Fröhlich, ein kleines Mädchen war, drei, vier vielleicht, schenkte mein Papa meiner Mama eine Zier-Schüssel. Mit flottem, blauem Pinselstrich ist darauf eine Bäuerin mit ihren zwei kleinen Mädchen zu sehen. Mir war es damals unerklärlich, wie es möglich war, dass meine Schwester, meine Mama und ich auf einer Schüssel sein konnten. Christine Ortner ist die Malerin dieser Keramik.

Malerin wollte Christine Ortner bereits als Kind werden. Ihre Lehrer haben den Besuch einer höheren Ausbildung unterstützt. Doch in Schenkenfelden, da wuchs sie auf, gab es keine weiterführende Schule. Aufgrund der knappen finanziellen Ressource, mit der ihre Eltern wirtschaften mussten, war der Besuche eines Internates nicht denkbar. Seither zeichnet und malt Christine Ortner als autodidakte Künstlerin. Sie habe einfach gezeichnet, sagt sie, immer weiter und weiter, und so habe sie ihren eigenen Stil gefunden.
Ihre Bilder erzählen Geschichten. Es sind Geschichten von früheren Landschaften: von unbegradigten Bächen, von stehen gelassenen Feldrainen und nicht drainagierten Wiesen. Es sind Geschichten von überholter Praxis landwirtschaftlicher Arbeit: pflügen mit dem Pferd, mähen mit der Sense und Besen binden. Es sind Geschichten von vergangener Alltagskultur: religiöse Feste im Jahreskreis, heidnische Rituale und andere gesellige Bräuche. Besonders die Figuren sind charakteristisch für Christine Ortner. Es ist ein Menschentypus, wie wir es gegenwärtig kaum noch kennen. Die Gesichter sind geprägt von karger Kost und die Körperhaltungen zeugen von kontinuierlich harter Arbeit in freier Natur. „Ich habe die ganze Gegend, die Besonderheiten der Mühlviertler Landschaft und seiner Menschen aus der Kindheit, in mir gespeichert.“ so Christine Ortner, die alles aus dem Gedächtnis, nichts draußen in der Natur, malt.

Christine Ortner arbeitete von Anfang an mit Ölfarben. Erst später begann sie auch mit Pastellkreide zu malen. Beide Techniken hat sie sich im Laufe der Jahre selbst angeeignet. Neben der vorrangingen Arbeit mit Öl und Pastell hat sie eine Zeit lang auch Keramiken bemalt. Es gibt Zeiten, da geht sie jeden Tag zum Gemälde, an dem sie gerade arbeitet, dann gibt es, wegen dem Öl und ihrer Technik, aber dazwischen auch wieder Phasen, in denen sie warten muss, bis die Farbe getrocknet ist. Und besonders die Figuren mit ihren feinst modellierten, individuell ausdrucksstarken Gesichtern brauchen besonders hohe Konzentration und präzise Pinselführung.

1986 wurde der erste Kalender zum Thema „Das Jahr am Land“ gedruckt und österreichweit erfolgreich vertrieben. Seither sind sieben weitere Kalender dazugekommen. Sie tragen Titel wie „Das Jahr im Lied“, „Unsere Sagen“ und „Romantische Erinnerungen“. Der Satz, der der Malerin als Botschaft besonders wichtig ist, steht auf mehreren ihrer Kalender: „Ich bin im Gestern verwurzelt, mit der Bitte mit unserer schönen Landschaft behutsam umzugehen und nicht alles dem Fortschritt und der Wirtschaftlichkeit zu opfern.“

Ich erinnere mich, dass mich in der Volks- und in der Hauptschule, wenn es die Ansichtskarten des Österreichisches Hilfswerkes, des Rotes Kreuzes oder anderer Organisationen zu kaufen gab, immer die klaren, idyllischen Bildwelten von Christine Ortner in den Bann gezogen haben. Auch der WWF hat jahrelang Motive von ihr als Karten, die europaweit verbreitet wurden, gedruckt: „Es sind Impulse von unserem Mühlviertel, die ich hinausgeschickt habe in die Welt.“ Eines ihrer Bilder hängt in Paris, im Museum Musée d´Árt NaÏv in Paris, aber es ist ihr nicht so wichtig, zu wissen, wo sie zugeordnet wird. Auch die großformatigen Ölgemälde des zuletzt erschienenen Kalenders zeigen vergangenes, ländliches Leben im Jahreskreis, so wie sie es aus ihrer Kindheit in Erinnerung hat. Das nächste große Projekt, wieder für einen Kalender, ist bereits begonnen: Es wird ein Jahreszyklus mit den Tätigkeiten in den bäuerlichen Wohnräumen.

Auch wenn wohlmeinende Künstler-Bekannte sie immer wieder von der Notwendigkeit, mit der Zeit zu gehen und moderner zu werden, überzeugen wollten, blieb Christine Ortner bei dem Stil und der Arbeitsweise, die sie sich über die Jahre erarbeitet hat. Einer, der sie dahingehend immer wieder bestärkt hat, war Prof. Anderl, ehemaliger Zeichenprofessor am Gymnasium in Freistadt: „Schau nicht nach links und rechts“, riet er ihr, „mal dein Mühlviertel so, wie du es vor deinem inneren Auge siehst.“ Bis heute klingen diese Sätze noch wohltuend und bestätigend. So hat sie sich bis heute keinem Trend und keiner Mode gebeugt und hat stetig und konsequent in ihrer Art weitergearbeitet, auch wenn sie gelegentlich der Zweifel plagte, ob sie nicht doch einmal etwas anderes versuchen sollte. Christine Ortner erzählt: „Vor ein paar Wochen sah ich im Hallenbad einen jungen, großgewachsenen Mann. Er sah aus wie von Michelangelo geschaffen. Ich nahm mir fest vor, gleich zu Hause eine Skizze von ihm anzufertigen. Ich schaute genau und prägte ihn mir ein. Ich bin dann frühzeitig heim und habe ihn gezeichnet. Am Ende musste ich feststellen, dass es dann doch wieder so ein „gestandener Mühlviertler“ geworden ist, mit einer Haltung und einem Gesicht, wie man sie von mir kennt!“ Zum Glück kann Christine Ortner über diese feine Anekdote selbst schmunzeln, bestätigt sie doch, wie sehr ihre Malweise ganz aus ihr selbst kommt.

„Ich freue mich, dass auch junge Leute meine Bilder mögen. “ sagt Christine Ortner. Es ist wohl auch eine Sehnsucht, die durch die Bilder angesprochen wird, eine heile Welt, die es so nicht gibt und auch nie gab. Sie weiß um dieses Dilemma. Die von ihr dargestellten Idyllen hat es so nie gegeben, das Leben war hart, oft auch ungerecht und sie selbst würde nicht mehr in jener Zeit leben wollen. Der Satz „Die Vergangenheit war noch nie so schön wie heute“ kommt mir dazu in den Sinn.

Hörbar wehmütig stellt Christine Ortner fest: „Es ist ruhiger geworden um mich“, fügt aber hinzu „Solange ich selbst berauscht bin vom Malen, höre ich nicht auf, gleich ob ich davon etwas verkaufe oder nicht. Man darf sich nicht ständig mit anderen messen, da kann man komplett verzweifeln,“ das weiß sie „Jeder muss seine eigene Ausdrucksweise finden, nur das macht Sinn und mein Leben wäre um vieles ärmer, würde ich nicht malen.“

Der neue, immerwährende Kalender „Das Mühlviertel meiner Kindheit“ ist im Buchhandel erhältlich.
Zu hören ist Christine Ortner in einer Radiosendung des FRF unter http://cba.fro.at/292853
Die nächste Ausstellung von Christine Ortner ist für die Sommermonate 2016 in der Villa Sinnenreich, Rohrbach, in Planung.

„Mein Atelier ist die freie Natur“ Herbert Wagner

Mein Arbeiten ist immer abhängig vom Wetter, von wechselnden Temperaturen, von Niederschlag und Wind, von Lichtveränderungen und Steckmücken.“ so Herbert Wagner. „Das Malen nach der Natur erfordert viel Disziplin. Die gegebene Proportionalität, der man gerecht werden will, die Luftperspektive, die den Bildraum aufspannen soll, die flüchtigen Lichtveränderungen, die Stimmung, die man der Natur abringen will, all das erfordert konzentriertes Arbeiten.“ schildert er. „Es geht mir darum, etwas gerecht zu werden, das in mir selbst, aber auch außerhalb von mir liegt. Das erfordert Selbstdisziplin, das erfordert immer wieder ein genaues Hinschauen, um nichts ins Klischeehafte, ins Schablonenhafte abzugleiten.“
Herbert Wagner erzählt, dass es immer wieder Motive gibt, die ihn an seine Jugend erinnern. „Als Bub bin ich in einer bäuerlich geprägten Landschaft aufgewachsen, Wälder und Wiesen, Felder und Bäche, die Natur mit wenigen Eingriffen, das sind die Orte, die ich auch jetzt noch suche.“, sagt der im Jänner 1931 im südlichen Burgenland geborene Herbert Wagner. Vor uns lehnt ein Ölgemälde eines Hohlweges. Durch locker stehende Laubbäume fällt warmes Sonnenlicht. Die unscheinbaren Motive, in denen auf subtiler Weise die Spuren der Menschen sichtbar sind, ziehen ihn oft an. „Für ein Gemälde braucht es viele Entscheidungen: Was will man betonen, was soll in den Hintergrund treten? Wie die Kontraste übersteigern, damit das Bild das Empfinden des durchflutenden Sonnenlichts nacherleben lässt?“ Die Schneerose auf dem Gemälde vor uns, das an einer Staffelei lehnt, wuchs in seinem Garten. Die Landschaft dahinter ist die des Thurytals. Nie würde man, im Betrachten des Bildes, auf die Idee kommen, dass das Gemälde aus Natur-Versatzstücken komponiert wurde, so glaubhaft wirkt das Szenario.
Das Figurale hat für Herbert Wagner nie Priorität gehabet. Auf Auftrag hat er im Lauf seines Lebens zwar einige Porträts geschaffen, aber die vielfältigen Erscheinungsformen der Natur waren es, die ihn immer wieder anzogen. Viele Motive fand er Freistadt und im Mühlviertel, ebenso aber auch auf Reisen. Überall entstanden, je nach Zeit und Witterung, Grafiken und Gemälde. Während die Mitreisenden Stadtführung machten, sich Tulpenfelder anschauen gingen oder Mittag aßen, streifte er durch die Landschaft und die Straßen um etwas davon einzufangen. „Keine Reise würde mich zufrieden stellen, wenn ich meine Eindrücke nicht in einer Skizze, in einem Aquarell festhalten und mit nach Hause nehmen würde.“
Wagner erzählt, dass es ihm Gewohnheit und Bedürfnis ist, jeden Tag zu zeichnen oder zu malen. „Andere Menschen joggen täglich und Musiker üben jeden Tag. Zu meinem Alltag gehört, mich in ein Motiv zu vertiefen, es zu gestalten und seiner habhaft zu werden,“ beschreibt er „und wenn es Tage gibt, an denen ich gar nicht draußen arbeiten kann, dann befasse ich mich mit verschiedenen Fundstücken aus der Natur.“ Herbert Wagner betont, wie wichtig es ihm ist, sich selbst und seinem Anspruch gerecht zu werden. Ich, Andrea, höre ihm zu und es kommt mir ein Vers von Theodore Fontane in den Sinn „Es kann die Ehre dieser Welt dir keine Ehre geben, was dich in Wahrheit hebt und hält, muss in dir selber leben.“ Wagner weiter: „Man muss sich immer wieder etwas Neues zutrauen, sich auf den Prüfstand stellen. Man sollte offen bleiben für einen neuen Weg, womit ich nicht meine, dass es ein komplett anderer sein muss. Man kann den gewohnten Weg mit neuen Gedanken gehen.“ erläutert Herbert Wagner. „Dass ich bei zeitgenössischen Kritikern ankomme, strebe ich nicht an, das ist nicht meine Sorge. Ich würde genieren, wenn es nicht mein Antrieb wäre, vor allem dem eigenen Anspruch gerecht zu werden.“ so Herbert Wagner, das zweite Glas Blauburger schwenkend. „Wenn mir etwas nicht gelingt, werde ich missmutig und gereizt, möchte ich’s verwerfen. Man hadert mit sich, soll man es bleiben lassen oder das Misslungene doch nochmals überarbeiten.“
Für dieses Jahr, sein eben begonnenes 86. Lebensjahr, hat sich Herbert Wagner vorgenommen, lockerer und kompromissloser zu malen. „Das gärt schon seit Jahren.“ merkt er an. Wagner spricht von Bildern, in denen nicht alles bis ins Letzte ausexerziert sondern schwebender ist. Der Kopf des Betrachters soll gefordert sein, sodass dieser sein eigenes Erleben entwickeln kann. „Das zeitlos Gültige möchte ich im Ausdruck finden. Und das ist vielleicht in einer gewissen Reduktion zu erreichen, eine Beschränkung auf das Wesentliche in Form und Farbe.“ sinniert Wagner vor sich hin, für sich selbst, für seine Frau und für mich. „Zum kleinsten gemeinsamen Nenner, der stärker zum Ausdruck bringen kann, was in den sich verändernden Tagesstimmungen und Jahreszeiten bestehen bleibt, unabhängig von einem definierten Ort und einer kurzlebigen Episode, drängt es mich.“ Gleichsam ohne Pinsel und Farbe zeichnen seine Hände seine Gedankengänge, als ob er sie mit ihnen skizzierte, in die Luft. „Ich kann mir nicht vorstellen, irgendwann mit der Malerei aufzuhören. Es macht mir Angst, wenn ich daran denke, dass ich eines Tages vielleicht feststellen muss, dass ich etwas mir Vorgenommenes nicht mehr bewältigen kann.“
Draußen im Garten kommen mehr und mehr Vögel zu den zwei Futterhäuschen. Dass in alten Zeiten gelehrt wurde, Tiere und Pflanzen hätten kein Empfinden sondern nur Instinkte, das können Herbert Wagner und seine Frau, Maria, nicht nachvollziehen: „So groß, wie man einmal meinte, kann der qualitative Unterschied im Empfinden zwischen Mensch und Tieren nicht sein.“ und erzählen von Beobachtungen und Erlebnissen, die ihnen das Gegenteil verdeutlichten. Die Blicke der beiden folgen wohlwollend den eifrig im Garten pickenden Vögeln, die sich trotz milden Tauwetters über das Futter freuen. „Man muss immer wieder etwas riskieren. Malen vor der Natur schließt immer auch die Möglichkeit des Scheiterns mit ein, und umso befriedigender ist es, wenn man das Gefühl hat, dass es gelungen ist, das Naturerlebnis wieder zu geben. Ich suche oft komplizierte Motive, die mir eine Herausforderung sind, damit ich mich nicht in allzu Gewohntem wiederhole. Man weiß vor so manchem Motiv, man wird sich plagen, man kann scheitern, aber ich suche diese Bewährungsprobe immer wieder.“ So präzise und überlegt, wie Herbert Wagner den Pinsel setzt, wählt er auch seine Worte. Den Wechsel der Jahreszeiten, den man Jahr für Jahr durchlebt hat und der einem den Zyklus menschlichen Lebens augenscheinlich macht, all das schätzt Wagner an unserem gemäßigten Klima: „Das Zauberhafte am Werden und Aufblühen des Frühlings, die üppigen Landschaften, die satten Felder im Sommer, dann die Zeit des letzten Aufleuchtens vor dem scheinbaren Vergehen im Winter, dieser Lauf der Jahreszeiten ist für mich auch Sinnbild für das menschliche Leben.“ meint er. „In der Jugend bin ich an vieles unbekümmerter herangegangen. Mit den Jahren wird man selbstkritischer und der Anspruch an sich selbst nicht geringer,“ resümiert Wagner. „Ich plag mich immer noch gern. Ein bequemer Tag hinterlässt ein schales Gefühl.“

Flora Fellner und ich besuchten Herbert und Maria Wagner am 1. Februar 2016 in ihrem Haus in der Lasbergerstraße, in Freistadt. Im Frühjahr werden wir ihn noch bei einem Malausflug begleiten.
Ausführlich ist über das künstlerische Werk und das Leben von Herbert Wagner in den Freistädter Geschichtsblättern Nr. 16 nachzulesen.
Die nächste Ausstellung von Herbert Wagner wird in der Brauhausgalerie 2018 eröffnet werden.