Eröffnungsrede Christine Stangl

DO 11. September 2014,
Kunstplatz der SVA, Wiedner Hauptstaße

In den Bildern, die wir hier sehen, verbergen sich wortwörtlich vielschichtige Geschichten. Und vielleicht geht es Ihnen wie mir: Beim Betrachten dieser Arbeiten taucht immer wieder die Frage auf, woher diese Bilder kam, wie sie entstanden sind. Ich habe immer den Eindruck, dass man beim Betrachten dieser Bildgeschichten zum Detektiv wird, vielleicht auch zum Kommissar, und sich auf Spurensuche begibt, in diese Zwischenwelten, die ihre Bilder aufmachen. Genau das möchte ich jetzt auch für Sie erfassen, was diesen Bildern, dem Prozess ihres Entstehens zu Grunde liegt.
Diese Bildwelten, auch der gestalterische Arbeitsprozess, wie es zu diesen Werken kommt, hat sehr viel mit uns, mit unseren menschlichen Lebensmodalitäten zu tun. Es geht darum, was sein darf und was nicht, es geht um fremden Erwartungen und eigene Bedürfnisse, um angelernte Verhaltensweisen und die Kluft zwischen dem „Sollen“ und dem „Wollen“. Genau damit arbeitet Christine Stangl, aus diesen Parametern heraus entstehen ihre Bilder. Einmal hat sie zu mir gesagt: „Es geht mir darum, „mich selbst zu erlauben“.
Christine Stangl arbeitet mit unterschiedlichen Materialien, verwendet unterschiedliche Texturen, fügt fotographische Elementen (kopiert und/oder digital verarbeitet) ein, verarbeitet Schablonen und Schriftzügen und komponiert reliefartige Strukturen (Acryl-Gel). Sie kratzt weg, überklebt, legt wieder frei, schabt Farbe ab und trägt wieder neue auf. Ihre Werke sind keine glatten, keine geschönte Hochglanzoberfläche, keine heilen Scheinwelten, keine Idyllen von denen man weiß, dass sie irgendwo ihre dunklen Flecken haben. Auch sind es keine kühlen analytischen Statements, sondern Christine Stangl fasziniert das leicht morbid, das zwielichtige und die Schönheit des Verfalls. Die Anziehung, die von ihren Arbeiten ausgeht adressieren uns als Mensch, so ist immer mein Eindruck, sehr direkt: die Bilder zeugen von der Vielfalt und auch von der Ambivalenz menschlicher Gefühle, sie wecken sinnlich-erotische Assoziationen und lassen uns eine warm, archaische Körperlichkeit spüren.

Dass wir hier heute in diese Bildwelten, in diese Mixed-Media-Collagen, eintauchen dürfen, ist eine Besonderheit, denn Christine Stangl ist vor allem als Keramikerin bekannt. Mit ihren Keramiken ist sie in mehreren Galerien vertreten, nimmt immer wieder an Keramikwettbewerben teil und manchmal, selten zwar, gibt es die Gelegenheit bei ihr einen Workshop zu machen.
Viel von dem, was Christine Stangl zu Kunstwerken verarbeitet, kennen wir in der einen oder anderen Form auch selbst, auch wenn die meisten von uns daraus keine Kunstwerke schaffen. Es ist dieses „sich etwas Aneignen“ das das ist, etwas Aufgreifen und für sich nutzen, was an Dingen, an Situationen und „Zufällen“ das Leben so mit sich bringt. Dieses Ausloten des Möglichen, sowohl von der Komposition her als auch von den verwendbaren Materialien ist seit den 1960er Jahren eines der zentralen Thema der Malerei. Vielleicht kennen Sie die Materialbilder / Combined Paintings/ von Robert Rauschenberg und Jasper Jones, um an zwei international erfolgreiche Künstler anzuschließen. Sie hatten allerdings primär formale Interessen. Christine Stangl geht, wie bereits thematisiert, um unsere menschlichen Strategien und Handlungsmöglichkeiten.
Christine Stangl verarbeitet vorgefundene Materialien aus dem Alltag, aber auch Elemente ihrer keramischen Arbeit. Besonders präsent ist dieses Gesicht. Es ist das Gesicht einer keramischen Figur. Christine Stangl hat die vier personifizierte Jahreszeiten gestaltet. Das Gesicht, das wir in mehreren Arbeiten sehen, ist das des Winters. Es ist ein sehr strenges Gesicht, ein willensstarkes. Es ist ein sehr wissender Blick, ein allwissender vielleicht, mit dem wir hier konfrontiert werden. Vielleicht aber, spiegelt der Blick vor allem auch wieder, wie man sich selbst gerade zu Hause fühlt in der Welt – den heute erscheint er mir viel freundlicher, als bei früheren Blick-Begegnungen.
Christine Stangl lässt mit ihren Bildern weder einen einheitlichen Raum noch eine konkrete Zeit entstehen. Auch das Gesicht ist eingewoben in unterschiedliche Kontexte und Zeit-Ge-Schichten. Die Prozesse, in denen die Bilder entstehen, sind oft sehr lange. Christine Stangl sagt, sie ist während des Arbeitens „auf der Suche nach dem Bild“. Vielleicht so wie man als Betrachter auch auf der Suche nach den Geschichten und „roten Fäden“ ist, die sich durch die Bilder ziehen oder die man in das Bild hinein sieht. In diesem Zusammenhang, stellt sich für Christine Stangl im Arbeitsprozess immer wieder die Frage, des „richtigen“ Abschlusses eines Themas, eines Werkes. Man kann etwas kaputt machen, wenn man zu viel macht, so als ob beim Kochen dann doch die letzte Prise Salz zu viel war. Genauso aber kann man zu früh aufhören und das Bild bleibt irgendwie in der Luft hängen.
Bevor ich zum Abschluss komme, möchte ich noch die unter den hier ausgestellten Arbeiten vielleicht am klarsten zu lesende Bildgeschichte erwähnen. Es ist diese vierteilige Arbeit mit dem Titel „Spuren“.
Diese Bilder erfassen den Prozess all dessen was lebt und Leben ausmacht. Der Zyklus vom „in die Welt kommen“, zum „größer werden“, zum „sich Ausweiten“, das Erreichen eines Zenits, das Erreichen der Grenze dessen, was möglich ist, bis „sich verabschieden“ und das Wissen darum, dass man etwas hinterlassen haben wird.
Aber, vielleicht ist es doch auch bei dieser Arbeit, wie bei allem im Leben: Nichts ist nur so wie es im ersten Augenblick scheint. Und genau das trifft sowohl für die Arbeiten von Christine Stangl als auch für die Geschichten von Thomas Raab zu. Immer liegt noch eine weitere Wahrheit hinter der Wahrheit, ein anderer Zugang, eine andere Möglichkeit, hinter dem, was wir gerade glauben verstanden zu haben. Gerade das macht diese Arbeiten immer wieder aufs Neue reizvoll.
Danke.